Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Schmalzstreubel, Frittierte Teigstreifen

Tegernseer Wirtschaftsbüchlein (Speisenbuch) · Kloster Tegernsee, Bayern · 1460

LesartRekonstruktion aus ZutatenlisteDessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Festtag / FesttafelHöfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit25 Min.Portionen4-6 PersonenBuchTegernseer Speisenbuch (~1460)

Rühre Mehl, Eier und Wasser zu einem glatten Teig. Der Teig soll fließfähig sein wie dünner Pfannkuchenteig - er muss durch ein grobes Sieb tropfen können, ohne gestopft zu werden. Erhitze reichlich Schmalz in einem tiefen Topf oder einer Pfanne, das Fett muss heiß sein (ca. 175°C). Streiche den Teig durch ein grobes Sieb oder einen Holzlöffel mit Löchern direkt ins heiße Fett: er fällt als unregelmäßige Streusel und Strippen hinein. Backe sie goldbraun aus und schöpfe sie mit einer Schaumkelle ab. Auf einem Leinentuch abtropfen lassen und heiß mit Honig beträufeln servieren.

Hinweis: Das Tegernseer Original ist nur knapp notiert (Menü-/Mengenliste der Klosterküche); die ausführliche Zubereitung ist hier nachkochbar rekonstruiert.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
mefl 200 g Weizenmehl (Typ 405) - -
aÿ 2 Eier - -
waßer ca. 220 ml Wasser (oder Milch für reicheren Teig) - -
schmaltz 500 g Schmalz zum Frittieren Metzger, Supermarkt neutrales Pflanzenfett (Sonnenblumenöl)
honig Honig zum Beträufeln Imker, Bauernmarkt Puderzucker

Welches Gericht ist das? Frittierte Teigstreusel aus Schmalzgebäck - die Familie der Strauben und Streubel. Lebende Verwandtschaft: schwäbische Strauben, österreichische Schuxen, spanische Churros. Alles dieselbe Idee: ein fließfähiger Teig wird ins heiße Fett gestrichen und backt zu unregelmäßigen, knusprigen Strippen.

Streubel (zu "streuen") meint die durch ein grobes Sieb ins Fett getropften, unregelmäßigen Stränge. Das benachbart genannte kräntzen (Kränze) und ringen deuten auf ring- oder kranzförmig gelegtes Gebäck - die Mengenliste überliefert keine Form, daher ist die Sieb-Streusel-Form eine period-typische, aber nicht zwingende Wahl.

Der Teig muss dünnflüssig genug sein, um durch ein grobes Sieb zu tropfen, ohne zu stopfen - wie dünner Pfannkuchenteig. Zu dick, und er fällt als Klumpen; zu dünn, und er zerfließt im Fett.

Praxis. Mehl, Eier und Wasser (oder Milch für einen reicheren Teig) glatt rühren. Schmalz in einem tiefen Topf auf ca. 175 Grad erhitzen - die Probe: ein Teigtropfen muss sofort aufsteigen und sprudeln. Teig durch ein grobes Sieb, einen Lochlöffel oder einen Spritzbeutel direkt ins Fett geben, goldbraun ausbacken, mit der Schaumkelle abschöpfen, auf Tuch abtropfen lassen. Heiß mit Honig beträufeln. Wichtig: das Fett wirklich heiß halten, sonst saugen die Streubel zu viel auf.

Was sind Streubel genau?

Streubel sind frittierte Teigstreifen und -tropfen, die entstehen, wenn man einen zähen Flüssigteig durch ein grobes Sieb in heißes Fett streicht oder drückt. Sie sind unregelmäßig geformt, mal rund wie Tropfen, mal lang wie Streifen. Eng verwandt mit spanischen Churros, österreichischen Schuxen und schwäbischen Strauben.

Gab es Streubel wirklich im Kloster?

Ja. Frittierte Teiggebäcke (Krapfen, Strauben, Streubel) waren im ganzen mittelalterlichen deutschsprachigen Raum bekannt und auch in Klöstern zu Festzeiten erlaubt. Das Schmalzgebäck galt als Festspeise und erscheint in vielen deutschen Kochbüchern des 14.-16. Jahrhunderts.

Wie bekomme ich die Streubel gleichmäßig ins Fett?

Am einfachsten geht es mit einem Spritzbeutel (oder einem Gefrierbeutel mit einem kleinen Loch). Du kannst auch einen Löffel mit Löchern verwenden oder den Teig durch ein grobes Sieb streichen. Historisch verwendete man einen 'Reitter', ein grobes Holzsieb.

Kann man Streubel auch in der Lagerküche zubereiten?

Ja, über einem guten Feuer mit einem tiefen Eisentopf. Achte darauf, dass das Schmalz wirklich heiß ist, bevor du den Teig hineinbringst, sonst saugen die Streubel zu viel Fett auf. Heiß serviert mit Honig sind sie ein Highlight.

[§7 „Von dem pachen auf 40 personen", fol. 56v] Zu strauben 36 ayr. Zu ringen streublen ½ yedlichem. Zu den kräntzen yedlichem 1 ay. …
Streubel

Gestreifte, unregelmäßige Teigstreusel, durch ein Sieb oder Reibeisen ins heiße Fett gestrichen. Verwandt mit modernen Streuseln und Krapfen.

reitter

Reiter, ein grobes Sieb oder Reibeisen aus Holz oder Metall, durch das der Teig in das heiße Fett gestrichen wird.

haiß schmaltz

Heißes Schmalz, ausgelassenes Schweine- oder Gänsefett, erhitzt bis zum Frittieren.

Pach braun aus

Backe braun aus, frittiere bis zu goldbrauner Farbe.

Handschrift
Tegernseer Wirtschaftsbüchlein (Speisenbuch)
Folio
fol. 56v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Ostmittelbairisch, 15./16. Jh.)
Entstehung
Kloster Tegernsee, Bayern, 1460

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartringen streublen

Gewählte Lesart: Unregelmäßige Schmalzstreusel, durch ein grobes Sieb ins heiße Fett gestrichen; „ringen" als Mengen-/Beschreibungswort gelesen.

Andere mögliche Lesart:

  • Ring- oder kranzförmig geformtes Schmalzgebäck. - Der Eintrag listet in einem Atemzug auch „kräntzen" (Kränze), und „ringen" könnte selbst auf ringförmig gelegtes Gebäck deuten. Da die Mengenliste keine Methode überliefert, übernimmt die Rekonstruktion die period-typische Sieb-/Strauben-Technik, ohne die Ringform auszuschließen.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Tegernseer Speisenbuch, BSB Cgm 8137, fol. 56v - Münchener Digitalisierungszentrum Quelle öffnen
Transkription
BSB Cgm 8137, fol. 56v, §7 „Von dem pachen auf 40 personen" (Mengen-Rezept). Lesung nach Faksimile (MDZ); entspricht Birlinger, Germania 9 (1864), S. 203-204. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Über offenem Feuer mit einem tiefen Eisentopf und reichlich Schmalz gut machbar und spektakulär fürs Lager. Kein Ofen nötig. Auf wirklich heißes Fett achten, damit die Streubel nicht durchfetten.
Alle Rezepte aus Tegernseer Speisenbuch Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.