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Knochenmark-Pastete mit Gewürzsauce

Le Viandier de Guillaume Tirel, dit Taillevent · Frankreich · 1300

RindHauptspeise · RindLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchLe Viandier de Taillevent (~1300)

Nehmt das lange Knochenmark und schneidet es in zarte Scheiben. Hackt Fett darüber. Für die Sauce röstet Schwarzbrot gut an, bis es fast verbrannt ist. Weicht es danach in Verjus und Essigwein ein und passiert es durch ein feines Tuch. Die Gewürze, die dazugehören, sind Ingwer, Nelken, langer Pfeffer, Paradieskörner und Muskatnuss, zu gleichen Teilen, außer dass die Nelken die anderen Gewürze überwiegen sollen. Lasst die Sauce in einer Eisenpfanne aufkochen. Wenn die Pastete gar ist, nehmt das Fett aus der Pastete heraus. Danach gebt die Sauce hinein und lasst die Sauce im Ofen aufkochen.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
de longue le noyau Knochenmark Metzger -
gresse hachee Gehacktes Fett Metzger -
pain noir Schwarzbrot - -
vertius Verjus Feinkostladen Weißweinessig oder Zitronensaft
vin aigre Essigwein Supermarkt Rotweinessig
gingembre Ingwer - -
clou de girofle Nelken - -
poiure long Langer Pfeffer Online (Gewürzhändler) Schwarzer Pfeffer
graine de paradis Paradieskörner Online (Gewürzhändler) Schwarzer Pfeffer mit Kardamom
noix muscade Muskatnuss - -
paste Pastetenteig - -
Was ist 'noyau' in diesem Rezept und wie bereite ich es zu?

Im Kontext dieses Rezepts wird 'noyau' als Knochenmark interpretiert, das aus langen Rinderknochen gewonnen wird. Schneide es in zarte Scheiben. Alternativ könnte es sich auch um den Kern einer fettreichen Fleischfüllung handeln, die dann in Scheiben geschnitten wird.

Wo bekomme ich Verjus?

Verjus ist der Saft unreifer Trauben und in gut sortierten Feinkostläden oder online erhältlich. Als Alternative kannst du einen milden Weißweinessig oder Zitronensaft verwenden, wobei der Geschmack leicht abweichen wird.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist nicht für die Lagerküche geeignet. Es erfordert einen Backofen für die Pastete und das Aufkochen der Sauce im Ofen, was am Lager nur schwer umsetzbar ist. Zudem ist die Zubereitung recht aufwendig. Bereite dieses Gericht am besten zu Hause vor.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem berühmten französischen Kochbuch „Le Viandier de Taillevent“, das um 1300 entstand und in verschiedenen Versionen bis ins 15. Jahrhundert verbreitet war. Es gilt als eines der wichtigsten Zeugnisse der mittelalterlichen französischen Hofküche.

Welche Gewürzmischung passt zu 'espices'?

Das Rezept listet die Gewürze explizit auf: Ingwer, Nelken, langer Pfeffer, Paradieskörner und Muskatnuss. Achte darauf, dass die Nelken die anderen Gewürze geschmacklich überwiegen sollen, wie im Rezept angegeben.

Wird das verbrannte Brot nicht bitter und ungenießbar?

Klingt erst so, ist aber eine bewusste mittelalterliche Kochtechnik. Die Schwärzung wird auf der Stufe gehalten, wo Maillard-Reaktion und Karamellisierung am tiefsten sind - vergleichbar mit Pumpernickel-Kruste, dark-roast Kaffee, schwarzem Knoblauch oder mexikanischem mole negro. Echte Verkohlung (Asche-Bittere) wird gerade vermieden. In der fertigen Sauce balancieren Essig, Wein und Brühe die verbliebene Bittere zu einer komplexen bittersüßen Tiefe aus. Mehr Hintergrund und praktische Anleitung für moderne Nachkocher: Verbranntes Brot in mittelalterlichen Saucen. Weitere Belege im Korpus: ant-029 Kapaun in süß-saurer Fruchtsauce, ant-041 Peverata - Würzige Leber-Brotsauce, ant-093 Geröstete Taubenleber-Paste, mar-005 Peperata vom Wild, men-097 Schweineinnereien auf zwei Arten, men-129 Chaudumee-Sauce mit Hecht, men-203 Marsouin nach Wildbretart, men-282 Schwarze Pfeffersauce mit dunklem Brot (und weitere).

Prenez de longue le noyau & soit taille par lesches tendres & gresse hachee par dessus & pour y faire la saulce soit bien brule du pain noir. & apres soit trempe en vertius & vin aigre & passes par vne estamine & les espices quil appartient soit gingembre clou de girofle poiure long graine de paradis & de la noix muscade par egalle portion excepte que le clou surmonte les autres espices & soit la saulce faicte bouillir en vne paeille de fer / & quant le paste sere cuit prenez la gresse dedans le paste & ce faittes mettes y la saulce & faictes bouillir dedens la saulce au four.
noyau

Wörtlich ‚Kern‘ oder ‚Grube‘, hier im Kontext von ‚longue‘ und ‚gresse‘ als Knochenmark interpretiert.

lesches tendres

Zarte Scheiben.

gresse hachee

Gehacktes Fett, z.B. Rindernierenfett oder Schweineschmalz.

pain noir

Schwarzbrot, das hier stark geröstet oder sogar verbrannt wird, um Farbe und einen rauchigen Geschmack zur Sauce beizutragen.

vertius

Verjus, der Saft unreifer Weintrauben, der als Säuerungsmittel dient und einen fruchtig-sauren Geschmack hat.

vin aigre

Saurer Wein, der oft als Essigersatz oder zur zusätzlichen Säuerung verwendet wurde.

estamine

Ein feines Sieb oder Tuch zum Passieren von Flüssigkeiten, um Schwebstoffe zu entfernen.

espices

Gewürzmischung, hier spezifisch aufgeführt.

clou de girofle

Nelken.

poiure long

Langer Pfeffer, eine Pfeffersorte mit schärferem, erdigem Aroma.

graine de paradis

Paradieskörner, ein pfeffrig-kardamomartiges Gewürz aus Westafrika, im Mittelalter oft als Pfefferersatz verwendet.

noix muscade

Muskatnuss.

paeille de fer

Eine Eisenpfanne.

paste

Der Pastetenteig oder die Teighülle.

gresse dedans le paste

Das Fett, das sich während des Backens aus der Füllung der Pastete löst und entfernt werden soll.

Schwarzbrot rösten bis es fast verbrannt ist

Mittelalterliche Sauce-Technik: das Brot wird so dunkel angeröstet, dass die Kruste fast schwarz ist (analog zu dark-roast Kaffee oder Pumpernickel-Kruste), aber NICHT zu Asche zerfällt. Die Bittere wird durch Verjus, Essig und die Gewürze ausbalanciert. Mehr Hintergrund zu Chemie und Geschmack: Verbranntes Brot in mittelalterlichen Saucen. quellenübergreifende Parallelen: ant-041 Peverata, mha-182 Schwarze Hühner, Ménagier pain brulé.

Handschrift
Le Viandier de Guillaume Tirel, dit Taillevent
Folio
Fol. 010r
Sprache
Moyen Français (ca. 1300-1400)
Entstehung
Frankreich, 1300

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartnoyau / de longue le noyau

Gewählte Lesart: Wir interpretieren ‚noyau‘ hier als Knochenmark, das aus einem langen Knochen entnommen wird. Die Beschreibung ‚taille par lesches tendres‘ (in zarte Scheiben geschnitten) und die Kombination mit ‚gresse hachee‘ (gehacktem Fett) passen gut zu dieser fetthaltigen und geschätzten Zutat der mittelalterlichen Küche.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine alternative Lesart wäre, dass ‚noyau‘ den Kern oder das Innere einer Pastetenfüllung bezeichnet, die dann in Scheiben geschnitten wird. - Obwohl ‚noyau‘ wörtlich ‚Kern‘ bedeutet, ist die Kombination mit ‚de longue‘ und der spezifischen Zubereitung als ‚zarte Scheiben‘ in Verbindung mit Fett für Knochenmark sehr plausibel. Eine generische Füllung wäre weniger präzise beschrieben worden.

Lesartvin aigre

Gewählte Lesart: Wir übersetzen ‚vin aigre‘ als Essigwein, also einen Wein, der bereits zu Essig geworden ist oder sehr sauer ist und als Säuerungsmittel dient.

Andere mögliche Lesart:

  • Es könnte auch einfach ein sehr saurer Wein gemeint sein, der noch nicht vollständig zu Essig fermentiert ist. - Im Mittelalter war die Unterscheidung zwischen sehr saurem Wein und Essig oft fließend. Beide wurden zur Säuerung von Speisen verwendet.

Originalwerk (~1300) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 010r, Bibliothèque nationale de France, Manuscrit Français 19791, Gallica (ark:/12148/btv1b10501680z) - Domaine public Quelle öffnen
Transkription
Pichon & Vicaire 1892 (kritische Edition), Project Gutenberg #26567 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
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