Le Viandier de Guillaume Tirel, dit Taillevent · Frankreich · 1300
Nehmt das lange Knochenmark und schneidet es in zarte Scheiben. Hackt Fett darüber. Für die Sauce röstet Schwarzbrot gut an, bis es fast verbrannt ist. Weicht es danach in Verjus und Essigwein ein und passiert es durch ein feines Tuch. Die Gewürze, die dazugehören, sind Ingwer, Nelken, langer Pfeffer, Paradieskörner und Muskatnuss, zu gleichen Teilen, außer dass die Nelken die anderen Gewürze überwiegen sollen. Lasst die Sauce in einer Eisenpfanne aufkochen. Wenn die Pastete gar ist, nehmt das Fett aus der Pastete heraus. Danach gebt die Sauce hinein und lasst die Sauce im Ofen aufkochen.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| de longue le noyau | Knochenmark | Metzger | - |
| gresse hachee | Gehacktes Fett | Metzger | - |
| pain noir | Schwarzbrot | - | - |
| vertius | Verjus | Feinkostladen | Weißweinessig oder Zitronensaft |
| vin aigre | Essigwein | Supermarkt | Rotweinessig |
| gingembre | Ingwer | - | - |
| clou de girofle | Nelken | - | - |
| poiure long | Langer Pfeffer | Online (Gewürzhändler) | Schwarzer Pfeffer |
| graine de paradis | Paradieskörner | Online (Gewürzhändler) | Schwarzer Pfeffer mit Kardamom |
| noix muscade | Muskatnuss | - | - |
| paste | Pastetenteig | - | - |
Im Kontext dieses Rezepts wird 'noyau' als Knochenmark interpretiert, das aus langen Rinderknochen gewonnen wird. Schneide es in zarte Scheiben. Alternativ könnte es sich auch um den Kern einer fettreichen Fleischfüllung handeln, die dann in Scheiben geschnitten wird.
Verjus ist der Saft unreifer Trauben und in gut sortierten Feinkostläden oder online erhältlich. Als Alternative kannst du einen milden Weißweinessig oder Zitronensaft verwenden, wobei der Geschmack leicht abweichen wird.
Nein, dieses Rezept ist nicht für die Lagerküche geeignet. Es erfordert einen Backofen für die Pastete und das Aufkochen der Sauce im Ofen, was am Lager nur schwer umsetzbar ist. Zudem ist die Zubereitung recht aufwendig. Bereite dieses Gericht am besten zu Hause vor.
Dieses Rezept stammt aus dem berühmten französischen Kochbuch „Le Viandier de Taillevent“, das um 1300 entstand und in verschiedenen Versionen bis ins 15. Jahrhundert verbreitet war. Es gilt als eines der wichtigsten Zeugnisse der mittelalterlichen französischen Hofküche.
Das Rezept listet die Gewürze explizit auf: Ingwer, Nelken, langer Pfeffer, Paradieskörner und Muskatnuss. Achte darauf, dass die Nelken die anderen Gewürze geschmacklich überwiegen sollen, wie im Rezept angegeben.
Klingt erst so, ist aber eine bewusste mittelalterliche Kochtechnik. Die Schwärzung wird auf der Stufe gehalten, wo Maillard-Reaktion und Karamellisierung am tiefsten sind - vergleichbar mit Pumpernickel-Kruste, dark-roast Kaffee, schwarzem Knoblauch oder mexikanischem mole negro. Echte Verkohlung (Asche-Bittere) wird gerade vermieden. In der fertigen Sauce balancieren Essig, Wein und Brühe die verbliebene Bittere zu einer komplexen bittersüßen Tiefe aus. Mehr Hintergrund und praktische Anleitung für moderne Nachkocher: Verbranntes Brot in mittelalterlichen Saucen. Weitere Belege im Korpus: ant-029 Kapaun in süß-saurer Fruchtsauce, ant-041 Peverata - Würzige Leber-Brotsauce, ant-093 Geröstete Taubenleber-Paste, mar-005 Peperata vom Wild, men-097 Schweineinnereien auf zwei Arten, men-129 Chaudumee-Sauce mit Hecht, men-203 Marsouin nach Wildbretart, men-282 Schwarze Pfeffersauce mit dunklem Brot (und weitere).
Wörtlich ‚Kern‘ oder ‚Grube‘, hier im Kontext von ‚longue‘ und ‚gresse‘ als Knochenmark interpretiert.
Zarte Scheiben.
Gehacktes Fett, z.B. Rindernierenfett oder Schweineschmalz.
Schwarzbrot, das hier stark geröstet oder sogar verbrannt wird, um Farbe und einen rauchigen Geschmack zur Sauce beizutragen.
Verjus, der Saft unreifer Weintrauben, der als Säuerungsmittel dient und einen fruchtig-sauren Geschmack hat.
Saurer Wein, der oft als Essigersatz oder zur zusätzlichen Säuerung verwendet wurde.
Ein feines Sieb oder Tuch zum Passieren von Flüssigkeiten, um Schwebstoffe zu entfernen.
Gewürzmischung, hier spezifisch aufgeführt.
Nelken.
Langer Pfeffer, eine Pfeffersorte mit schärferem, erdigem Aroma.
Paradieskörner, ein pfeffrig-kardamomartiges Gewürz aus Westafrika, im Mittelalter oft als Pfefferersatz verwendet.
Muskatnuss.
Eine Eisenpfanne.
Der Pastetenteig oder die Teighülle.
Das Fett, das sich während des Backens aus der Füllung der Pastete löst und entfernt werden soll.
Mittelalterliche Sauce-Technik: das Brot wird so dunkel angeröstet, dass die Kruste fast schwarz ist (analog zu dark-roast Kaffee oder Pumpernickel-Kruste), aber NICHT zu Asche zerfällt. Die Bittere wird durch Verjus, Essig und die Gewürze ausbalanciert. Mehr Hintergrund zu Chemie und Geschmack: Verbranntes Brot in mittelalterlichen Saucen. quellenübergreifende Parallelen: ant-041 Peverata, mha-182 Schwarze Hühner, Ménagier pain brulé.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
noyau / de longue le noyau
Gewählte Lesart: Wir interpretieren ‚noyau‘ hier als Knochenmark, das aus einem langen Knochen entnommen wird. Die Beschreibung ‚taille par lesches tendres‘ (in zarte Scheiben geschnitten) und die Kombination mit ‚gresse hachee‘ (gehacktem Fett) passen gut zu dieser fetthaltigen und geschätzten Zutat der mittelalterlichen Küche.
Andere mögliche Lesart:
vin aigre
Gewählte Lesart: Wir übersetzen ‚vin aigre‘ als Essigwein, also einen Wein, der bereits zu Essig geworden ist oder sehr sauer ist und als Säuerungsmittel dient.
Andere mögliche Lesart:
Aus unseren ersten Übersetzungen. Dieses Rezept gehört zu unseren früh erschlossenen Texten und wird vielleicht noch einmal überprüft. Wir gehen die Rezepte gelegentlich erneut durch, wenn wir neue Erkenntnisse gewinnen.
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