Daz buoch von guoter spîse · Würzburg · 1350
Wenn Ihr Pasteten von Fischen zubereiten wollt, so schuppt die Fische. Zieht ihnen die Haut ab, sobald sie aufgekocht sind, und hackt sie in kleine Stücke. Hackt Petersilie und Salbei hinein und gebt Pfeffer, Ingwer, Zimt und Safran hinzu. Tempert alles mit Wein und macht einen dünnen, festen Teig. Gebt die Fische in die Teighülle und gießt Wein darüber. Deckt die Pastete mit einem dünnen Teigdeckel zu und verschließt sie ringsum vollständig. Brecht oben eine Öffnung hinein und legt dafür einen kleinen Teigpfropfen als Verschluss ein. Lasst sie backen. Ebenso kann man auch Hühner, Fleisch, Wildbret, Aale oder Vögel auf diese Weise zubereiten.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| vischen | ca. 1 kg Fisch (z.B. Karpfen, Hecht, Lachs) | 1 kg | Fischtheke, Supermarkt | - |
| peterlin | Petersilie | - | - | - |
| salbey | Salbei | - | Supermarkt, Kräuterladen | - |
| pfeffer | Pfeffer (schwarz, gemahlen) | 1 TL | - | - |
| yngeber | Ingwer (gemahlen) | 1 TL | Supermarkt, Gewürzhandel | - |
| zinemin | Zimt (gemahlen) | 1 TL | Supermarkt, Gewürzhandel | - |
| saffran | Safranfäden | 1 Prise | Supermarkt (oft teuer), Gewürzhandel, Online-Gewürzhandel | Ringelblume für die Farbe, aber nicht für den Geschmack |
| wine | ca. 200 ml Weißwein (für Teig und Füllung) | 200 ml | - | - |
| teyc | ca. 500 g Weizenmehl (für den Teig) | 500 g | - | - |
| (implied) | ca. 100 ml Wasser (für den Teig, falls nötig) | 100 ml | Leitung | - |
| (implied) | Salz nach Geschmack | - | - | - |
| (implied) | ca. 100 g Schmalz oder Butter (für den Teig) | 100 g | - | - |
Welches Gericht ist das? Eine klassische mittelalterliche Pastete im Teigmantel - eine raised pie mit fester, frei stehender Teighülle (englisch coffin), hier mit gewürztem Fisch gefüllt. Das Rezept ist ausdrücklich universell: „Ebenso kann man Hühner, Fleisch, Wildbret, Aale oder Vögel machen.“ Ein nahezu identischer Zwilling steht im Königsberger Kochbuch (koe-019); thematisch verwandte Pasteten-Rezepte mit derselben Grundtechnik finden sich zudem in den Münchner Handschriften (m384-019), im Mondseer Kochbuch (mon-107) und in alemannischer Fassung im Alemannischen Büchlein von guter Speise (alb-020).
Fisch aufkochen (erwallen) - wie weit gegart? Das kurze Aufkochen vor dem Enthäuten dient in erster Linie dazu, die Haut zum Abziehen zu lockern - erwallen heißt wörtlich nur „aufwallen, aufkochen“, nicht „vollständig durchgaren“. Der Fisch muss an dieser Stelle also nicht schon gar sein; das übernimmt der anschließende Backvorgang.
temper ez allez mit wine - wen tempert der Wein? Die Stelle bleibt doppeldeutig: Der Wein könnte die bereits gehackte Fisch-Kräuter-Gewürz-Masse zu einer feuchten Mischung tempern, oder er könnte auch dem im selben Satz genannten Mehlteig zugesetzt werden. Der eng verwandte Zwilling koe-019 formuliert die Stelle klarer zugunsten der ersten Lesart: Dort tempert der Wein ausdrücklich die Gewürz-Fisch-Masse zu einem Brei, während der Hülldeig separat und ohne Wein genannt wird. Für den Teig selbst nennt der Text kein Fett - die Zutatenliste ergänzt trotzdem etwas Schmalz oder Butter, eine moderne Zugabe für bessere Verarbeitbarkeit, keine Textangabe.
vemme vnd vem gantz - ringsum verschließen. Der Zwilling koe-019 hat an derselben Stelle „vmen vnd vmenn Gantz“ (ringsum, rundherum) - gemeint ist also eher das vollständige Umhüllen der Pastete als eine besondere Druckdichtigkeit.
cluesterlin - der Teigpfropfen. Oben in den Deckel bricht man eine Öffnung und setzt ein kleines Teigstück (cluesterlin) als Verschluss ein. Der Text nennt dafür keinen Zweck - auch der Zwilling koe-019 (dort „blezelenn“ an vergleichbarer Stelle) bezeichnet damit nur ein ähnliches Verschlussstück, ohne dessen Funktion zu erklären. Der Zweck bleibt damit ungeklärt.
Praxis. Fisch (Karpfen, Hecht, Lachs) kurz aufkochen, Haut abziehen, grob hacken - durchgaren muss er an dieser Stelle noch nicht. Mit Petersilie, Salbei und Gewürzen (Pfeffer, Ingwer, Zimt, eine Prise Safran) mischen und mit etwas Wein tempern. Aus Mehl und Wein (statt Wasser) einen festen, dünn ausrollbaren Teig kneten, Füllung einlegen, Wein angießen, mit Teigdeckel verschließen, Dampfloch mit Teigpfropfen. Backen, bis der Teigmantel fest und goldbraun und die Füllung sicher durchgegart ist - am besten anschneiden oder die Kerntemperatur prüfen, statt sich auf eine geschätzte Zeit zu verlassen; eine geschlossene, gut regelbare Hitzequelle (Ofen, Lehmofen oder Dutch Oven mit Deckel) eignet sich dafür besser als offenes Feuer.
Safranfäden sind in gut sortierten Supermärkten (oft im Gewürzregal oder bei den Backzutaten), in türkischen oder arabischen Lebensmittelgeschäften, in Reformhäusern oder online bei spezialisierten Gewürzhändlern erhältlich. Achten Sie auf gute Qualität, da Safran oft gefälscht wird. Als farbliche Alternative kann Ringelblume dienen, geschmacklich ist es jedoch kein Ersatz.
Nur eingeschränkt. Teig und Füllung lassen sich gut vorbereiten und transportieren, aber die feste Teighülle braucht zum gleichmäßigen Durchbacken einen Ofen, einen Lehmofen oder einen gut regelbaren Dutch Oven mit Ober- und Unterhitze - am offenen Lagerfeuer allein bleibt der Teigmantel sonst innen roh oder verbrennt außen. Gebacken hält sich die Pastete gut und schmeckt auch kalt.
'Duennen derben teyc' beschreibt einen Teig, der dünn ausgerollt werden kann, aber dennoch fest und stabil genug ist, um eine Pastete zu halten. Ein 'cluesterlin' ist ein kleines Teigstück oder Verschlussstück, das in eine eigens gebrochene Öffnung im Pastetendeckel gesetzt wird - welchen Zweck es erfüllt, sagt der Text nicht; auch der nahezu wortgleiche Zwilling im Königsberger Kochbuch nennt dafür keinen Grund.
Dieses Rezept stammt aus „Das Buch von guter Speise“. Ältestes deutsches Kochbuch, entstanden um 1350 im Haushalt des Würzburger Bischofs. 96 Hauptrezepte plus 5 in der Gloning-Edition als Sub-Rezepte gezählte Folge-/Variantenrezepte (5a, 27a, 32a, 74a, 77a).
Pasteten, gefüllte Teighüllen, oft mit Fleisch, Fisch oder Gemüse.
Schuppen, die äußere Hülle des Fisches entfernen.
Aufwallen, aufkochen lassen - dient hier vor allem dazu, die Haut zum Abziehen zu lockern; der Fisch muss zu diesem Zeitpunkt nicht schon vollständig gar sein, das übernimmt der anschließende Backvorgang.
Petersilie, ein häufig verwendetes Kraut.
Salbei, ein aromatisches Kraut, das oft zu Fleisch und Fisch verwendet wurde.
Pfeffer, eines der am häufigsten verwendeten Gewürze im Mittelalter, meist in Kombination mit anderen Gewürzen wie Ingwer und Zimt.
Ingwer, ein beliebtes Gewürz im Mittelalter, oft in Pulverform verwendet.
Zimt, ein weiteres teures und geschätztes Gewürz.
Safran, das teuerste Gewürz seiner Zeit, geschätzt für Farbe und Geschmack.
Knete alle Zutaten für den Teig mit Wein zu einem Teig, der zwar dünn ausgerollt werden kann, aber dennoch fest und stabil ist. Ob der Wein dabei den Teig selbst oder die vorher gehackte Fisch-Gewürz-Masse betrifft, ist nicht restlos eindeutig.
Mache es ringsum und vollständig - der Zwilling koe-019 hat an derselben Stelle „vmen vnd vmenn Gantz“ (ringsum, rundherum), gemeint ist also das lückenlose Umhüllen der Pastete.
Ein kleines Verschlussstück oder Pfropfen aus Teig, das in eine eigens gebrochene Öffnung im Pastetendeckel gesetzt wird. Der Zwilling koe-019 hat dafür „blezelenn“ an vergleichbarer Stelle - welchen Zweck das Verschlussstück erfüllt, sagt keiner der beiden Texte.
Wahrscheinlich ein editorisches Apparat-Kürzel der Edition und keine originale Textstelle - im Korpus wiederkehrend (bgs-003, bgs-012, bgs-015, bgs-017, bgs-024, bgs-029, bgs-040), stets unmittelbar vor einer Variations-Klausel wie „Also mac man auch...“. Eine gesicherte Auflösung der Abkürzung ist nicht belegt.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| vischen | fish Q600396 |
| peterlin | parsley Q25284 |
| salbey | common sage Q1111359 |
| pfeffer | pepper Q3143131 |
| yngeber | ginger Q15046077 |
| zinemin | cinnamon Q28165 |
| saffran | saffron Q25434 |
| wine | wine Q282 |
| teyc | wheat flour Q2249305 |
| (implied) | water Q283 |
| (implied) | table salt Q11254 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
erwallen (Garzustand des Fisches)
Gewählte Lesart: Erwallen heißt lexikalisch nur ‚aufwallen, aufkochen‘, nicht ‚vollständig garen‘ - das kurze Aufkochen dient hier vor allem dem Enthäuten. Der Fisch muss zu diesem Zeitpunkt noch nicht durchgegart sein; das übernimmt der anschließende Backvorgang.
Andere mögliche Lesart:
temper ez allez mit wine
Gewählte Lesart: Der Wein tempert wahrscheinlich zunächst die bereits gehackte Fisch-Kräuter-Gewürz-Masse zu einer feuchten Mischung; das anschließende Teigmachen wird als eigener Schritt genannt, ohne dass der Satz dem Teig selbst ausdrücklich Wein zuschreibt.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 15.08.2026 - 6-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.