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Blanc Manger mit Huhn und Veilchen

Daz buoch von guoter spîse · Würzburg · 1350

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.6/10Höfische KücheHofkücheReisReisBlancmanger
Zubereitungszeit60 Min.Portionen4 PersonenBuchDas Buch von guter Speise (~1350)

Willst du einen Blanc Manger zubereiten? So soll man einen Blanc Manger machen: Man nehme Ziegenmilch und bereite aus einem halben Pfund Mandeln Mandelmilch. Ein Viertelpfund Reis soll man zu Mehl stoßen und dies kalt in die Milch geben. Eine Hühnerbrust soll man zerfasern und hacken und dazugeben. Reines Schmalz soll man ebenfalls dazugeben und es darin sieden lassen. Man gebe ihm genug Zeit und nehme es dann wieder vom Feuer. Man nehme gestoßene Veilchen und werfe sie hinein. Ein Viertelpfund Zucker gebe man ebenfalls hinzu und serviere es. Hinweis: Ebenso kann man in der Fastenzeit einen Blanc Manger aus einem Hecht zubereiten.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
mandels ein halp phunt (ca. 250 g) Mandeln ½ Pfund - -
(implied) ca. 750 ml Wasser 750 ml Leitung -
einen virdunc ryses 1 Viertelpfund (ca. 125 g) Reis ¼ Pfund - -
eines huones brust Hühnerbrust (ca. 200-250 g) 1 Metzger, Supermarkt -
ein rein smaltz 1-2 EL (ca. 20-30 g) reines Schmalz 1 EL Metzger, Supermarkt -
gestozzen violn 1-2 EL gestoßene Veilchen (Blüten) 1 EL Garten, Reformhaus, Online-Handel -
einen vierdunc zuckers 1 Viertelpfund (ca. 125 g) Zucker ¼ Pfund - -
zigenin milich Ziegenmilch (optional, als Alternative zur Mandelmilch) - Supermarkt, Hofladen -

Welches Gericht ist das? Ein Blanc Manger, eines der am weitesten verbreiteten Gerichte des europäischen Spätmittelalters: ein cremiger, gesüßter Hühner-Reis-Brei in Mandelmilch, mit Veilchen aromatisiert. Heutigen Köchen am ehesten vertraut als Kreuzung aus Milchreis und einem sehr fein zerfasertem Hühnerragout - die süß-herzhafte Kombination selbst ist im westlichen Alltag verschwunden, lebt aber in ähnlicher Form etwa in der türkischen Süßspeise Tavuk Göğsü (zerfasertes Hühnerbrustfleisch in gesüßtem Milchpudding) fort.

Ziegenmilch oder Mandelmilch? Der Text nennt beides: Ziegenmilch und ein halbes Pfund Mandeln. Nachvollziehbar ist die Lesart, dass Mandelmilch die Basis bildet und Ziegenmilch als austauschbare Alternative genannt wird - eine cross-source belegte Praxis, bei der Reismehl je nach Verfügbarkeit mit Ziegen-, Schafs- oder Mandelmilch angerührt wurde. Wer es besonders nah am Text mag, kann probeweise auch Ziegenmilch als alleinige Basis verwenden.

Ein Topf, nicht zwei. Der Text beschreibt ein einziges Gefäß: Das zerfaserte und gehackte Hühnerbrustfleisch kommt direkt in die kalt angerührte Mandelmilch-Reismehl-Mischung ('hacken dor in'), das Schmalz kommt ebenfalls in dieselbe Mischung ('dor in tuon'), und alles siedet gemeinsam ('dor inne sieden'), bis Huhn und Bindung fertig sind. Erst danach - wenn der Topf vom Feuer genommen ist - kommen die gestoßenen Veilchen und der Zucker hinzu.

Nachgekocht: historisch gross, modern fad. Blanc Manger war quer durch die europaeischen Kuechen DAS Prestigegericht - weiss, teuer, aus Mandeln, Reis und Gefluegel, ein Statussymbol auf jeder Tafel von Paris bis Wien. Bei einem Dinner nachgekocht bleibt davon fuer den heutigen Gaumen wenig uebrig: mild, einfarbig, breiig, ohne Saeure und ohne Roestaromen. Das ist kein Fehler der Zubereitung, sondern der Abstand zwischen zwei Geschmacksepochen - was damals als vornehm galt (hell, glatt, zurueckhaltend gewuerzt), liest sich heute als langweilig. Wer es auffuehren will, serviert es als das, was es war: ein Schaustueck der Tafelkultur, in kleiner Portion und neben etwas Kraeftigem. Die Veilchen am Ende sind dabei der interessanteste Teil, nicht die Beilage.

Praxis. Für die Mandelmilch ein halbes Pfund Mandeln (ca. 250 g) fein reiben und mit Wasser aufgießen. Den Reis (ca. 125 g) so fein wie möglich zu Mehl stoßen; heute geht auch fertiges Reismehl. Das Reismehl kalt in die Mandelmilch einrühren. Die Hühnerbrust zerfasern und fein hacken, roh direkt in die kalte Mandelmilch-Reismehl-Mischung geben, ebenso das Schmalz (Schweine- oder Gänsefett). Gemeinsam bei milder Hitze unter Rühren sieden lassen, bis das Huhn durchgegart und die Masse angedickt ist - der Text nennt keine feste Zeit, nur 'genug Zeit geben'. Den Topf dann vom Feuer nehmen, die gestoßenen Veilchen und den Zucker (ca. 125 g) einrühren und servieren.

Wo bekomme ich Veilchen?

Frische Veilchenblüten können im Frühling im eigenen Garten oder in der Natur gesammelt werden (Achtung: nur unbehandelte Blüten verwenden). Getrocknete Veilchenblüten sind manchmal in Apotheken, Reformhäusern oder spezialisierten Online-Shops für Kräuter und Gewürze erhältlich. Alternativ kann das Gericht auch ohne Veilchen zubereitet werden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, gut geeignet. Viele Schritte können vorbereitet werden: Reis kann zu Hause gemahlen, Mandeln für die Mandelmilch vorbereitet und die Hühnerbrust bereits zerfasert und gehackt werden. Beim Sieden am offenen Feuer sollte man aufmerksam rühren, damit die Milch-Reismehl-Basis nicht anbrennt oder gerinnt - dann klappt es auch ohne Ofen oder Kühlung gut.

Was bedeutet 'Virdunc' im Rezept?

'Virdunc' ist eine alte Maßeinheit und entspricht einem Viertelpfund. Im mittelalterlichen Kontext entsprach ein Pfund etwa 500 Gramm, sodass ein Viertelpfund circa 125 Gramm sind.

Was ist ein 'Mörser', brauche ich einen Mörser und Stößel?

Im mittelalterlichen Kochkontext ist mit 'Mörser' oft ein großer Fleischmörser gemeint, der zum Zerkleinern und Pürieren von Fleisch, Fisch oder Nüssen verwendet wurde, ähnlich einer modernen Küchenmaschine. Für dieses Rezept, insbesondere zum 'zu Mehl stoßen' des Reises und zum 'fein hacken' der Hühnerbrust, wäre ein großer Mörser ideal. Alternativ können Sie einen leistungsstarken Mixer oder eine Küchenmaschine verwenden, um Reis zu mahlen und die Hühnerbrust sehr fein zu zerkleinern.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Buch von guter Speise“. Ältestes deutsches Kochbuch, entstanden um 1350 im Haushalt des Würzburger Bischofs. 96 Hauptrezepte plus 5 in der Gloning-Edition als Sub-Rezepte gezählte Folge-/Variantenrezepte (5a, 27a, 32a, 74a, 77a).

Wilt du machen einen blamensir, Wie man sol machen einen blamenser. Man sol nemen zigenin milich vnd mache mandels ein halp phunt. einen virdunc ryses sol man stozzen zvo mele, vnd tuo daz in die milich kalt. vnd nim eines huones brust, die sol man zeisen vnd sol die hacken dor in. vnd ein rein smaltz sol man dor in tuon. vnd sol ez dor inne sieden. vnd gibs im genuoc vnd nime es denne wider. vnd nim gestozzen violn vnd wirfe den dor in. vnd einen vierdunc zuckers tuo man dor in vnd gebs hin. Conf. Also mac man auch in der vasten machen einen blamenser von eime hechede.
blamensir / blamenser

Blanc Manger, wörtlich 'weißes Gericht', eine beliebte mittelalterliche Speise, oft mit Huhn oder Fisch, Mandelmilch und Reis als Basis.

zigenin milich

Ziegenmilch.

phunt

Pfund, eine mittelalterliche Gewichtseinheit, die etwa 500 Gramm entsprach.

virdunc

Viertelpfund, eine Gewichtseinheit, die etwa 125 Gramm entsprach (ein Viertel eines Pfundes).

ryses

Reis.

stozzen zvo mele

Zu Mehl stoßen, also fein mahlen oder mörsern.

zeisen

Zerfasern, zupfen, in feine Fäden reißen.

smaltz

Schmalz, tierisches Fett (z.B. Schweineschmalz).

violn

Veilchen, hier die Blüten, die für Farbe und feinen Geschmack verwendet wurden.

hechede

Hecht, ein Süßwasserfisch, hier als Alternative für die Fastenzeit genannt.

Handschrift
Daz buoch von guoter spîse
Folio
Fol. 156r
Sprache
Mittelhochdeutsch
Entstehung
Würzburg, 1350
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

mandels ein halp phuntalmond Q184357
(implied)water Q283
einen virdunc rysesrice Q5090
eines huones brustchicken breast Q2607161
gestozzen violnviolet Q146095
einen vierdunc zuckersunrefined cane sugar Q57656231
zigenin milichgoat milk Q1418287

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartMan sol nemen zigenin milich vnd mache mandels ein halp phunt. einen virdunc ryses sol man stozzen zvo mele, vnd tuo daz in die milich kalt.

Gewählte Lesart: Die primäre Flüssigkeitsbasis des Blanc Manger ist Mandelmilch, die aus einem halben Pfund Mandeln zubereitet wird. Die Erwähnung der Ziegenmilch wird als allgemeiner Hinweis auf die Art der verwendbaren Milch oder als optionale Alternative interpretiert, da die Menge nicht spezifiziert ist und Mandelmilch die typische Basis für Blanc Manger ist.

Andere mögliche Lesarten:

  • Das Rezept verwendet Ziegenmilch als Hauptflüssigkeit, und die Mandeln werden für einen anderen Zweck (z.B. als Beigabe oder Garnitur) zubereitet. - Die Augustana-Transkription setzt einen Punkt nach 'zigenin milich', was eine Trennung der Anweisungen nahelegt. 'Die milich' im Folgesatz würde sich dann auf die Ziegenmilch beziehen.
  • Das Rezept verwendet eine Kombination aus Ziegenmilch und Mandelmilch. - Beide Milcharten werden erwähnt. Allerdings fehlt die Mengenangabe für die Ziegenmilch, was die Umsetzung ohne weitere Annahmen erschwert.

Lesartdie sol man zeisen vnd sol die hacken dor in ... vnd gibs im genuoc vnd nime es denne wider.

Gewählte Lesart: Das zerfaserte, gehackte Hühnerbrustfleisch wird roh direkt in die kalte Mandelmilch-Reismehl-Mischung gegeben und dort gemeinsam mit dem Schmalz gegart - ein Ein-Topf-Verfahren, das der Wortfolge 'hacken dor in ... dor inne sieden' am nächsten liegt und auch von den buchinternen Zwillingen bgs-076 und bgs-077a gestützt wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Die Hühnerbrust wird vor dem Zerfasern separat gegart, danach zerfasert und erst dann in die bereits angedickte Mandelmilch-Reismehl-Mischung eingerührt. - Der italienische Zwilling ant-048 zeigt dieses Verfahren (vorab gekochte Hühnerbrust, danach zerfasert). Der bgs-003-Text selbst legt aber näher, dass Huhn sowie Milch-Reismehl-Basis von Anfang an im selben Gefäß zusammen sind.

Originalwerk (~1350) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 156r, Universitätsbibliothek München, 2° Cod. ms. 731 (Cim. 4), Open Access LMU
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Digitale Edition 1994/2001) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Am Topf über offenem Feuer oder Dreibein gut machbar, wenn auch nicht 'golden': Reis lässt sich zu Hause zu Mehl stoßen, die Hühnerbrust vorab zerfasern und fein hacken, Mandelmilch ist lagerstabil (Tetrapack, ungesüßt). Vor Ort muss die Milch-Reismehl-Basis beim Sieden aufmerksam gerührt werden, sonst brennt sie auf ungleichmäßiger Feuer-/Glutwärme leicht an oder gerinnt - kein Ofen, keine Kühlung nötig.
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Stand dieser Fassung: 15.08.2026 - 5-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.