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Fasten-Blancmanger vom Fisch

Libro de arte coquinaria · Norditalien · 1465

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10FischFastenspeiseHöfische KücheHofkücheHülsenfrüchteHülsenfrüchteBlancmanger
Zubereitungszeit90 Min.Portionen10 PortionenBuchLibro de Arte Coquinaria (~1465)

Um zehn Portionen davon zuzubereiten: Nimm anderthalb Pfund geschälte Mandeln und stoße sie sehr gut im Mörser, wie oben beschrieben. Nimm auch eine Krume von Weißbrot, eingeweicht in weißer Erbsenbrühe. Falls du keine Erbsen hast, kannst du mit einer anderen Brühe aushelfen, indem du ein sehr weißes Brot eine halbe Stunde lang in Wasser kochst und die besagte Krume in dieser Brühe einweichst.

Nimm dann einen guten Seefisch oder einen guten Süßwasserhecht, gekocht und gesotten. Von ihrem festesten und weißesten Fleisch nimm ein halbes Pfund und stoße es sehr gut im Mörser zusammen mit den Mandeln und der Brotkrume, mit etwas Brühe und Orangensaft. Falls du keinen Orangensaft hast, ersetze ihn durch etwas Verjus, füge Rosenwasser hinzu, und ein halbes Pfund geschälten Ingwer mit acht Unzen Zucker.

Alle diese Dinge, gut vermischt und durch ein feines Tuch oder Sieb passiert, gibst du in einen Topf und lässt sie eine Achtelstunde lang kochen, fern vom Feuer, damit sie keinen Rauchgeschmack annehmen; und rühre sie ständig mit dem Löffel um.

Wichtig zur Konsistenz: Was hier entsteht, ist eine hochkonzentrierte Würz- und Bindepaste - keine fertige Suppe. "Per farne dece menestre" (für zehn Suppen) meint das Endprodukt nach dem Verlängern: die Paste wurde in der Schlossküche löffelweise entnommen und mit kochendem Fischsud, Wasser oder Wein zur eigentlichen Suppe aufgegossen. Das erklärt die scheinbar absurden Ingwer-Mengen.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
una libra et meza d'amandole mondate et pista molto bene como è ditto di sopra 1,5 Libra geschälte Mandeln - -
una mollicha di pane biancho mollata in brodo biancho di peselli 100 g Weißbrotkrume, eingeweicht in Erbsenbrühe - -
brodo biancho di peselli Erbsenbrühe - -
un pane bianchissimo 1 Weißbrot - -
acqua Wasser Leitung -
qualche bon pesce di mare, o bon luccio d'acqua dolce cotto allesso 250 g weißes Fischfilet (z.B. Hecht, Kabeljau) Wochenmarkt, Fischhändler -
meza libra 0,5 Libra Fischfleisch (gekocht) - -
un pocho di brodo 100 ml Brühe - -
sucho d'aranci 100 ml Orangensaft - -
un pocho d'agresto 50 ml Verjus Bio-Laden, Feinkostladen, Online-Shop -
acqua rosata 2 EL Rosenwasser Bio-Laden, Online-Shop -
meza libra di zenzevero mondo 0.5 Libra (~165 g) geschälter Ingwer - Konzentrat-Paste-Anteil für 10 spätere Suppen - Wenn man die Paste nach Original verwendet und mit Brühe verlängert: Original-Menge passt. Wenn man die Paste pur als Suppe servieren möchte: 30-50 g (~10%) reichen für moderne Zungen.
octo oncie di zuccharo 8 Unzen Zucker - -
Was ist ein 'Mörser', brauche ich einen Mörser und Stößel?

Das Rezept verlangt, Mandeln, Fisch und Ingwer 'sehr gut im Mörser zu stoßen'. Dies bezieht sich auf einen großen Fleischmörser, nicht den kleinen Gewürzmörser. Für eine feine Paste kannst du heute einen leistungsstarken Mixer oder eine Küchenmaschine verwenden. Wer authentisch arbeiten möchte, benötigt einen großen Granit-Mörser mit schwerem Holzstößel. Für die Mandeln kannst du auch fertig gemahlene Mandeln aus dem Supermarkt verwenden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist für die Lagerküche nur bedingt geeignet. Die Zubereitung erfordert präzises Pürieren und Passieren sowie ein sorgfältiges Kochen ohne Rauchgeschmack, was über offenem Feuer schwierig ist. Zudem ist die Menge an Mörserarbeit für ein Lager zu aufwendig. Zuhause vorbereiten.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem 'Libro de Arte Coquinaria' von Maestro Martino da Como, verfasst um 1465 in Norditalien. Es ist eines der bedeutendsten Kochbücher des 15. Jahrhunderts und gibt Einblicke in die gehobene Küche der Renaissance.

Was bedeuten die Maßeinheiten 'Libra' und 'Oncia' im Rezept?

Eine 'Libra' (Pfund) entsprach in Norditalien zur Zeit Maestro Martinos etwa 340 Gramm. Eine 'Oncia' (Unze) war der zwölfte Teil einer Libra, also etwa 28 Gramm.

Was ist 'agresto'?

'Agresto' ist der italienische Begriff für Verjus, den Saft unreifer Weintrauben. Er wurde im Mittelalter häufig als säuerndes Element in der Küche verwendet, ähnlich wie Essig oder Zitronensaft, und ist heute in gut sortierten Bio-Läden, Feinkostgeschäften oder online erhältlich.

0.5 Libra geschälter Ingwer auf 10 Portionen - ist das nicht zu scharf?

~16.5 g geschälter Ingwer pro Portion ist nach modernen Maßstäben außergewöhnlich scharf - das ist auffällig, und wir können die genaue Begründung nicht zweifelsfrei nennen. Drei plausible Hypothesen werden diskutiert:

1. Konzentrat-Paste: Das Rezept beschreibt möglicherweise eine hochkonzentrierte Würzpaste - "dece menestre" (zehn Suppen) wäre dann das Endprodukt nach Verlängerung mit Brühe. Nicht direkt im Text belegt, aber konsistent mit Renaissance-Schlossküche.

2. Schärfeverlust der Importware: Geschälter Ingwer kam dennoch getrocknet aus dem Mittelmeerhandel - die ätherischen Öle könnten beim Transport verflogen sein. Plausibel, aber nicht quantitativ geprüft.

3. Humoralpathologie: Nach der Vier-Säfte-Lehre galt Fisch als "kalt und feucht", Ingwer und Zucker als "heiß und trocken" - die Menge wäre dann diätetisch geboten. Die diätetische Schicht ist gut bezeugt, eine direkte Begründung dieser konkreten Menge nicht.

Plus Status-Faktor (ein halbes Pfund Ingwer ≈ Schaf-Gegenwert). Eine eindeutige Klärung würde eine systematische Auswertung der Liber-de-Coquina-Edition (Mulon 1968) und Vergleichseditionen erfordern - im Backlog notiert.

Für moderne Nachkochversuche: entweder Konzentrat-Paste ansetzen und mit Brühe verlängern (Originalmenge ungefähr passend), oder Paste pur als Mus servieren und Ingwer auf ~30 g reduzieren (~20% der Original-Menge).

Bianco mangiare in Quadragesima. Per farne dece menestre: pigliarai una libra et meza d'amandole mondate et pista molto bene como è ditto di sopra, et habi una mollicha di pane biancho mollata in brodo biancho di peselli. Et non havendo piselli poi sopplire con altro brodo, facendo bollire in l'acqua un pane bianchissimo per spatio di meza hora, mettendo a moglio la ditta mollicha in questo brodo. Poi habi qualche bon pesce di mare, o bon luccio d'acqua dolce cotto allesso. Et de la polpa loro più soda et più biancha ne prenderai meza libra, et pistala molto bene con le amandole et mollicha, et con un pocho di brodo, et del sucho d'aranci, et non havendoni sopplirai con un pocho d'agresto agiungendovi dell'acqua rosata, et meza libra di zenzevero mondo, con octo oncie di zuccharo. Et queste cose tutte stemperate inseme, passate per la stamegnia, le mettirai accocere in una pignatta per una octava d'ora discosta dal focho che non piglie fume; et di continuo le menerai col cocchiaro.
Bianco mangiare in Quadragesima

Blancmanger in der Fastenzeit

dece menestre

Zehn Suppenportionen - aber ENDPRODUKT, nicht Paste-Menge. Das Rezept beschreibt die Herstellung einer hochkonzentrierten Basis-Paste; "menestre" (verwandt mit italienisch minestra = Suppe) meint das nach Verlängern mit Brühe/Wasser/Wein servierte Endprodukt. Schloss-Küchen-Praxis: löffelweise Paste-Entnahme + Aufgießen am Servier-Zeitpunkt. Erklärt die scheinbar hohen Zutaten-Mengen - es ist Renaissance-Systemgastronomie.

libra

Pfund (ca. 340 g)

mondate et pista

geschält und zerstoßen

como è ditto di sopra

wie oben beschrieben (bezieht sich auf eine frühere Stelle im Kochbuch)

mollicha di pane biancho

Krume von Weißbrot

mollata in brodo biancho di peselli

eingeweicht in weißer Erbsenbrühe

sopplire

ersetzen, aushelfen

allesso

gesotten, pochiert

polpa loro più soda et più biancha

ihr festestes und weißestes Fleisch

sucho d'aranci

Orangensaft

agresto

Verjus (Saft unreifer Trauben)

acqua rosata

Rosenwasser

zenzevero mondo

Geschälter, gereinigter Ingwer ("mondo" von mondare = reinigen). Wichtig: das Ausgangsmaterial war dennoch getrocknet aus dem Mittelmeerhandel - Schärfeverlust durch Lagerung und Transport war erheblich (ätherische Öle verflüchtigen sich, holzig-süßlich statt brennend-scharf). Man brauchte Masse, um überhaupt Geschmack zu erzeugen. Plus: die 165 g sind Konzentrat-Anteil für 10 Suppen, die mit Brühe verlängert werden - siehe annotations[dece menestre].

oncie

Unzen (ca. 28 g)

stemperate inseme

gut vermischt

stamegnia

feines Tuch oder Sieb

pignatta

irdener Kochtopf

una octava d'ora

eine Achtelstunde (7,5 Minuten)

discosta dal focho che non piglie fume

fern vom Feuer, damit es keinen Rauchgeschmack annimmt

di continuo le menerai col cocchiaro

rühre es ständig mit dem Löffel um

Ingwer + Zucker als Fisch-Neutralisierung

Diätetisch-medizinischer Hintergrund: nach der im 15. Jh. allgegenwärtigen Humoralpathologie (Vier-Säfte-Lehre nach Galen) galt Fisch als "kalt und feucht" - schwer verdaulich und gefährlich für die Säftebalance, besonders in der Fastenzeit. Ingwer und Zucker galten als "heiß und trocken" und waren daher medizinisch geboten, um die "Kälte" des Fisches zu neutralisieren. Die schiere Menge Ingwer + Zucker (~165 g + 240 g) war also nicht nur Status oder Geschmack, sondern auch ärztlich legitimierte diätetische Praxis. Medizin und Statussymbol in einem.

Handschrift
Libro de arte coquinaria
Folio
Fol. 24r
Sprache
Frühitalienisch (15. Jh.)
Entstehung
Norditalien, 1465

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartcomo è ditto di sopra

Gewählte Lesart: Diese Phrase verweist auf eine frühere, nicht im vorliegenden Text enthaltene Anleitung zur Mandelzubereitung. Es wird angenommen, dass es sich um das übliche Verfahren handelt, Mandeln zu schälen, zu zerstoßen und eventuell mit Wasser zu einer Mandelmilch zu verarbeiten.

Lesartbrodo biancho di peselli

Gewählte Lesart: Dies wird als 'weiße Erbsenbrühe' übersetzt, die aus getrockneten, geschälten Erbsen hergestellt wurde und eine helle Farbe besaß. Sie diente als fastentaugliche, geschmacksneutrale Flüssigkeitsbasis.

Lesartbon pesce di mare, o bon luccio d'acqua dolce

Gewählte Lesart: Dies wird als 'guter Seefisch oder guter Süßwasserhecht' übersetzt. Es impliziert die Verwendung von festfleischigem, weißem Fisch, der sich gut pochieren und zu einer feinen Paste verarbeiten lässt. Moderne Alternativen wären Kabeljau, Schellfisch oder Wels.

Lesartzenzevero mondo

Gewählte Lesart: Geschälter Ingwer (mondo von mondare = reinigen). Bewusste Wahl: Martino spezifiziert die Reinware, nicht die holzige Trockenwurzel. Aber: das Importmaterial war dennoch getrocknet, mit erheblichem Schärfeverlust durch Transport übers Mittelmeer (ätherische Öle verflüchtigen sich) - holzig-süßlich statt brennend-scharf. Daher musste mehr Masse verwendet werden.

Lesartdiscosta dal focho che non piglie fume

Gewählte Lesart: Diese Anweisung bedeutet, das Gericht 'fern vom Feuer zu kochen, damit es keinen Rauchgeschmack annimmt'. Dies ist entscheidend für die feine Textur und den delikaten Geschmack des Blancmanger und erfordert eine sehr sanfte Wärmequelle, die keine Rauchentwicklung verursacht.

Lesartmeza libra di zenzevero (Mengen-Plausibilität)

Gewählte Lesart: 0.5 Libra (~165 g) geschälter Ingwer auf 10 Suppen ergibt rechnerisch ~16.5 g pro Person - nach modernen Maßstäben außergewöhnlich scharf. Wir wissen nicht zweifelsfrei, warum die Menge so hoch ist; mehrere plausible Hypothesen werden mediävistisch diskutiert:

1. Konzentrat-Paste: Möglicherweise beschreibt das Rezept eine hochkonzentrierte Würz-/Bindepaste - "per farne dece menestre" (für zehn Suppen) wäre dann das Endprodukt nach Verlängerung mit Brühe/Wasser/Wein. Schlossküchen-Praxis: zentrale Würzbasis, modulares Aufgießen. Nicht direkt im Text belegt, aber konsistent mit dem Renaissance-Hofkontext.

2. Schärfeverlust der Importware: Auch geschälter Ingwer ("zenzevero mondo") kam getrocknet aus dem Mittelmeerhandel - die ätherischen Öle könnten beim Transport verflogen sein, das Aroma wurde dann holzig-süßlich statt brennend-scharf. Plausibel aus Lagerungsphysiologie, aber quantitativ nicht geprüft.

3. Humoralpathologie: Nach der Vier-Säfte-Lehre galt Fisch als "kalt und feucht", Ingwer und Zucker als "heiß und trocken" - die hohe Gewürzmenge wäre dann diätetisch geboten. Die diätetische Schicht ist gut bezeugt, eine direkte Begründung dieser konkreten Menge im Text aber nicht.

Eine eindeutige Klärung würde eine systematische Auswertung der Liber-de-Coquina-Edition (Mulon 1968) und Vergleichseditionen (Benporat, Ballerini/Parzen) erfordern - im Backlog notiert.

Andere mögliche Lesarten:

  • Status-Demonstration als einzige Begründung. - Ein halbes Pfund Ingwer hatte im 15. Jh. nach mediävistischer Schätzung den Gegenwert von etwa einem Schaf. Martino kochte für Sforza und Papst - Status-Geste plausibel. Aber: erklärt nicht warum die Konsistenz so dicht ist und der Fisch + Zucker so hochkonzentriert dazu kommen.
  • Editionsvariante "meza oncia" (~14 g) statt "meza libra" in anderen Martino-Editionen. - Wäre theoretisch möglich. Eine systematische Kollation mit Benporat 2001 oder Ballerini/Parzen 2005 könnte das klären. Bisher folgen wir Faccioli 1966 (unsere Quelle).

Originalwerk (~1465) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 24r, Library of Congress, Rare Book and Special Collections Division, Washington MS (TX723 .M3 1460), Public Domain
Transkription
Uni Giessen (Gloning/Romanelli, Digitale Edition 2004, Basis: Faccioli 1966) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand): Fisch separat kochen, auslösen, mit gemahlenen Mandeln und eingeweichtem Brot zur feinen Paste verarbeiten - im Lager mit Stabmixer machbar, klassisch Hofküche und besser zuhause vorbereitet. Die fertige Konzentrat-Paste wird am Markt nur noch mit Fischsud verlängert.
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