Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Nimm gebratene Krebse. Lege sie beiseite und schäle sie danach. Bereite eine Eierfüllung mit Gewürz und Schmalz zu und fülle sie ein. Und das Ckragel (den Kragen-/Halsbereich) reinige gründlich, und setze es an die Krebse an wie zuvor. Backe sie in heißem Schmalz und richte sie so an.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| chrewssen | Krebse | gut sortierter Fischhandel, Wochenmarkt | Flusskrebse (tiefgekühlt) |
| ayr | Eier | - | - |
| gwucz | Gewürze | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| smalcz / smalz | Schmalz | Metzger, Supermarkt | Butterschmalz oder Pflanzenöl für Fastenzeit |
Welches Gericht ist das? Mon-135 ist die spätmittelalterliche Vorstufe der klassischen farcierten Krebse: Flusskrebse werden gegart, das Fleisch - vor allem aus dem Kragenbereich - gepult, gereinigt und wieder an die leeren Panzer angesetzt, zusammen mit einer Ei-Gewürz-Füllung, dann in heißem Schmalz ausgebacken. Ihre nächste lebende Verwandte ist die französische écrevisses farcies; im Ausback-Schritt ist sie außerdem eine Verwandte heutiger Krebs- und Krabbenbeignets. Im Mondseer Kochbuch selbst steht ihr mon-134 ("Gebratene gefüllte Krebse") sehr nahe - fast dasselbe Verfahren, nur mit Braten statt Ausbacken als letztem Schritt.
Die Reihenfolge im Originaltext ist enger als es die bisherige Übersetzung vermuten ließ: Zuerst wird die Ei-Gewürz-Füllung angesetzt und in die geschälten Panzer gefüllt, erst danach wird vom übrigen Krebsfleisch (dem "ckragel", vermutlich der Kragen-/Halspartie) die Rede - es wird gereinigt und an die bereits gefüllten Krebse angesetzt, so wie zuvor beschrieben. Das Krebsfleisch wird also nicht, wie man beim ersten Lesen meinen könnte, zerstoßen und in die Ei-Masse eingerührt, sondern eher als zweite Lage aufgesetzt beziehungsweise aufgesteckt, ähnlich wie beim Wiederzusammensetzen der Schalenhälften in den Zwillingsrezepten. "Ckragel" (Kragen-/Halsbereich) ist als Wort selbst kein Hapax - 'kragel/kregelin' ist bei Lexer, Grimm und Idiotikon belegt -, nur im Korpus einmalig verwendet. Ob damit hier Fleisch aus dieser Zone (gestützt durch kkm-012, das 'Hälß' als eigens verarbeiteten Krebsteil nennt) oder ein intaktes Schalenstück mit Scheren gemeint ist, das nach dem Füllen zur optischen Rekonstruktion wieder angesteckt wird, lässt sich aus dem Text allein nicht entscheiden.
Praxis. Krebse zunächst vorgaren (kurz abkochen oder braten), damit sich die Panzer leichter unbeschädigt lösen lassen - dies ist über die ganze Rezeptfamilie hinweg (rfk-008, m384-027, kkm-012) die Standardreihenfolge. Danach schälen und die leeren Schalen aufbewahren. Aus Eiern, Gewürz und etwas Schmalz eine gebundene Füllung anrühren und in die Schalen einfüllen. Das übrige Krebsfleisch - besonders die Halspartie - sauber auslösen und an die gefüllten Schalen ansetzen, ähnlich dem Zusammenfügen der Schalenhälften bei den verwandten Rezepten. Zum Schluss in reichlich heißem Schmalz ausbacken, bis die Füllung gestockt und die Oberfläche leicht gebräunt ist.
Verwandte Technik, andere Schale. Dasselbe Grundprinzip - eine hohle Naturschale füllen, verschließen und in Schmalz ausbacken - findet sich im Korpus auch bei gefüllten Eiern (dort halbe Eierschalen statt Krebspanzer als Hülle).
Frische Krebse sind saisonal auf gut sortierten Wochenmärkten oder im Fischhandel erhältlich. Alternativ können tiefgekühlte Flusskrebse verwendet werden.
Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Frische Krebse müssen am Markttag besorgt werden. Die Zubereitung ist mit Mörser und Pfanne am Feuer in etwa 45 Minuten möglich.
Dieses Rezept stammt aus dem 'Mondseer Kochbuch', einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Küche dieser Zeit wider.
‚Ckragel' bezeichnet den Kragen-/Halsbereich der Krebse - das Wort selbst ('kragel/kregelin', Diminutiv zu 'Kragen') ist bei Lexer, Grimm und Idiotikon belegt. Ob damit Fleisch aus dieser Zone oder ein intaktes Schalenstück mit Scheren gemeint ist, bleibt aus dem Rezepttext allein offen; es wird jedenfalls gründlich gereinigt und an die bereits mit der Eierfüllung versehenen Krebsschalen angesetzt.
Hier als ‚gebratene Krebse' übersetzt, da der Text später das Backen/Braten in Schmalz beschreibt. Es könnte sich um vorgekochte oder bereits gebratene Krebse handeln, die dann weiterverarbeitet werden.
Kragen-/Halsbereich des Krebses - 'kragel/kregelin/kraglein' (Diminutiv zu 'Kragen') ist bei Lexer, Grimm und Idiotikon belegt, im Korpus selbst aber nur hier verwendet. Ob Fleisch aus dieser Zone (gestützt durch kkm-012, das 'Hälß' als eigens verarbeiteten Krebsteil nennt) oder ein intaktes Schalenstück mit Scheren/Beinen gemeint ist, bleibt aus dem Text allein offen.
‚Stoz an' bedeutet hier ‚ansetzen/anstecken/hineinstecken', nicht ‚zerstoßen'. Belegt durch dieselbe Wendung in mon-088 (‚stoz an spissel' = auf Spieße stecken), mon-018/rfk-047 (‚stosz sie an ein spisselin') und mon-062 (‚stoz das hawp in dy ful' = den Kopf in die Füllung stecken). Wäre ‚zerstoßen/zerkleinern' gemeint, stünde im Korpus durchgängig ‚stoz klein' oder ‚gestossen' (vgl. mon-031, mon-052, mon-053, mon-060).
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
gwucz
Gewählte Lesart: Gewürz.
Andere mögliche Lesart:
Gewählte Lesart: Kragen-/Halsbereich des Krebses - Fleisch aus dieser Zone, gestützt durch kkm-012 ('Hälß' als eigens verarbeiteter Krebsteil).
Andere mögliche Lesart:
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