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Rahm-Eierschaum-Mus mit Zucker

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit35 Min.Portionen6-8 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm drei Quertl Rahm und das Weiße von zwanzig Eiern. Schlage beides gut miteinander. Fülle die Masse in einen neuen Topf und rühre sie um. Halte eine gute Glut bereit, stelle den Topf aber weit davon entfernt, damit nur milde Wärme wirkt.

So lässt sich das Mus kalt oder warm reichen. Beim Anrichten Zucker darüberstreuen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
3 qúertlen ram Sahne 750 ml - -
von 20 airen das weisß Eiweiß von 20 Eiern 20 - -
zúcker Zucker - - -

Welches Gericht ist das? Ein sanft gegartes Sahne-Eiweiß-Schaummus, das kalt oder warm mit Zucker bestreut serviert wird - kein fester Pudding, sondern eine leichte, weich gestockte Eiweißcreme. Am ehesten verwandt mit den europaweit im 16. Jahrhundert verbreiteten Sahne-Eiweiß-"Schnee"-Süßspeisen, die meist ungekocht gereicht wurden; hier kommt zusätzlich sanftes Erhitzen bis zum Stocken hinzu, was das Gericht näher an eine warme oder kalte Eierschaum-Creme rückt als an reinen Eischnee. Diese Einordnung ist eine kulinarhistorische Beobachtung, keine durch eine Korpus-Quelle geprüfte Zuschreibung.

Garzustand. Der Text nennt keine Zeitdauer und keinen festen Garpunkt für die Erhitzung, nur die Hitzeführung: eine gute Glut, aber weit vom Topf entfernt, für milde, indirekte Wärme. Ob die Masse bis zu einem sichtbaren, gleichmäßigen Stocken durcherhitzt wird oder nur kurz mild angewärmt bleibt, lässt der Wortlaut offen - beide Lesarten sind mit dem Text vereinbar.

Aufschlagen. Rahm und Eiweiß werden gemeinsam, nicht getrennt, aufgeschlagen ("klops woll vnnderainander"). Das Fett aus dem Rahm erschwert dabei physikalisch die Schaumbildung gegenüber separat steifgeschlagenem Eischnee - das ist aber genau so im Text vorgeschrieben, keine spätere Zutat oder ein Fehler in der Übersetzung.

Praxis. 750 ml Sahne mit dem Eiweiß von 20 Eiern gemeinsam von Hand oder mit dem Schneebesen kräftig aufschlagen, bis die Masse Luft zieht. In einen sauberen Topf füllen und umrühren. Über sehr milder, indirekter Hitze erwärmen (am Herd etwa am Rand der Platte, am offenen Feuer mit deutlichem Abstand zur Glut), wie weit die Erhitzung dabei getrieben werden sollte, bleibt offen (siehe oben). Kalt oder warm servieren, beim Anrichten mit Zucker bestreuen. Wegen der großen Menge nur mild erwärmten Eiweißes empfiehlt sich für die heutige Küche der Einsatz pasteurisierter Eier.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Eingeschränkt geeignet. Die Technik verlangt sanfte, indirekte Hitze, damit das Eiweiß nicht gerinnt, das braucht am offenen Feuer Übung und Geduld. Zwanzig Eiweiß von Hand aufzuschlagen ist zudem Muskelarbeit, ein Schneebesen oder mehrere Helfer erleichtern das erheblich.

Was ist ein 'Quertl'?

Ein Quertl (auch Quärtlein) war ein historisches Flüssigkeitsmaß, ungefähr ein Viertel einer größeren regionalen Maß-Einheit. Die genaue Augsburger Größe ist nicht exakt überliefert, umgerechnet entspricht ein Quertl grob einer Viertelliter-Menge.

Warum wird nur das Eiweiß verwendet und nicht das ganze Ei?

Das reine Eiweiß macht die Masse beim Aufschlagen luftiger und lässt sie beim sanften Erhitzen zu einem leichten Schaum stocken. Das Eigelb hätte die Farbe getrübt und die Textur schwerer gemacht, in einem großen Haushalt wie dem der Welserin waren die übrigen Dotter für andere Gerichte kein Verlust.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Ain rammúsß zú machen Nim 3 qúertlen ram vnnd von 20 airen das weisß darúon/ klops woll vnnderainander, thús jn ain new~en haffen/ vnnd riers vmb, thú ain gúte glút weit vom haffen, dú magst es kalt oder warm geben, wan mans anricht, see zúcker daraúff.
haffen

Meint hier schlicht einen Kochtopf, nicht einen Mörser - 'ain newen haffen' ist ein neuer, sauberer Topf.

qúertlen

Ein Quertl (Quärtlein) war ein regionales Hohlmaß für Flüssigkeiten, ungefähr ein Viertel einer größeren Maß-Einheit. Die genaue Augsburger Eichgröße ist nicht sicher überliefert, die Umrechnung hier ist eine plausible Näherung.

see

Von 'säen': streuen, ausstreuen - hier das Bestreuen mit Zucker beim Anrichten.

glút weit vom haffen

Anweisung zur sanften, indirekten Hitze: die Glut soll brennen, der Topf aber nicht direkt darüber stehen, damit die Eiweißmasse langsam stockt statt zu gerinnen.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 36 recto
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

3 qúertlen ramcream Q13228
von 20 airen das weisßegg white Q796758
zúckerunrefined cane sugar Q57656231

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartqúertlen

Gewählte Lesart: Als historisches Hohlmaß für Flüssigkeiten gelesen, näherungsweise mit 250 ml pro Quertl angesetzt, also 750 ml Rahm insgesamt.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein größeres oder kleineres regionales Maß - Die genaue Augsburger Eichgröße für 'Quertl' ist nicht sicher überliefert, andere süddeutsche Städte kannten abweichende Quart-Größen.

Lesartgúte glút weit vom haffen (Gardauer)

Gewählte Lesart: Der Text nennt keine Zeitdauer oder einen festen Garzustand, nur die Hitzeführung. Die Praxis bleibt deshalb offen, ob die Masse bis zum sichtbaren Stocken durcherhitzt oder nur kurz mild angewärmt wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein kurzes, sehr mildes Anwärmen, wonach die Masse im Kern noch roher Eiweißschaum bleibt - Der Wortlaut nennt weder Zeit noch Garzustand, dafür gibt es im Text keinen expliziten Beleg - nur die Formulierung 'gúte glút weit vom haffen'.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 36 recto, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand): Die Masse darf nur milde, indirekte Hitze bekommen, sonst gerinnt das Eiweiß statt sanft zu stocken - das verlangt am offenen Feuer ständige Aufmerksamkeit und einen Platz weit weg von der Glut. Zwanzig Eiweiß von Hand steifzuschlagen ist zudem reine Armarbeit ohne Rührgerät.
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Stand dieser Fassung: 28.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.