Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553
Nimm die Leber und die Lunge vom Hirsch, dazu gutes Brät und das Fett vom Hirsch, außerdem Speck, Gewürz, Safran, Ingwer und Muskatblüte. Hacke das alles miteinander und lasse die Wurst in ihrer eigenen Brühe sieden.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| die leber | Hirschleber | - | Wildhändler, Jäger | Kalbsleber |
| lúngen vom hirsch | Hirschlunge | - | Nur über Jäger, kein gewerblicher Verkauf in Deutschland seit 2014 | Mehr Brät oder Leber statt der Lunge |
| gút bret | Brät | - | Metzger (fein wolfen lassen) | Mageres Rind- oder Schweinefleisch, fein gehackt |
| das faist vom hirsch | Hirschfett | - | Wildhändler | Schweinefett |
| speck | Speck | - | - | - |
| gewirtz | Gewürz | - | - | - |
| saffera | Safran | - | Gewürzhandel | - |
| jmber | Ingwer | - | - | - |
| múscatblie | Muskatblüte | - | Gewürzhandel | - |
Welches Gericht ist das? Eine gesottene, nicht gebratene oder geräucherte Innereien-Wurst aus Hirschleber, -lunge, Brät und Fett - ein Vorfahr der heutigen Koch-/Brühwurst-Familie. Nahe Verwandte sind die niedersächsische Bregenwurst (Lunge heißt dort „Bregen") und die österreichische Beuschel-Tradition; unter Jägern wird das Prinzip, Leber, Lunge und Fett des erlegten Tiers direkt nach der Jagd zu Wurst zu verarbeiten, bis heute so praktiziert. Dass die Wurst gesotten statt gebraten wird, passt zu dieser Verwandtschaft: Leber wird beim direkten Braten leicht körnig und gummiartig, das schonende Sieden in der eigenen Brühe umgeht das.
Wie die Masse vor dem Sieden ihre Form als Wurst erhält, sagt der Text nicht - weder eine Hülle noch ein Darm werden erwähnt. Das Substantiv „wirst" im Titel setzt die fertige Form nur voraus, beschreibt aber nicht, wie sie entsteht. Diese Lücke lässt sich aus dem überlieferten Text nicht schließen; sie wird hier offengelassen statt mit einer erfundenen Technik überbrückt.
Auch zur Siedezeit oder zum Garzustand schweigt der Text und überlässt sie der Erfahrung des Kochs.
Praxis. Leber, Lunge, Brät, Hirschfett und Speck fein hacken und mit Gewürz, Safran, Ingwer und Muskatblüte vermengen - die unterschiedlichen Texturen von weichen Innereien, Brät und Fett brauchen das Hacken, um eine bindefähige Masse zu ergeben. Diese in der eigenen Brühe sieden, bis die Wurst fest und vollständig durchgegart ist: Bei einer rohen Leber-Lunge-Mischung ist das aus Sicherheitsgründen Pflicht, unabhängig davon, wie lange das historisch dauerte.
Beides findet man am ehesten beim Jäger direkt oder bei einem auf Wild spezialisierten Händler. Lunge darf in Deutschland seit 2014 aus Hygienegründen nicht mehr gewerblich als Lebensmittel verkauft werden, wer keinen Zugang zu selbst erlegtem Wild hat, ersetzt sie am besten durch mehr Leber oder zusätzliches Brät.
Brät ist fein gehacktes, rohes Fleisch, das als Grundmasse für Würste dient. Zusammen mit Fett und den Innereien ergibt es die Bindung und Struktur der fertigen Hirschwurst.
Eingeschränkt geeignet. Die Zubereitung selbst, Hacken und Sieden in der eigenen Brühe, dauert unter einer Stunde und braucht nur Messer und Topf. Der Engpass liegt allein bei der Beschaffung von frischer Hirschleber und -lunge, die man nicht einfach am Marktstand kauft.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).
Hier vermutlich 'Brät', das fein gehackte, rohe Fleisch, das man klassisch zur Bindung von Würsten verwendet, nicht das moderne 'Brett' im Sinne von Holzbrett.
Brühe oder Sud, hier der eigene Fleisch- und Fettsaft, in dem die Wurst gegart wird. Kein Bezug zum französischen Käse gleichen Namens.
Muskatblüte, auch Macis genannt, die getrocknete Hülle der Muskatnuss.
Schwäbisch-augsburgisch für Fett.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| die leber | deer liver Q96756392 |
| speck | bacon Q11106 |
| gewirtz | spice Q42527 |
| saffera | saffron Q25434 |
| jmber | ginger Q15046077 |
| múscatblie | mace Q1882876 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
saffera
Gewählte Lesart: Safran, gelesen im Kontext mit Ingwer und Muskatblüte als weiterem teuren Gewürz.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 31.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.