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Hirschwurst mit Leber und Lunge

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

WildHauptspeise · WildLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeitca. 60 Min. KüchenzeitPortionen4 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm die Leber und die Lunge vom Hirsch, dazu gutes Brät und das Fett vom Hirsch, außerdem Speck, Gewürz, Safran, Ingwer und Muskatblüte. Hacke das alles miteinander und lasse die Würste in einer eigenen Brühe sieden.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
die leber Hirschleber - Wildhändler, Jäger Kalbsleber
lúngen vom hirsch Hirschlunge - Nur über Jäger, kein gewerblicher Verkauf in Deutschland seit 2014 Mehr Brät oder Leber statt der Lunge
gút bret Brät - Metzger (fein wolfen lassen) Mageres Rind- oder Schweinefleisch, fein gehackt
das faist vom hirsch Hirschfett - Wildhändler Schweinefett
speck Speck - - -
gewirtz Gewürz - - -
saffera Safran - Gewürzhandel -
jmber Ingwer - - -
múscatblie Muskatblüte - Gewürzhandel -

Welches Gericht ist das? Eine gesottene, nicht gebratene oder geräucherte Innereien-Wurst aus Hirschleber, -lunge, Brät und Fett - ein Vorfahr der heutigen Koch-/Brühwurst-Familie. Nahe Verwandte sind die niedersächsische Bregenwurst (Lunge heißt dort „Bregen") und die österreichische Beuschel-Tradition; unter Jägern wird das Prinzip, Leber, Lunge und Fett des erlegten Tiers direkt nach der Jagd zu Wurst zu verarbeiten, bis heute so praktiziert. Dass die Wurst gesotten statt gebraten wird, passt zu dieser Verwandtschaft: Leber wird beim direkten Braten leicht körnig und gummiartig, das schonende Sieden in einer eigenen Brühe umgeht das.

Wie die Masse vor dem Sieden ihre Form als Wurst erhält, sagt der Text nicht - weder eine Hülle noch ein Darm werden erwähnt, das Substantiv „wirst“ setzt die fertige Form voraus. Die Parallelrezepte füllen die gehackte Masse in Darm: rum-0301 „fuͤll den Darm darmit/ bindts zu mit einem Spagat“ (dort der Hirschdarm), std-162 „die weytten daͤrm von ainem Ochſſen / machs dꝛein“. Am nächsten liegt deshalb auch hier: die Masse in Därme füllen, abbinden und dann sieden.

Auch zur Siedezeit oder zum Garzustand schweigt der Text und überlässt sie der Erfahrung des Kochs.

Praxis. Leber, Lunge, Brät, Hirschfett und Speck fein hacken und mit Gewürz, Safran, Ingwer und Muskatblüte vermengen - die unterschiedlichen Texturen von weichen Innereien, Brät und Fett brauchen das Hacken, um eine bindefähige Masse zu ergeben. Die Masse in Därme füllen, an beiden Enden abbinden und in einer eigens angesetzten Brühe sieden, bis die Wurst fest und vollständig durchgegart ist: Bei einer rohen Leber-Lunge-Mischung ist das aus Sicherheitsgründen Pflicht, unabhängig davon, wie lange das historisch dauerte.

Wo bekomme ich Hirschleber und Hirschlunge?

Beides findet man am ehesten beim Jäger direkt oder bei einem auf Wild spezialisierten Händler. Lunge darf in Deutschland seit 2014 aus Hygienegründen nicht mehr gewerblich als Lebensmittel verkauft werden, wer keinen Zugang zu selbst erlegtem Wild hat, ersetzt sie am besten durch mehr Leber oder zusätzliches Brät.

Was bedeutet 'Brät' im Rezept?

Brät ist fein gehacktes, rohes Fleisch, das als Grundmasse für Würste dient. Zusammen mit Fett und den Innereien ergibt es die Bindung und Struktur der fertigen Hirschwurst.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Eingeschränkt geeignet. Die Zubereitung selbst, Hacken und Sieden in der eigenen Brühe, dauert unter einer Stunde und braucht nur Messer und Topf. Der Engpass liegt allein bei der Beschaffung von frischer Hirschleber und -lunge, die man nicht einfach am Marktstand kauft.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Hirschin wirst zú machen Nim die leber vnnd lúngen vom hirsch, aúch gút bret vnnd das faist vom hirsch, aúch speck, gewirtz, saffera, jmber vnnd múscatblie, hack das alles vnnderainander vnd seúd die wirst jn ainer aigen brie.
bret

Hier vermutlich 'Brät', das fein gehackte, rohe Fleisch, das man klassisch zur Bindung von Würsten verwendet, nicht das moderne 'Brett' im Sinne von Holzbrett.

brie

Brühe oder Sud. „jn ainer aigen brie“ heißt in einer eigenen, eigens dafür angesetzten Brühe - nicht im Fleischsaft der Wurst. Kein Bezug zum französischen Käse gleichen Namens.

múscatblie

Muskatblüte, auch Macis genannt, die getrocknete Hülle der Muskatnuss.

faist

Schwäbisch-augsburgisch für Fett.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 41 verso
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

die leberdeer liver Q96756392
speckbacon Q11106
gewirtzspice Q42527
safferasaffron Q25434
jmberginger Q15046077
múscatbliemace Q1882876

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsaffera

Gewählte Lesart: Safran, gelesen im Kontext mit Ingwer und Muskatblüte als weiterem teuren Gewürz.

Andere mögliche Lesart:

  • Anderes, unbekanntes Gewürz - 'saffera' ist im Kochbuch der Sabina Welserin die mit Abstand häufigste Schreibung für Safran (15 von 18 Belegen im Transkript, dazu 'saffern' und 'safferan'; 'saffran' selbst kommt kein einziges Mal vor) - die Schreibung ist also Buch-Norm und keine Abweichung, was ein alternatives Gewürz unwahrscheinlich macht.

LesartHülle der Wurst

Gewählte Lesart: Darm: Die gehackte Masse wird in Därme gefüllt und abgebunden, wie in den Parallelen rum-0301 („fuͤll den Darm darmit/ bindts zu mit einem Spagat“) und std-162 („die weytten daͤrm von ainem Ochſſen / machs dꝛein“).

Andere mögliche Lesart:

  • Offen: Der Text nennt keine Hülle, die Formgebung der Wurst bleibt ungeklärt. - Frühere Lesart dieses Rezepts. Der Text selbst erwähnt weder Hülle noch Darm; beide unabhängigen Parallelen füllen die Masse aber in Darm.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 41 verso, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/saw-167
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Beschaffung): Frische Hirschleber und -lunge bekommt man nur vom Jäger oder spezialisierten Wildhändler, Lunge darf in Deutschland seit 2014 gar nicht mehr gewerblich verkauft werden. Die Zubereitung selbst ist mit Messer und Topf in unter einer Stunde erledigt, der eigentliche Engpass liegt bei der Zutat, nicht am Feuer.
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Stand dieser Fassung: 15.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.