Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Geröstete Mandelmilch am Spieß

Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum · Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz · 1433

RezeptSonstigesLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit45 Min.Portionen2-4 PersonenBuchRegistrum Coquine (~1433)

So bereite geröstete Mandelmilch am Spieß zu.

Nimm gut eingedickte Mandelmilch und vermische sie mit einer kräftigen Brühe.

Danach nimm einen Schwamm und stecke ihn auf den Spieß, sodass er sich erwärmt. Gieße dann die Mandelmilch über den Schwamm und drehe den Spieß sehr langsam, bis die Milch fest wird. Teile anschließend den Schwamm in zwei Hälften, wobei die Milch am Spieß haften bleibt. Drehe den Spieß dann langsam weiter, bis die Milch gar ist.

Und dies wird gut sein für Huren.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
lac amigdalorum / lac bene spissum Eingedickte Mandelmilch - Supermarkt Selbstgemachte Mandelmilch, die stark reduziert wurde, oder eine Mischung aus Mandelmus und Wasser, die eingedickt wird.
bono brodio Gute Brühe - - Gemüsebrühe oder leichte Hühnerbrühe
unam spongiam Schwamm 1 Drogerie / Reformhaus Ein großer, hitzebeständiger Naturschwamm

Welches Gericht ist das? Ein hohles Mandelmilch-Röhrchen, das am Spieß über Glut gegart wird - ein kleines Schau-Kunststück der Fastenküche. Es gehört in dieselbe Tradition wie der feste Mandelkäse und die gestockten Blancmanger-Speisen: eingedickte Mandelmilch, die man wie ein Fleischgericht behandelt. Das Besondere ist die Form-über-Modell-Technik - vgl. das Backen von Hohlgebäck über einer Form (Cannoli-Prinzip): hier dient ein Naturschwamm als verlorene Innenform.

Lac bene spissum. Sehr dick eingekochte Mandelmilch, Konsistenz wie fester Pudding - sie muss am Spieß haften und beim Erhitzen weiter erstarren. Mit kräftiger Brühe (bono brodio) wird sie zur herzhaften Masse abgeschmeckt; an Fastentagen würde man bei einer Gemüsebrühe bleiben.

Spongia in spitone. Der Naturschwamm sitzt auf dem Spieß und wird zuerst handwarm angewärmt, dann mit der Mandelmilch übergossen. Beim langsamen Drehen über der Glut härtet die Außenschicht. Anschließend halbiert man den Schwamm längs - die beiden Hälften fallen ab, und es bleibt eine hohle Mandelmilch-Röhre am Spieß, die fertig geröstet wird.

Praxis. Unbehandelten Naturschwamm (Bade-/Töpferei-Bedarf, NICHT synthetisch) von etwa 10-15 cm Länge längs auf den Spieß stecken, über Glut handwarm anwärmen. Pudding-dicke Mandelmilch (kräftig reduziert, mit Brühe abgeschmeckt) löffelweise auftragen, dabei sehr langsam drehen, bis die Schicht erstarrt. Schwamm mit einem Messer längs durchtrennen, Hälften abnehmen, die verbleibende Röhre über der Glut leicht bräunen. Frisch servieren. Diese Spongia-am-Spieß-Technik ist außerhalb von Bockenheim in unserem Korpus nirgends belegt - ein Rezept zum praktischen Ausprobieren.

Was bedeutet der Hinweis „Und dies wird gut sein für Huren“?

Dies ist ein typischer humoristischer Kommentar von Johannes von Bockenheim, dem Autor des Registrum Coquine. Solche Bemerkungen sind in seinen Kochbüchern häufig und können verschiedene Bedeutungen haben: eine Anspielung auf die leichte Verdaulichkeit, die schnelle Zubereitung, oder einfach ein ironischer Scherz.

Wie funktioniert die Zubereitung mit dem Schwamm am Spieß?

Der Schwamm dient als Träger und Wärmeleiter. Die Mandelmilch wird darauf gegossen und durch die langsame Drehung über der Hitze fest. Das Teilen des Schwamms ermöglicht es, die feste Mandelmilch vom Spieß zu lösen und weiterzugaren. Es ist eine ungewöhnliche, aber effektive Methode, um eine Art „Mandelmilch-Rolle“ zu erzeugen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, gut geeignet. Du benötigst einen Bratspieß, eine Feuerstelle mit Glut und einen Naturschwamm. Die Zubereitung erfolgt direkt am Feuer. Die eingedickte Mandelmilch sollte jedoch nicht zu lange ungekühlt gelagert werden, daher am besten frisch zubereiten und sofort verzehren.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Registrum Coquine (Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz). Das älteste erhaltene Kochbuch eines namentlich bekannten päpstlichen Küchenmeisters. Johannes von Bockenheim kochte ab 1417 für Papst Martin V.; sein Registrum (~1431-1435) verzeichnet 80 Rezepte mit Angaben, für welche Nationalitäten oder Stände sie geeignet sind - für Italiener, Deutsche, Böhmen, Frauen, Adelige, Söldner, Mönche u.v.m. Das macht es zum einzigen mittelalterlichen Kochbuch mit expliziter Zielgruppenzuordnung.

Sic fac rostire lac amigdalorum in spitone. Recipe lac bene spissum, et tempera illud cum bono brodio. Post hoc recipe unam spongiam, et mitte eam in spitonem, ita quod calefiat; et tunc infunde illud lac, et volve spitonem valde lente, donec lac indurescit; et tunc divide spongiam in duas partes, et manet lac in spitone; et tunc volve spitonem lente, donec sit coctum. Et erit bonum pro meretricibus.
lac amigdalorum

Mandelmilch, hier sehr dick eingekocht (lac bene spissum), damit sie am Spieß haftet und fest gart - eine pflanzliche Basis, fastentauglich.

spongiam

Ein Naturschwamm, der als verlorene Innenform dient: die Mandelmilch erstarrt darum herum, danach wird er herausgeteilt und es bleibt eine hohle Röhre.

spitone

Bratspieß, über Glut langsam gedreht.

meretricibus

Wörtlich "für Huren" - eine von Bockenheims Schicht-Zuschreibungen (vgl. "für Adlige", "für Bauern", "für Deutsche"). Die genaue Stoßrichtung bleibt offen; wir verzichten bewusst auf die naheliegende anzügliche Deutung.

Handschrift
Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum
Folio
fol. 71v
Sprache
Mittellatein (frühes 15. Jh.)
Entstehung
Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz, 1433

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

bono brodiostock Q3075310

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartmeretricibus

Gewählte Lesart: Bockenheim-typische Schicht-Adressierung - vgl. seine vielen anderen Schicht-Tags "pro magnatibus", "pro rusticis", "pro Theutonicis". Die genaue Bedeutung von "pro meretricibus" (in zwei Rezepten belegt, vgl. auch boc-039) bleibt quellenkritisch offen - wir verzichten bewusst auf die naheliegenden eindeutigen Deutungen.

Andere mögliche Lesarten:

  • Augenzwinkernder Schicht-Spott auf Vatikan-Doppelmoral. - Im Rom des 15. Jh. waren Kurtisanen institutionalisierter Teil des sozialen Umfelds; Bockenheim als deutscher Koch im päpstlichen Hofstaat könnte sich der Spannung zwischen offizieller Moral und gelebter Praxis bewusst spöttisch bedient haben.
  • Klassen-deskriptive Adressierung - Speise leicht/billig genug für niedrige Schichten. - Auch möglich. Bockenheims Schicht-Tags reichen von hoch bis tief, ohne immer humoristisch zu sein. Die Adressierung "für X" ist bei ihm manchmal schlicht eine Zielgruppenangabe.

Originalwerk (~1433) gemeinfrei.

Bildquelle
BnF Ms. Latin 7054, fol. 71v/72r (Gallica ark:/12148/btv1b10035736w, f72) - Domaine public Quelle öffnen
Transkription
Robert Maier (Hg.): Das Registrum Coquine des Johannes von Bockenheim, Monumenta culinaria 3, GEB Gießen 2013 - CC BY-NC-SA 3.0 (urn:nbn:de:hebis:26-opus-93375) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Ein Vorführ-Kunststück am Spieß für Publikum: eingedickte Mandelmilch wird über einem Naturschwamm fest gegart, der Schwamm dann herausgeteilt. Braucht Glut, Bratspieß und unbehandelten Naturschwamm - reizvoll als Schaustück, kein Routinegericht.
Alle Rezepte aus Registrum Coquine Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.

Stand dieser Fassung: 11.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.