Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445
Nimm Reis und wasche ihn sehr gut in Wasser aus. Trockne ihn auf einem Tuch. Danach stoße ihn in einem Mörser fein und seihe ihn durch ein Tuch. Mache eine dicke Mandelmilch und setze sie dann ans Feuer. Gib den gestoßenen Reis gut hinein, etwa einen halben Löffel voll, und Zucker.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Reisch | Einen halben Esslöffel voll Reis | 0.5 EL | - | Reismehl |
| wasser | Wasser | - | Leitung | - |
| dike mandelmilich | Dicke Mandelmilch | - | Supermarkt, Reformhaus | Mandelmilch selbst herstellen (Mandeln einweichen, pürieren, durch Tuch passieren) |
| zuker | Zucker | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Eine mit Zucker gesüßte Mandelmilch-Reis-Grütze - die Mandelmilch-Variante des heutigen Milchreis, nur mit pflanzlicher statt tierischer Milch. Der Reis dient hier nur als Bindemittel (ein halber Löffel voll genügt), nicht als Hauptmasse - das Ergebnis ist eher eine sämige Creme als der heutige Milchreis mit viel Reisanteil. Verwandt mit zeitgenössischen Blancmanger-Rezepten (Reis, Mandelmilch, Zucker), hier aber ohne das für Blancmanger typische Hühnerfleisch - eine schlichtere, fleischlose Randform derselben Gerichtsfamilie.
Warum Reis waschen, trocknen und erst dann stoßen? Nasser Reis verklumpt beim Stoßen im Mörser, statt fein zu zerfallen. Das Trocknen auf dem Tuch ist deshalb kein Reinlichkeits-, sondern ein Technikschritt: Nur trockener Reis lässt sich im Mörser zu feinem, hausgemachtem Reismehl verarbeiten, das anschließend durch ein Tuch passiert wird, um grobe Reste zu entfernen.
Was heißt "den gestossen reisch mal darein wol"? "Mal" steht hier für "geben/hinzufügen", nicht für einen zweiten Mahlvorgang - der Reis wurde ja bereits gestoßen. Das im Original stehende "wol" (gut, gründlich) beschreibt, wie sorgfältig das Reismehl in die heiße Mandelmilch eingerührt werden soll, damit es sich vollständig auflöst und keine Klümpchen bildet.
Praxis. Reis gründlich waschen, auf einem Tuch trocknen, im Mörser (ersatzweise in der Küchenmaschine) fein zerkleinern und durch ein Tuch passieren. Parallel eine dicke Mandelmilch ansetzen und ans Feuer stellen. Das feine Reismehl (etwa ein halber Löffel voll) zusammen mit Zucker gut einrühren und unter gelegentlichem Rühren köcheln lassen, bis die Mandelmilch die gewünschte, sämige Musdicke erreicht hat - der Text nennt dafür keine feste Zeit, das Auge entscheidet. Mit Fertigprodukten (gekaufte Mandelmilch, fein gemahlenes Reismehl) ist das Rezept auch ohne die zeitaufwändige Handarbeit schnell umsetzbar.
Im Mittelalter war der Mörser ein großes, schweres Gefäß aus Stein oder Metall, das als Küchenmaschine diente, um Zutaten zu einer feinen Farce oder Paste zu stampfen. Für dieses Rezept kannst du den Reis stattdessen in einer Küchenmaschine oder einem Blender fein mahlen. Wer es authentisch mag, verwendet einen großen Granit-Mörser mit schwerem Holzstößel.
Eingeschränkt (Aufwand): Die Herstellung von Mandelmilch und das Zerstoßen des Reises im Mörser sind zeitintensiv. Mit fertig gemahlenem Reis und gekaufter Mandelmilch ist das Rezept jedoch schnell zubereitet und gut am Feuer umsetzbar.
'Dicke Mandelmilch' ist eine Mandelmilch mit einer cremigen, sämigen Konsistenz. Du kannst sie fertig im Supermarkt oder Reformhaus kaufen. Alternativ weichst du geschälte Mandeln über Nacht ein, pürierst sie mit etwas Wasser und passierst die Mischung durch ein feines Tuch oder einen Nussmilchbeutel, bis die gewünschte Dicke erreicht ist.
Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).
Frühneuhochdeutsch für Reis. Hier wird er als Bindemittel und Texturgeber verwendet.
Ein großer Fleischmörser, nicht der kleine Gewürzmörser. Er diente als mittelalterliche Küchenmaschine, um Zutaten zu einer feinen Paste zu zerstoßen.
Mandelmilch war eine wichtige Zutat in der mittelalterlichen Küche, besonders in der Fastenzeit als Ersatz für Tiermilch. Die Dicke war entscheidend für die Konsistenz des Gerichts.
Ein Löffel voll. Die Menge von einem halben Löffel Reis deutet darauf hin, dass der Reis hier primär als Bindemittel und nicht als Hauptbestandteil dient.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
mal darein
Gewählte Lesart: Die Phrase 'mal darein' wurde als 'gib hinein' oder 'rühre hinein' übersetzt.
Andere mögliche Lesart:
dike mandelmilich
Gewählte Lesart: Die Phrase 'dike mandelmilich' wurde als 'dicke Mandelmilch' übersetzt, wobei die genaue Konsistenz nicht quantifiziert ist.
gegen ainen halben loffel vol
Gewählte Lesart: Die Phrase 'gegen ainen halben loffel vol' wurde als 'etwa einen halben Löffel voll' übersetzt, wobei 'gegen' hier 'ungefähr' oder 'etwa' bedeutet.
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