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Mürbe gebratene Hühner am Spieß

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen1 Huhn pro 2-3 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nehmt die Hühner, so viele ihr wollt. Dreht ihnen mit den Händen die Köpfe ab und legt sie so auf die Erde, bis sie vollends verendet sind. Stecht sie nicht ab und lasst kein Blut aus ihnen heraus.

Wenn sie tot sind, nehmt sie und klopft sie mürbe, wie man es mit einem Rebhuhn tut. Danach nehmt sie aus und benetzt sie mit keinerlei Wasser oder sonst etwas. Spickt sie gut und steckt sie an den Spieß, bis sie zu schwitzen beginnen.

Dann nehmt den Spieß herab und macht ein Schmalz heiß. Haltet den Spieß so, dass sein unteres Ende nach oben zeigt, und gießt das heiße Schmalz von unten hinein, nicht außen darüber. Lasst sie so weiterbraten, dann habt ihr gute gebratene Hühner.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
die hiener Huhn - - -
spicken sý woll Speck zum Spicken - Metzger -
schmaltz Schmalz - - -

Welches Gericht ist das? Ein ganzes Huhn wird am Spieß über offenem Feuer gebraten und dabei von innen mit heißem Schmalz beschöpft. Der lebende Nachfahre ist das klassische Spieß- oder Rotisserie-Hähnchen, wie es heute an Grillständen und auf Mittelaltermärkten selbst zubereitet wird - nur dass moderne Rotisserie-Hähnchen von außen beschöpft werden, nicht von innen durch den Spieß.

Wie kommt das Schmalz ins Innere? Der Text verlangt, den umgedrehten Spieß von unten mit heißem Schmalz zu befüllen, damit es ins Innere läuft statt außen abzulaufen. Ob dafür ein hohler Spieß nötig war oder das Schmalz einfach in die beim Ausnehmen entstandene Bauchhöhlenöffnung gegossen wurde, während diese oben lag, sagt der Text nicht - die zweite Lesart kommt ohne zusätzliche Annahme über die Spieß-Bauart aus und ist daher die textnähere.

Praxis. Das Huhn kommt fertig vom Metzger - die im Original beschriebene Tötungsmethode per Genickbruch ist reines Zeitzeugnis und wird nicht nachgestellt. Das Huhn nicht mit Wasser benetzen, mit Speck spicken und an den Spieß stecken. Über dem Feuer braten, bis Fett und Feuchtigkeit sichtbar an der Oberfläche austreten ('erschwitzen'), dann kurz herunternehmen. Schmalz erhitzen und bei umgedrehtem Spieß in die Bauchhöhle gießen, dann weiterbraten. Der Text nennt keine Garprobe; als Sicherheitsanker gilt heute: fertig, wenn am dicksten Teil (Keule) klarer Saft austritt bzw. eine Kerntemperatur von ca. 74°C erreicht ist.

Wie funktioniert die Beschöpfung von unten durch den Spieß?

Der Text sagt nur, dass der umgedrehte Spieß von unten mit heißem Schmalz befüllt wird, damit es ins Innere des Huhns läuft, statt außen abzulaufen. Wie genau das Schmalz dorthin gelangt, bleibt offen: entweder durch einen hohlen Spieß, der als Röhre wirkt, oder - textnäher, weil das Huhn ohnehin schon ausgenommen ist - durch die vorhandene Bauchhöhlenöffnung, während der Spieß so gehalten wird, dass sie oben liegt. Am modernen Lagerfeuer-Spieß lässt sich das Ziel in jedem Fall durch gezieltes Beträufeln der Bauchhöhle nachahmen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, gut geeignet. Spieß und offenes Feuer gehören zur Standardausrüstung im Lager, das Spicken braucht etwas Fingerfertigkeit und rund eine Stunde Garzeit am Feuer. Die im Original beschriebene Tötungsmethode ist reines Zeitzeugnis, im Lager kommt das Huhn selbstverständlich fertig vom Metzger.

Warum wird das Huhn nicht abgestochen?

Das Rezept verlangt ausdrücklich, kein Blut aus dem Tier laufen zu lassen. Man ging damals davon aus, dass im Fleisch verbliebenes Blut das Fleisch saftiger und mürber macht, ein Gedanke, der sich auch in der anschließenden Anweisung findet, das Fleisch nicht mit Wasser zu benetzen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Hiener gút vnnd mirb zú praten. kompt vom doctor mosser Nempt die hiener, wie vill jr welt, also ab/ jr solt die kepff mit den henden abzeren vnnd also an die erd legen, bis sý gar sterben, vnnd solls nit abstechen noch das bluet von jn lassen, darnach, wan sý gethet send, nempts vnnd klopffts wie ain rephún, nachmals nempts aús vnnd netzens nit mit kainem wasser oder sonst vnnd spicken sý woll vnnd steckens an spis, bis sý erschwitzen, darnach thiet den spisß herab vnnd machen ain schmaltz haiß vnnd heben den spisß vnnden jbersich vnnd giests vnnden hinein vnnd nit aúsen daran vnnd lands bratten, so habt jr gúten braten hiener.
abzeren

Die Köpfe der Hühner werden mit den Händen abgedreht bzw. abgezerrt, also der Genick gebrochen, statt sie abzustechen. So bleibt das Blut im Fleisch, was zur gewünschten Mürbheit beitragen soll.

klopffts wie ain rephún

Das tote Huhn wird mürbe geklopft, wie man es damals mit Rebhühnern tat, eine damals gängige Technik, um das Fleisch von Wild- und Geflügel zarter zu machen.

erschwitzen

Am Spieß beginnt das Huhn zu schwitzen, das heißt, es tritt Fett und Feuchtigkeit an der Oberfläche aus, ein Signal, dass es Zeit für den nächsten Schritt ist.

vnnden jbersich

Der Spieß wird umgedreht, das untere Ende zeigt nach oben, und heißes Schmalz wird von unten eingegossen statt außen aufgetragen. Wie das Schmalz genau ins Innere des Huhns gelangt, sagt der Text nicht - siehe interpretive_choices.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 31 verso
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

die hienerchicken Q864693
schmaltzanimal fat Q1423543

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartvnnden jbersich / giests vnnden hinein

Gewählte Lesart: Das Schmalz wird bei umgedrehtem Spieß in die beim Ausnehmen ('nempts aús') bereits vorhandene Bauchhöhlenöffnung gegossen - der Text setzt keinen hohlen Spieß voraus.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Spieß selbst ist hohl und wirkt als Röhre ins Innere des Huhns. - Textlich nicht ausgeschlossen, aber auch nicht belegt - weder an dieser Stelle noch sonst im saw-Korpus (kein weiterer Beleg für hohl/Röhre in Spieß-Kontext).

Lesartlands bratten (Garprobe)

Gewählte Lesart: Der Text nennt für die letzte Röstphase keine Garprobe und endet mit 'so habt jr gúten braten hiener' - die Einschätzung des Garzustands lag beim Bratwender selbst.

Andere mögliche Lesart:

  • Modern empfiehlt sich als Sicherheitsanker, bis das Fleisch am dicksten Teil (Keule) klaren Saft abgibt bzw. eine Kerntemperatur von ca. 74°C erreicht ist. - Standard-Garprobe für Geflügel; der historische Text selbst verlangt sie nicht, daher als Praxisempfehlung markiert statt als Lesart des Originals.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 31 verso, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Spieß und offenes Feuer sind Standard-Lagerausrüstung, das Spicken und die Innen-Beschöpfung durch die Bauchhöhle brauchen etwas Übung. Die Tötungsmethode aus dem Original wird heute natürlich nicht nachgestellt, das Huhn kommt fertig vom Metzger.
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Stand dieser Fassung: 27.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.