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Semmelmus mit Eidotter-Bindung

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

BeilageBeilageLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen2-3 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm geriebenes Weißbrot aus Semmel und verrühre es in einer Pfanne mit Fleischbrühe. Lass es zusammen gut aufsieden, bis es dicklich und weich wird.

Nimm danach vier Eidotter und verrühre sie mit kalter Fleischbrühe. Gib sie zum Brotmus und lass alles miteinander noch einmal aufsieden.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain geriben brot von semel Geriebenes Weißbrot (Semmel) - - Altbackenes Brötchen mit dem Messer fein zerkrümeln
flaischbrie Fleischbrühe - - -
4 airdetter Eigelb 4 - -
kalter fleschbrie Kalte Fleischbrühe - - -

Welches Gericht ist das? Ein mit Eidotter legiertes Brot-Fleischbrühe-Mus - der historische Vorläufer der süddeutsch-österreichischen Semmelsuppe (Brotsuppe), hier zusätzlich mit einer Eidotter-Bindung veredelt, wie sie klassische Sahne- und Velouté-Suppen bis heute per Liaison erhalten. Das Anrühren der Eidotter in kalter Brühe, bevor sie an die heiße Masse gehen, ist die Vorstufe der klassischen französischen Liaison.

Praxis. Geriebenes oder fein zerkrümeltes Weißbrot in heißer Fleischbrühe in einer Pfanne gut aufsieden lassen, bis es miesig wird - eine weich-dickliche, leicht klumpige Konsistenz, vergleichbar mit gut eingeweichtem Brotmus. Parallel vier Eidotter mit kalter Fleischbrühe glattrühren (Temperieren gegen sofortiges Gerinnen), dann zum Brotmus geben und noch einmal miteinander aufsieden lassen.

Ein Spannungspunkt bleibt im Text selbst: Nach dem Temperieren verlangt das Original ein weiteres sieden, also ein echtes Aufkochen - das senkt zwar das Gerinnungsrisiko der Eidotter, hebt es aber nicht vollständig auf. Wer eine glatte statt körnige Bindung will, hält die Mischung im zweiten Schritt besser knapp unter dem vollen Sieden statt sie sprudelnd aufzukochen; das Rezept selbst lässt offen, wie eng 'sieden' hier gemeint war.

Was bedeutet 'miesig' im Rezept?

Das Wort heißt wörtlich 'moosig' und beschreibt hier die weiche, dickliche Konsistenz, die das in Fleischbrühe eingeweichte und aufgekochte Brot annimmt, nicht etwa ein Fehler oder Schimmel.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, hervorragend geeignet. Es braucht nur eine Pfanne, Fleischbrühe und altes Brot, ist in etwa 20 Minuten fertig und die Eier brauchen keine Kühlung.

Warum wird die Fleischbrühe für die Eidotter kalt zugegeben?

Kalte Brühe verhindert, dass die Eidotter beim ersten Kontakt mit Hitze sofort gerinnen (Temperieren). Das Original verlangt danach aber ein weiteres 'sieden', ein echtes Aufkochen - das Temperieren senkt das Risiko körniger Flocken, hebt es aber nicht vollständig auf. Wer die Bindung glatt halten will, hält die Mischung im zweiten Schritt besser knapp unter dem Sieden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Ain gút semeelmúß Nim ain geriben brot von semel, zertreibs jn ainer pfannen mit flaischbrie, lasß anainander woll sieden, das es miesig werd, darnach nim 4 airdetter, mit kalter fleschbrie vertriben, vnnd lasß vnnderainander sieden.
semel

Geriebene Semmel bzw. feines Weißbrot, im 16. Jahrhundert das übliche Bindemittel für Mus- und Suppenspeisen, nicht Mehl.

miesig

Wörtlich 'moosig' - ein bildhafter Ausdruck für die weich-dickliche, leicht klumpige Konsistenz des in Brühe eingeweichten Brots.

airdetter

Eidotter, also Eigelb - schwäbische Schreibvariante.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 32 recto
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain geriben brot von semelwhite bread Q1501889
flaischbriemeat stock Q67860017
kalter fleschbriemeat stock Q67860017

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartmiesig

Gewählte Lesart: Bildhafte Beschreibung der weich-dicklichen, fast fluffigen Konsistenz des eingeweichten Brots, übersetzt als 'dicklich und weich'.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich 'moosig, bemoost' - Idiotikon und Schmeller belegen 'miesig' als 'bemoost, muscosus' - die wörtliche Bedeutung passt zur Bildlichkeit des Textes, wurde aber für die moderne Kochanleitung in eine sachliche Konsistenz-Beschreibung übertragen.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 32 recto, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche · ⭐ Gold - vollständig lagerküchentauglich
Eine Pfanne, Fleischbrühe und geriebenes Brot, in 20 Minuten fertig. Eigelb braucht keine Kühlung, ideal für ein schnelles warmes Zwischengericht am Feuer.
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Stand dieser Fassung: 27.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.