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Aufgestrichene Gewürz-Oblate vom Rost

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit25 Min.Portionen10-12 OblatenBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Nimm Oblaten, schneide sie viereckig, eine Handlänge. Nimm dann eine Gewürzmischung (Spicedulum), ein wenig Gewürznelken, nimm gut Zimtstangen, Muskatblüte. Stoße Anis grob, nicht gesiebt, gib es unter die Gewürzmischung. Nimm ein schmeckendes Rosenwasser, gieße es auf die Gewürzmischung (die gestoßenen Gewürze). Mach einen Teig in der Dicke, dass du ihn mit einem Messer auf die Oblate streichen kannst.

Auf die Seite muss man es streichen, die nicht gemustert ist. Und lege auf einen Rost ein Papier und lege es darüber. Streiche Oblate darauf. Schiebe eine ziemliche Glut darunter, so brät es sich schön, wird knusprig. Solche Oblate ist eine Köstlichkeit. Du kannst sie gut für ein Backwerk geben, wenn du sie zu einem anderen Backwerk legst.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Oblat Oblaten - Supermarkt -
Naͤgelen Gewürznelken - - -
Zimmetroͤꝛen Zimtstangen - - -
Muſcat bluͤ Muskatblüte - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Muskatnuss (weniger aromatisch)
Enis Anis - - -
roſen waſſer Rosenwasser - gut sortierter Supermarkt, türkischer/orientalischer Supermarkt -
papir Backpapier - Supermarkt Pergamentpapier
gluͤtlin Glut - - -

Welches Gericht ist das? Eine mit Rosenwasser angerührte Gewürzpaste aus Gewürznelken, Zimt, Muskatblüte und grob gestoßenem Anis wird dünn auf eine viereckig geschnittene Oblate gestrichen und auf einem mit Papier belegten Rost über der Glut rösch gebacken. Das ist ein Vorläufer des bis heute gebackenen Lebkuchens auf Oblaten (etwa Nürnberger oder Elisenlebkuchen): dieselbe Gewürzfamilie, dieselbe Trägerform, dieselbe kurze, trockene Backweise.

Die Gewürzmischung. Was der Druck ‚Spicedulum‘ nennt, ist keine vorgefertigte Zutat, sondern die im Rezept selbst hergestellte Basis: Nelken, Zimt und Muskatblüte werden gestoßen, der Anis kommt grob und ungesiebt dazu, damit die Paste Biss behält. Rosenwasser bindet die gestoßenen Gewürze zu einer streichfähigen Masse und parfümiert sie zugleich.

Welche Seite bestreichen? Der Text nennt ausdrücklich die Seite, die ‚nie gemodelt‘ ist - also die glatte Rückseite der Oblate, nicht die mit dem Model geprägte Schauseite. Das bestätigt, dass mit ‚Oblate‘ hier eine zwischen einem gemusterten Eisen gebackene Waffel gemeint ist, kein moderner Waffelkeks.

Praxis. Nelken, Zimtstangen und Muskatblüte fein stoßen, groben Anis untermischen. Mit Rosenwasser zu einer streichfähigen Paste anrühren. Ein Papier auf den Rost legen, die Oblate mit der glatten Seite nach oben darauflegen und erst dann dünn mit der Gewürzpaste bestreichen - das erspart das Hantieren mit einer bereits beklebten, dünnen Oblate. Eine moderate Glut darunterschieben und wenige Minuten backen, bis die Oblate rösch (knusprig) ist. So vorbereitet, lässt sich die Oblate auch als Zutat zu einem anderen Backwerk verwenden.

Was ist ein ‚Spicedulum‘?

Im Kontext dieses Rezepts ist ‚Spicedulum‘ der Name für eine selbstgemachte Gewürzmischung aus Nelken, Zimt, Muskatblüte und Anis, die als Basis für den Teig dient.

Was bedeutet ‚nie geſaͤet‘ bei den Gewürzen?

‚Nie gesäet‘ bedeutet ‚nicht gesiebt‘. Der Anis soll also grob gestoßen und nicht durch ein Sieb passiert werden, um eine rustikalere Textur zu erhalten.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, Goldstandard. Die Zutaten sind robust, und die Zubereitung braucht nur eine Glut, einen Rost und Papier als Unterlage - die Backzeit ist kurz.

Welches ‚Papier‘ soll ich für den Rost verwenden?

Verwende modernes Backpapier. Dieses Rezept nennt ausdrücklich Papier als Unterlage auf dem Rost, damit die bestrichene Oblate beim Backen nicht anhaftet.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Gefült Oblat oder auffgeſirichen. cvcihj. g Nimb Oblat / ſchneid die vierecket / einer hand⸗ lang / Nimb dann ain Spicedulum / ein wenig Naͤgelen/ nim wol Zimmetroͤꝛen / Muſcat bluͤ / ſtoß Enis grob / nie geſaͤet / chuͤs vnders Spicedulum / nimb ein ſchmeckent ro ſen waſſer / geliß auffsſpenci / gſtoſſen gewirtz / mach ein tei glen / inn der dick / das dus mit eim meſſer magſt auff dae Oblat ſtreichen / Aufdas oꝛt muͦß mans ſtreichen / das nie gemodelt iſt / vnd legauff ein roſt ain papir / vnd iegs dar⸗ vber / ſtreich Oblat darauff / ſchir ain zimlichs gluͤtlin dat⸗ under / ſo bꝛat es ſich fein / wirt roͤſch / Gollich Oblat iſt ein wvol Das fünfft Büch. XXXV wolſtand / magſts wolfür ein bachens geben ſo der leigs zuͦ ainem andern bachens.
Spicedulum

Eine im Rezept selbst hergestellte Gewürzmischung, die als Basis für den Teig dient. Der Begriff ist ein Hapax Legomenon in diesem Kochbuch, vermutlich gebildet aus lateinisch species (Gewürz) und dulcis (süß) - also ‚süße Gewürzmischung‘.

Naͤgelen

Gewürznelken.

Zimmetroͤꝛen

Zimtstangen. Im Mittelalter wurden Zimtstangen meist gemahlen verwendet, es sei denn, sie sollten ein Getränk aromatisieren.

Muſcat bluͤ

Muskatblüte, auch Macis genannt.

(uſcat bluͤ

Der Scan zeigt hier ein beschädigtes großes M, das wie eine Klammer aussieht - dieselbe Beschädigung kommt an mehreren Stellen dieses Drucks vor. Richtig gelesen steht hier ‚Muſcat bluͤ‘ (Muskatblüte).

Enis

Anis.

roͤſch

Knusprig, kross.

Papier

Dieses Rezept nennt Papier als Unterlage auf dem Rost, damit die bestrichene Oblate beim Backen nicht anhaftet. Modernes Backpapier ist ein guter Ersatz.

Gefült Oblat oder auffgeſtrichen

Der gedruckte Rezepttitel nennt zwei Varianten - eine gefüllte und eine aufgestrichene Oblate. Der Text hier führt nur die aufgestrichene Variante aus; die gefüllte Variante folgt unmittelbar als eigenes Rezept mit einer Feigen-Weinbeer-Füllung.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das fünfte Buch: Fleisch, Geflügel und Wild
Folio
Fol. 034v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Oblatwafer Q1226651
Enisanise Q33873455
roſen waſſerrose water Q900450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartSpicedulum

Gewählte Lesart: Gewürzmischung. Der Begriff bezeichnet hier eine selbstgemachte Gewürzbasis.

Andere mögliche Lesart:

  • Gewürzbehälter. Es könnte ein Gefäß gemeint sein, in das die Gewürze gegeben werden. - Die Anweisung ‚chuͤs vnders Spicedulum‘ (gib es unter das Spicedulum) könnte auch bedeuten, die Gewürze in einen Behälter zu geben. Der Kontext der Zubereitung als Gewürzmischung ist jedoch plausibler und findet in der Wortbildung (lateinisch ‚species‘ + ‚dulcis‘) keine Stütze für eine Gefäßbedeutung.

Lesartgeliß auffsſpenci

Gewählte Lesart: gieße auf das Spicedulum. Das Rosenwasser wird zur Gewürzmischung gegeben.

Andere mögliche Lesarten:

  • gieße sparsam. ‚auffsſpenci‘ könnte ein Adverbial für die Art des Gießens sein. - Die grammatische Struktur ‚gieße auf das X‘ ist im Kochbuchkontext häufiger und direkter als ein Adverbial an dieser Stelle.
  • gelb auf die Spenz. ‚geliß‘ als ‚gelb‘ und ‚spenci‘ als ein Gefäß oder eine Oberfläche. - Diese Lesart ist unwahrscheinlich, da kein gelbfärbendes Mittel genannt wird und die Verbindung von ‚gelb‘ mit ‚spenz‘ im Kontext nicht klar ist.

Lesartleigs zuͦ ainem andern bachens

Gewählte Lesart: als Komponente zu einem anderen Backwerk. Die Oblate dient als Beilage oder Zutat für andere Gerichte.

Andere mögliche Lesarten:

  • als Beilage. Die Oblate wird als eigenständige Beilage serviert. - Die Formulierung ‚zu einem anderen Backwerk geben‘ legt nahe, dass es sich um eine Zutat oder eine Ergänzung handelt, nicht nur um eine eigenständige Beilage.
  • als Dekoration. Die Oblate wird zur Verzierung anderer Speisen verwendet. - Obwohl eine Dekoration möglich ist, impliziert ‚Backwerk geben‘ eine substanziellere Rolle als nur eine Verzierung.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 034v (gedruckte Blattzählung XXXIV verso), Rezept läuft bis 035r, Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (scripts/fetch_staindl_kraken.rb, german_print.mlmodel, 112 Scans) - seit 2026-09-01 fuer ALLE acht Buecher (std-001..294) primaer, liest auf diesem Druck deutlich sauberer als die vorherige BSB-Bibliotheks-OCR (Verhältnis 385,8 vs. 93,0, keine der bekannten M/W- und kl/El-Verwechslungen). Die BSB-Bibliotheks-OCR (scripts/fetch_staindl.rb, api.digitale-sammlungen.de/ocr) bleibt als Referenz im Cache, wird aber von keinem Rezept mehr gelesen. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche · ⭐ Gold - vollständig lagerküchentauglich
Alle Zutaten (Gewürznelken, Zimt, Muskatblüte, Anis, Rosenwasser, fertige Oblaten) sind lagerfähig und brauchen weder Kühlung noch Ofen. Auf einem Rost über mäßiger Glut, mit Papier als Trennschicht, ist die bestrichene Oblate in wenigen Minuten rösch gebacken - kein Topf, kein Ofen nötig.
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Stand dieser Fassung: 08.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.