Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445
Nimm Rosinen, Zwiebeln, Mandeln und Essig oder Wein.
Teile die Hühner in vier Stücke und lege sie in diese Marinade ein.
Würze sie zum Schluss mit Gewürzen ab und richte sie an.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| hunern / hunr | Hühner | - | - | - |
| weinper | Rosinen | - | - | - |
| Zwifal | Zwiebeln | - | - | - |
| mandel | Mandeln | - | - | Fertig gemahlene Mandeln aus dem Supermarkt (Backregal) tun es genauso gut |
| essich ader wein | Essig | - | - | oder Wein - im Original als gleichwertige Alternative genannt, nicht als zweite Zutat |
| gewurcz | Gewürze | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Gegartes Geflügel, das nach dem Garen geviertelt und kalt in eine Essig-Wein-Marinade mit Rosinen, Zwiebeln und Mandeln gelegt wird. Die nächste lebende Verwandtschaft ist die Escabeche-Familie (spanisch/lateinamerikanisch/philippinisch: bereits gegartes Fleisch wird nachträglich in eine würzige Essig-Marinade mit Trockenfrüchten gelegt), außerdem strukturell verwandt mit der englischen soused-Tradition. Vom deutschen Sauerbraten unterscheidet die Reihenfolge: der mariniert rohes Fleisch vor dem Garen, hier wird bereits gegartes Geflügel danach eingelegt.
Der Text nennt keinen eigenen Garschritt vor dem Vierteln und Einlegen. Wahrscheinlicher und sicherer ist die Lesart, dass die Hühner zuerst weichgekocht oder gebraten, dann geviertelt und in die kalte Marinade gelegt werden, wo sie durchziehen. Denkbar wäre auch, die rohen Stücke direkt in der Essig-Wein-Flüssigkeit zu garen - der Text schließt das nicht sicher aus, aber die erste Lesart ist die im Rezept nahegelegte und zugleich die lebensmittelsicherere.
Praxis. Hühner (oder Hühnerteile) weichkochen oder braten, nach dem Garen vierteln. Rosinen, Zwiebeln und Mandeln mit Essig oder Wein - eines von beiden, nicht beides gemischt - verrühren, die Hühnerviertel darin einlegen und mindestens über Nacht durchziehen lassen. Zum Schluss mit Gewürzen abschmecken und anrichten, kalt oder lauwarm servieren. Für die Lagerküche gut geeignet: kein Ofen und keine Kühlung am Markttag nötig, weil die Essig-Marinade selbst haltbar macht. Tag 1: Hühner garen, vierteln und einlegen. Tag 2, der Markttag: nur noch würzen und anrichten.
Der Text erwähnt das Garen nicht ausdrücklich. Die wahrscheinlichere und sicherere Lesart: die Hühner zuerst weichkochen oder braten, dann vierteln und in die Essig-Wein-Marinade mit Rosinen, Zwiebeln und Mandeln legen, wo sie durchziehen. Denkbar wäre auch, die rohen Stücke direkt in der Marinade zu garen - der Text schließt das nicht sicher aus.
Ja, gut geeignet: die Essig-Marinade macht die Hühner haltbar, ohne dass am Markttag Ofen oder Kühlung nötig sind. Am Vortag garen, vierteln und einlegen, am Markttag nur noch würzen und kalt oder lauwarm anrichten.
Nein. Im Original steht 'essich ader wein', also 'Essig oder Wein' als Alternative, nicht als zwei Zutaten nebeneinander. Je nachdem, was im Haus vorhanden war, wurde eines der beiden für die Marinade verwendet.
Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).
Die Herleitung von mhd. 'bicken' (stechen/hacken/picken) ist im Wörterbuch-Bestand nicht eindeutig belegt - näher liegt semantisch und lautlich die mittelniederdeutsche Wortfamilie um 'pēkel/pekel' (Salzbrühe/Lake, Wurzel von nhd. 'pökeln' und engl. 'pickle'). Beide Herleitungen sind unsicher; gemeint ist in jedem Fall das Einlegen/Marinieren in einer würzigen Essig- oder Weinflüssigkeit, eine Konservierungs- und Würztechnik.
Allgemeiner Begriff für eine Gewürzmischung, Inhalt nicht spezifiziert. Zeittypisch wären Pfeffer, Ingwer und Zimt.
'Vier Teile' - das Huhn wird geviertelt, ein gängiges Zerlege-Maß für Geflügel in mittelalterlichen Rezepten.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
legs ein
Gewählte Lesart: Die geviertelten (zuvor gegarten) Hühner werden in die Essig-Wein-Marinade mit Rosinen, Zwiebeln und Mandeln eingelegt, eine Pickling-Technik zur Würzung und kurzfristigen Haltbarmachung.
Andere mögliche Lesart:
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