Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445
Nimm einen Kalbsschädel und halte ihn dabei ganz, presse ihn also so zusammen, dass er als Stück erhalten bleibt.
Setze das Gehörn oben darauf und stecke einen Dübel oder Nagel hindurch, damit es fest sitzt.
Setze das Ganze auf eine Schüssel, lege gesottenes Wildbret ringsum und richte es an.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| chalber schedel | Kalbsschädel | 1 | Metzger | - |
| gehurn | Gehörn (z. B. Reh- oder Hirschgeweih) | - | Jäger, Wildhändler oder Requisiten-/Antiquitätenhandel | Kunstgeweih aus dem Bastel- oder Deko-Handel |
| zwek oder nagel | Dübel oder Nagel | - | Baumarkt | - |
| gesoten wiltprat | Gesottenes Wildbret | - | Metzger oder Wildhändler | Rehfleisch oder Hirschfleisch aus dem Handel |
Welches Gericht ist das? Kein Essen im eigentlichen Sinn, sondern ein Tafel-Schauobjekt: Ein gesäuberter Kalbsschädel wird mit fremdem Gehörn bestückt, mit einem Dübel oder Nagel fixiert und auf einer Schüssel präsentiert, umgeben von echtem gesottenem Wildbret als der eigentlichen Speise. Strukturell vergleichbar mit dem englischen Brauch, einen Eberkopf zeremoniell als Blickfang zur Tafel zu bringen, und - im selben mittelbairischen Sprachraum, wenn auch viel später belegt - mit der Wolpertinger-Tradition, einem Tier fremdes Geweih anzumontieren, um ein Mischwesen zu erzeugen. Beides ist als strukturelle Analogie zu verstehen, nicht als belegte Abstammungslinie.
Der Schädel als Basis. "Press das also gantz" meint vermutlich, den gesäuberten Schädel beim Handling als Ganzes zusammenzuhalten, damit er später als tragfähige Basis für das Gehörn dient - kein Kochvorgang, sondern eine Handling-Anweisung. Eine zweite Lesart, wonach hier tatsächlich gepresst oder verdichtet wird, etwa beim Auskochen, bleibt sprachlich möglich und ist als offene Crux dokumentiert.
Die Befestigung. Das Aufsetzen des Gehörns und die Fixierung mit Dübel oder Nagel ist reines Handwerk, kein Gar- oder Bindeverfahren. Der Text nennt weder ein vorheriges Anbohren noch das Werkzeug zum Eintreiben - in dichtem Schädelknochen ist das Eintreiben ohne vorgebohrtes Loch mühsam, weshalb ein Vorbohren mit einem dünnen Bohrer in der Praxis sinnvoll ist, auch wenn der Text das nicht erwähnt.
Praxis. Das Wildbret vorab sieden, das kann auch Tage vorher geschehen, und den Schädel gut gesäubert, entfettet und getrocknet bereithalten - beides sind sinnvolle, im Text aber nicht ausdrücklich genannte Vorbereitungen. Am Markttag selbst bleibt nur die kurze, wirkungsvolle Endmontage: Gehörn aufsetzen, mit vorgebohrtem Dübel oder Nagel fixieren, auf eine Schüssel setzen und mit dem gesottenen Wildbret umlegen. Ein ungereinigter oder nicht vollständig getrockneter Schädel direkt neben Speisen ist ein Hygienepunkt, den der Text nicht behandelt - für eine heutige Marktumsetzung empfiehlt sich deshalb ein besonders gründlich vorbereiteter, geruchsneutraler Schädel.
Ein gesäuberter Kalbsschädel lässt sich beim Metzger vorbestellen. Gehörn (Reh- oder Hirschgeweih) bekommt man beim Jäger, im Wildhandel oder als Kunstgeweih im Deko-/Requisitenhandel - für die Show tut es auch ein glaubwürdig wirkendes Kunststück.
Als Schaugericht ja: Das Kochen des Wildbrets lässt sich vorab erledigen, und auch wenn der Text keine Reinigung des Schädels erwähnt, ist ein gesäuberter, entfetteter und getrockneter Schädel eine sinnvolle, ebenfalls vorab zu erledigende Vorbereitung. Am Markttag bleibt dann nur die eindrucksvolle Endmontage: Gehörn aufsetzen, mit dem Dübel oder Nagel fixieren, auf die Schüssel setzen und mit dem Wildbret umlegen. Als Alltagsgericht taugt es nicht, der Reiz liegt in der Tafel-Inszenierung.
Das ist die Standard-Schlussformel vieler mittelalterlicher Rezepte und bedeutet schlicht "richte es an" bzw. "stell es fertig zur Tafel her" - ein Hinweis auf die Servier-Präsentation, kein weiterer Zubereitungsschritt.
Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).
Gehörn, hier im Sinne von Hörnern/Geweih, das dem Kalbsschädel aufgesetzt wird, um ein fantastisches Mischwesen zu formen. Im Korpus bislang nur an dieser Stelle belegt (Hapax).
Kalbsschädel, dient als Grundgerüst für das Schaustück.
Dübel oder Nagel zur Befestigung des Gehörns auf dem Schädel.
Wildbret, hier gesotten (gekocht), wird ringsum als eigentliche Speise angerichtet.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
press das also gantz
Gewählte Lesart: Der Schädel soll dabei als Ganzes erhalten bleiben, 'pressen' meint hier vermutlich das Zusammenhalten/Fixieren des Schädels beim Reinigen, nicht ein Zerdrücken.
Andere mögliche Lesart:
gehurnn
Gewählte Lesart: Gehörn/Hörner (Geweihstücke), die dem Kalbsschädel als fremdes Attribut aufgesetzt werden, um ein Fantasiewesen zu formen.
Andere mögliche Lesart:
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