Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445
Für eine Wildbretwurst hacke das Wildfleisch klein und hacke einen Speck klein darunter. Nimm für jede Wurst 16 Eier und arbeite die Masse damit gründlich durch, gewürzt mit dem Gewürz.
Senge es ein wenig an und leg es auf einen Rost. Richte an.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| wiltprat | Wildfleisch | - | Metzger, Wildhändler | - |
| einen spek | Speck | - | - | - |
| xvj ayer | Eier pro Wurst | 16 | - | - |
| gewurtz | Gewürz | - | - | - |
Welches Gericht ist das?
Eine handgeformte, darmlose Wurst aus grob gehacktem Wildfleisch und Speck, mit sehr viel Ei gebunden, kurz angesengt und auf dem Rost fertig gegart. Die nächsten heutigen Verwandten sind darmlose, handgeformte Grillwürste oder Hackfleisch-Röllchen wie Ćevapčići - der auffälligste Unterschied zur modernen Bratwurst ist die Bindung per Ei statt per Darmhülle.
Die Bindung.
Ei statt Wursthülle ist im fnhd-Rezeptkorpus eine wiederkehrende Lösung dort, wo eine natürliche Hülle fehlte oder nicht gewünscht war. Fleisch und Speck werden von Hand fein gehackt - ein Ersatz für den fehlenden Fleischwolf -, der Speck bringt Fett in das vermutlich magere Wildfleisch. Mit 16 Eiern je Wurst wird die gehackte Masse durchgearbeitet und gebunden; die Eiweiß-Koagulation beim Erhitzen gibt der hüllenlosen Masse ihre Formstabilität. Wie viel Fleisch auf eine Wurst kommt, bleibt im Text offen, das Mengenverhältnis lässt sich also nicht rekonstruieren.
Ansengen und Rost.
Das kurze Ansengen der Oberfläche versiegelt die Masse als Ersatz für die fehlende Hülle, bevor sie auf dem Rost bei direkter Trockenhitze fertig gegart wird - ohne Ofen, ohne Flüssigkeit, ohne Schmoren.
Praxis.
Die Würste werden frei mit der Hand geformt, da der Text kein eigenes Verb fürs Formen nennt, dies aber aus dem Rezepttitel und „nim zu iglicher wurst" notwendig mitzudenken ist. Eine nur kurz angesengte, hüllenlose Ei-Fleisch-Masse ist mechanisch fragil: Sie kann beim Wenden auseinanderfallen oder durch die Roststäbe rutschen, wenn die Kruste nicht durchgehend fest ist. Der Text löst das nicht auf, etwa durch Wickeln in Netzfett oder Blätter. Auf dem Rost gilt: vollständig bis zur sicheren Kerntemperatur durchgaren, insbesondere weil es sich um hüllenloses Wild-Hackfleisch handelt - der Text selbst nennt weder Dauer noch Garprobe. Für die moderne Nachkoch-Menge reichen erfahrungsgemäß 3-4 Eier auf etwa 500 g Fleisch-Speck-Gemisch, um eine formbare, zusammenhaltende Masse zu erhalten.
Die römische Zahl 'xvj' steht tatsächlich für 16. Das wirkt aus heutiger Sicht üppig, aber Ei war im Mittelalter ein gängiges Bindemittel für gehackte Fleischmassen ohne Darmhülle. Für den modernen Nachkoch reichen erfahrungsgemäß 3-4 Eier auf etwa 500 g Fleisch-Speck-Gemisch, um eine formbare, zusammenhaltende Masse zu erhalten.
Gemeint ist ein kurzes Ansengen der geformten Wurstmasse über offener Flamme oder Glut, bevor sie zum eigentlichen Garen auf den Rost gelegt wird. Das setzt die Außenseite und hilft der Masse, ohne Darmhülle zusammenzuhalten.
Im Originaltext wird keine Hülle erwähnt. Vermutlich wurde die Masse frei mit der Hand zu Würsten geformt und direkt auf dem Rost gegart, ähnlich einer heutigen Hackfleisch-Rolle ohne Darm.
Ja. Fleisch und Speck werden von Hand klein gehackt, mit Eiern und Gewürz vermengt, kurz angesengt und dann auf dem Rost fertig gegart. Das Ganze braucht nur ein Brett, ein Messer, Feuer und einen Rost, alles lagertypisches Equipment.
Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).
Wildbret, also Fleisch von Wildtieren (Reh, Hirsch, Wildschwein), nicht 'wild' als Eigenschaft.
Allgemeiner Begriff für Gewürz, im Original nicht genauer bestimmt. Typisch für Wurstfüllungen der Zeit wären Pfeffer, Ingwer und Nelken.
Wörtlich 'überbrennen', hier im Sinne von kurz ansengen oder anbrennen lassen, bevor die Wurst auf den Rost kommt.
Ein Rost oder Grillgestell zum direkten Garen über Glut oder Feuer.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gargrad auf dem Rost
Gewählte Lesart: Vollständig durchgaren bis zur sicheren Kerntemperatur - der Transkript-Text endet mit 'legs auf einn rost vnd richcz an' ohne Angabe von Dauer oder Garprobe; bei hüllenlosem Wild-Hackfleisch ist das nach heutigem Maßstab die einzig verantwortbare Praxis.
Andere mögliche Lesart:
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