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Grünes Kräuter-Gewürzpulver (Salsen-Grundlage)

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit40 Min.Portionenergibt ca. 150 g Würzpulver (Vorrat für mehrere Portionen Sauce)BuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Eine grüne Sauce, so mach sie und bewahre sie auf. Nimm Salbei mit Zwiebeln, Petersilie und Sauerampfer, die jungen und die alten Blätter. Pflücke die Kräuter, wasche sie und trockne sie an der Sonne.

Nimm dazu Pfeffer, Galgant, Ingwer, Zimt, Anis, Koriander, Kubeben, Gewürznelken, Muskatblüte, Paradieskörner und ein wenig Artickel (eine Zutat, deren genaue Bedeutung heute nicht mehr sicher zu klären ist) - das macht den Salbei schön.

Nimm getrocknetes Weißbrot und mache aus alledem ein Pulver. Wenn du die Sauce essen willst, so verrühre das Pulver mit Wein oder mit Essig, und bewahre es auf, so lange du willst.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
saluan Salbei (alte Blätter) - - -
Czwiuolij Zwiebeln - - -
petersil Petersilie - - -
saur ampfer Sauerampfer - Wochenmarkt, Gärtnerei (Kräuterabteilung) Junger Spinat mit einem Spritzer Zitrone, wenn Sauerampfer nicht erhältlich ist
pfeffer Pfeffer - - -
galgannt Galgant - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Ingwer, wenn Galgant nicht zu bekommen ist
ymber Ingwer - - -
zymmen Zimt - - -
aenis Anis - - -
Coriannder Koriander - - -
Cubeben Kubeben - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Schwarzer Pfeffer mit einer Prise Piment, wenn Kubeben fehlt
nagelein Gewürznelken - - -
muscatplut Muskatblüte - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Muskatnuss, gerieben, wenn Muskatblüte fehlt
paryskornlein Paradieskörner - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Schwarzer Pfeffer, wenn Paradieskörner nicht erhältlich sind
artickel ein wenig Artickel - - -
weiss prot getrocknetes Weißbrot - - -
wein Wein - - -
essigk Essig - - -

Welches Gericht ist das? Kein servierfertiges Gericht, sondern eine haltbare Trocken-Würzmischung: Kräuter (Salbei, Zwiebel, Petersilie, Sauerampfer) werden an der Sonne getrocknet, zusammen mit einer Gewürzliste und getrocknetem Weißbrot im Mörser zu Pulver zerstoßen und auf Vorrat gehalten. Erst beim Servieren wird das Pulver mit Wein oder Essig zu einer Sauce angerührt. Ein enges Parallelrezept (m5919-104) belegt, dass dieser Rezepttyp - trockenes Würzpulver statt fertiger Sauce - kein Einzelfall ist.

Eine Zutat bleibt ungeklärt: „Artickel". Unter dieser genauen Schreibung ist das Wort im Korpus nur hier belegt, ein Parallelrezept (m5919-104) führt aber die kognate Form „artikes" mit einer eigenen, ebenfalls ungelösten Kandidatenliste (Beifuß, Artischocke, Alant, Mastix). Beim Nachkochen kann diese Zutat problemlos weggelassen werden.

Bei den Sauerampfer-Blättern ist unklar, ob nur die alten (reifen) oder sowohl alte als auch junge Blätter gemeint sind. Ein Parallelrezept formuliert die entsprechende Stelle additiv (jung und alt zusammen), siehe Interpretationsentscheidungen.

Eine praktische Unstimmigkeit: Der Text nennt die Zwiebel in derselben Trocken-Klausel wie die Blattkräuter, obwohl Zwiebelknollen beim Sonnentrocknen anders reagieren (mehr Wasser, eher Fäulnis- statt sauberes Trocknungsrisiko) als dünne Kräuterblätter. Das Rezept selbst thematisiert diesen Unterschied nicht; wer nachkocht, sollte die Zwiebel gegebenenfalls separat und kürzer behandeln oder frisch untermischen.

Praxis. Kräuter pflücken, waschen und vollständig durchtrocknen lassen (brechen statt biegen), bevor sie vermahlen und eingelagert werden - das minimiert Schimmelrisiko im fertigen Vorratspulver; der Originaltext nennt dafür keine Dauer oder ein Erkennungsmerkmal. Gewürzliste und getrocknetes Weißbrot dazugeben und im Mörser zu einem feinen Pulver zerstoßen. Auf Vorrat halten und bei Bedarf portionsweise mit Wein oder Essig zu einer streichfähigen Sauce anrühren.

Wo bekomme ich Galgant, Kubeben, Muskatblüte und Paradieskörner?

Alle vier sind heute über gut sortierte Gewürzhandlungen oder Online-Gewürzhandel erhältlich. Galgant findet sich manchmal auch im Asialaden (als 'Thai-Ingwer'), Kubeben und Paradieskörner sind seltener, aber über spezialisierte Gewürzhändler problemlos zu bestellen.

Was ist mit 'artickel' gemeint - die geheimnisvolle Zutat im Rezept?

Das bleibt unklar. Unter der genauen Schreibung 'artickel' ist das Wort im bekannten Textkorpus nur an dieser einen Stelle belegt. Ein enges Parallelrezept enthält dieselbe Zutat aber als 'artikes' - dort werden Beifuß, Artischocke, Alant oder Mastix als mögliche Kandidaten diskutiert, ebenfalls ohne gesicherte Lösung. Auch die moderne wissenschaftliche Edition (CoReMA) markiert beide Belege ausdrücklich als ungelöst. Wer nachkocht, kann diese Zutat einfach weglassen, ohne dass die Sauce darunter leidet.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Als Schaugericht ja: Die Kräuter werden am besten schon zu Hause getrocknet, am Markt selbst zerstößt man Kräuter, Gewürze und Brot vor Publikum im Mörser zu Pulver und rührt es mit Wein oder Essig zur fertigen Sauce an - eine kompakte, sehenswerte Vorführung von unter einer Stunde.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

Ain grune sals die mach also vnd behalt die . Item nym saluan mit Czwiuolij petersil vnd saur ampfer alten den Iungen klaub die krewtter vnd wasch vnd der es an der sonne Nym dar zue pfeffer galgannt ymber zymmen aenis . Co= riannder Cubeben nagelein mu= scatplut paryskornlein vnd ain wenig artickel das machet den sal= uan schon vnd nym gedert weiss prot auss dem allen mach puluer . wann du sy dann essen wild . So temperirs mit wein oder mit essigk vnd behalt die wie lanng du wild .
sals

Mittelhochdeutsch für Sauce/Tunke (verwandt mit dem Wort Salse). Hier keine flüssige Sauce, sondern ein trockenes Würzpulver, das erst beim Servieren mit Wein oder Essig angerührt wird.

saluan

Salbei (Salvia officinalis), im schwäbisch-alemannischen Sprachraum meist 'selbey' oder 'saluan' geschrieben.

artickel

Unter dieser genauen Schreibung im bekannten Korpus nur an dieser Stelle belegt. Ein enges Parallelrezept (m5919-104) enthält dieselbe Zutat jedoch als kognate Schreibvariante 'artikes' - dort mit einer Kandidatenliste möglicher Identifikationen (Beifuß, Artischocke/Kardone, Alant, Mastix/Storax, Attich), ebenfalls ohne gesicherte Auflösung. Die CoReMA-Edition führt beide Belege separat als je für sich ungeklärt, ohne offizielle Gleichsetzung.

Cubeben

Kubebenpfeffer (Piper cubeba), ein aromatisch-bitteres Gewürz aus Südostasien, im Mittelalter über den Fernhandel importiert und ein typisches Statusgewürz.

paryskornlein

Paradieskörner (Aframomum melegueta), ein scharfes westafrikanisches Gewürz, das im Spätmittelalter oft anstelle von schwarzem Pfeffer verwendet wurde.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 041r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

saluancommon sage Q1111359
Czwiuolijonion Q3406628
petersilparsley Q25284
saur ampfercommon sorrel Q26297
pfefferpepper Q3143131
galganntlesser galangal Q27653540
ymberginger Q15046077
zymmencinnamon Q28165
aenisanise Q33873455
Corianndercoriander Q20856764
Cubebencubeb Q161927
nageleinclove Q15622897
muscatplutmace Q1882876
paryskornleingrain of paradise Q1503476
weiss protwhite bread Q1501889
weinwine Q282
essigkvinegar Q41354

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartartickel

Gewählte Lesart: Ungeklärte, unter dieser Schreibung im Korpus einmalig belegte Zutat, vermutlich ein weiteres Kraut oder Gewürz zur Farb- oder Geschmacksgebung der Sauce.

Andere mögliche Lesart:

  • Schreibfehler oder verballhornte Form eines bekannten Gewürznamens. - Bei Hapax-Wörtern in Handschriften sind Verschreibungen häufig. Ein enges Parallelrezept (m5919-104) enthält dieselbe Zutat jedoch als kognate Form 'artikes' mit einer eigenen Kandidatenliste (Beifuß, Artischocke, Alant, Mastix) - das spricht eher für ein reales, nur unklares Gewürzwort als für eine bloße Verschreibung.

Lesartschon (das machet den saluan schon)

Gewählte Lesart: Adjektivisch als 'schön' gelesen: die Gewürzmischung macht den Salbei (die Kräutermischung) schön, also aromatisch und farblich ansprechend.

Andere mögliche Lesart:

  • Adverbial als 'schon' im Sinne von 'bereits/vollständig' gelesen. - Im Frühneuhochdeutschen sind 'schon' (schön) und 'schon' (bereits) orthografisch nicht immer unterschieden; der Satzbau spricht hier aber für die Adjektiv-Lesart.

Lesartalten den Iungen

Gewählte Lesart: Additiv gelesen: sowohl die jungen als auch die alten Sauerampfer-Blätter verwenden.

Andere mögliche Lesart:

  • Kontrastiv gelesen: nur die alten (reifen) Blätter, nicht die jungen. - Die knappe Ellipse im Original lässt grammatisch beide Lesarten zu. Ein enges Parallelrezept (m5919-104) hat an strukturell derselben Stelle explizit 'Iungen vnd alten sauren ampfer' - additiv formuliert -, was für die additive Lesart spricht, ohne für mha-082 selbst völlige Gewissheit zu liefern.

Lesartan der sonne (Trocknungsgrad)

Gewählte Lesart: Modernes Vorgehen: Kräuter vollständig durchtrocknen lassen (brechen statt biegen), bevor sie vermahlen und eingelagert werden - das minimiert Schimmelrisiko im Vorratspulver.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Text nennt keine Trocknungsdauer oder ein Erkennungsmerkmal für 'fertig getrocknet' - denkbar ist auch eine nur teilweise Trocknung. - Frühneuhochdeutsche Rezepttexte geben für Konservierungsschritte selten Endpunkte an; das ist eine Lücke im Original, keine Übersetzungsentscheidung.

Lesartgedert weiss prot

Gewählte Lesart: Getrocknetes Weißbrot, das zusammen mit den Gewürzen zu Pulver verarbeitet wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Geriebenes (nicht getrocknetes) Weißbrot. - Die genaue Form 'gedert' ist im Korpus nicht sicher belegt. Ein enges Parallelrezept (m5919-104) hat die transparente Kognat-Form 'gederret weyß pratt', klar von 'dörren' abgeleitet, was die Trocken-Lesart zusätzlich absichert; 'geriben' wäre zudem der Standardausdruck für geriebenes Brot, und getrocknetes Brot lässt sich leichter zu Pulver verarbeiten.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 041r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Das Trocknen der Kräuter an der Sonne dauert Stunden und passiert am besten schon zu Hause oder am Vortag. Am Marktstand selbst folgt die eigentliche Show: Kräuter, Gewürze und getrocknetes Weißbrot im großen Mörser zu Pulver zerstoßen und vor Publikum mit Wein oder Essig zur Sauce anrühren, das dauert keine Stunde.
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Stand dieser Fassung: 14.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.