Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460
Über die Tugenden des gebrannten Weins
Alle Weine, die brandig oder zäh schmecken, kommen wieder in ihren rechten Zustand und ihre Kraft, wenn man ein wenig Branntwein hineingießt.
Er hat auch die Tugend, dass er allen Gewürzen in den Apotheken ihre Kraft bewahrt, wenn man sie damit besprengt.
Alle inneren Geschwüre bricht er auf, so dass sie durch den Menschen abgehen, wenn man ein wenig davon trinkt. Alle äußeren Geschwüre bricht er ebenso auf, wenn man sich damit bestreicht und einsalbt.
Allerlei Flecken unter den Augen vergehen bei dem, der sich damit bestreicht. Lunge, Leber und Milz macht er gesund. Er macht auch Kupfer und Silber weiß. Er trennt Quecksilber und Silber voneinander, wenn man sie hineinlegt.
Er heilt auch alle Wunden, wenn man sich damit bestreicht. Er wehrt dem Tropfen aus den Flüssen (dem Katarrh). Er vertreibt alles unreine Gift. Er vertreibt allen Fluss vom Hirn, wenn man sich damit einsalbt. Er vertreibt auch alle Darmgicht, wenn man ein wenig davon trinkt.
Wer im Mund ein Gebrechen hat, welcher Art auch immer: der trinke davon, halte etwas Salz dazu im Mund, spritze es wieder aus und ebenso auf die Zähne. Wem Nase und Mund übel riechen, der trinke davon und lasse ein wenig in die Nasenlöcher, so werden sie wieder wohlriechend.
Er macht den Menschen auch gedächtnisstark und fröhlich, wer ihn trinkt. Er vertreibt Sommersprossen, auch Pusteln oder Blattern und den Krampf, wenn man sich damit einsalbt.
Was dem Menschen innerlich fehlt: trinke ihn davon, so wird er gesund. Ist es aber äußerlich, so salbe sich damit. Er wird gesund von allen seinen Gebrechen, so dass er keines Arztes bedarf, solange er lebt, noch andere Arznei nehmen muss.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| geprenten wein | Branntwein | - | - | - |
| salcz | Salz | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Kein Gericht, sondern ein Branntwein-Tugendtraktat - eine Werbeschrift für aqua vitae als Allheilmittel, wie sie im 15. Jahrhundert häufig neben echten Rezepten in Kochbüchern stand. Ein lebendes Pendant gibt es dennoch: Franzbranntwein, bis heute in Apotheken als äußerliches Einreibemittel gegen Muskel- und Gelenkbeschwerden verkauft - genau die im Text beschriebene Anwendung des Bestreichens und Einsalbens bei äußeren Gebrechen. Eine zweite, verblasste Linie sind Kräuterschnäpse und Magenbitter als Hausmittel-Digestif, die noch ein Echo des hier aufgezählten Allheilmittel-Versprechens tragen.
Praxis. Zum Nachkochen taugt dieser Text nicht - es gibt keine Zutatenliste im Kochsinn, keine Zubereitungsschritte, keine servierbare Speise. Die im Text genannten Anwendungen sind Trinken (bei inneren Leiden, Darmgicht, Mundgebrechen, Mundgeruch), Bestreichen und Einsalben (bei äußeren Geschwüren, Wunden, Flecken, Sommersprossen, Krampf, Hirnfluss) sowie Besprengen (zur Kraftbewahrung von Apotheker-Gewürzen) und ein alchemistischer Zusatz (Kupfer/Silber weiß machen, Quecksilber von Silber trennen). Am ehesten taugt der Text als Vorlesetext am Marktstand - die Heilversprechen sind historisch belegte Behauptungen des Traktats, keine geprüften Wirkmechanismen.
Nein. Es handelt sich um einen Tugend-Traktat, eine Textsorte, die dem Branntwein zahlreiche Heil-, Pflege- und sogar alchemistische Wirkungen zuschreibt. Solche Kapitel standen oft in Kochbüchern neben echten Rezepten, waren aber selbst keine Anleitung zum Kochen, sondern eine Art Werbeschrift für die Wunderwirkung des Branntweins.
Nein, denn es ist kein Speiserezept - es gibt weder Zubereitungsschritte noch eine servierbare Speise. Als Vorlesetext am Marktstand oder in der Schreibstube ist der Text trotzdem unterhaltsam, gerade wegen der teils absurden Heilversprechen.
Appodegken ist die frühneuhochdeutsche Schreibweise von 'Apotheken'. Der Text behauptet, Branntwein bewahre die Wirkkraft von Gewürzen im Apotheker-Vorrat, wenn man sie damit besprengt - eine im Text behauptete Konservierungswirkung.
Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.
Gebrannter Wein, also destillierter Alkohol, mittelalterlich als 'aqua vitae' (Wasser des Lebens) verehrt. CoReMA-Sachglosse bestätigt die Lesart 'Branntwein'.
Tugend im Sinne von 'Wirkkraft, positiver Eigenschaft', nicht moralische Tugend im heutigen Sinn. Der Titel meint also 'Die Heilkräfte/Wirkungen des Branntweins'.
Verbform von 'brinnen' (brennen), hier partizipial 'brandig/brenzlig schmeckend' - ein Weinfehler (Brandgeschmack), nicht 'abgestanden'. Beleg: Fischer, Schwäbisches Wörterbuch Bd. 1 ('geprunnen' = 'gebrannt'). Homograph-Achtung: in mha-043 ('prunnen wasser') bezeichnet dieselbe Zeichenfolge das Substantiv 'Brunnen' (Quellwasser) - hier aber die Verbform von 'brennen'; der Kontext (Wein vs. Wasser) entscheidet.
Gewürze, nicht 'Wurzeln und Kräuter' - das CoReMA-Glossenkorpus taggt 'wurczen' korpusweit konsistent als 'spice' (nie als 'Wurzel' oder 'Kraut').
Apotheken. Der Text behauptet, Branntwein bewahre die Wirkkraft von Gewürzen im Apothekervorrat, wenn man sie damit besprengt.
Hirn (Kopf). 'Fluss vom Hirn' meint Katarrh bzw. Schleimfluss, der in der Humoralmedizin vom Kopf herabsteigt.
Der 'Tropfen' bezeichnet in der älteren Medizin eine Fluss-/Gicht-Erkrankung, vermutlich verwandt mit Rheuma oder Schlagfluss - keine moderne Entsprechung eindeutig zuzuordnen.
Sommersprossen - bereits im Fließtext übersetzt; hier als eigener Begriff verzeichnet, da er zusammen mit 'posten'/'postetten' (Pusteln) und 'krampff' das hautmedizinische Wirkspektrum des Traktats markiert.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
salcz In dem mund
Gewählte Lesart: Als Substantiv 'Salz' gelesen, gestützt durch die CoReMA-Sachglosse, die 'salcz' explizit als Speisesalz (Wikidata Q11254) verlinkt: man trinkt Branntwein und hält zugleich etwas Salz im Mund.
Andere mögliche Lesart:
tropffen von den flussen
Gewählte Lesart: Eine Fluss-/Katarrh-Erkrankung mit tropfenartigem Ausfluss, sinngemäß als 'Tropfenleiden aus den Flüssen' übersetzt.
Andere mögliche Lesart:
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