Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460
Ein weiteres Essen bereitet man aus Hühnerblut, und zwar von jungen Hühnern, oder wahlweise aus Lammblut oder Kalbsblut.
Nimm zwei oder drei Hühner und hacke sie roh, jedes Huhn in zwölf Stücke, und lass die Stücke im Blut sieden.
Nimm dann eine Zwiebel und einen Apfel und hacke beides klein durcheinander, dazu etwas Fett vom Fleisch. Gib dies zusammen mit dem Blut in eine Pfanne und lass alles gut miteinander aufkochen.
Gib diese Mischung zu den Hühnerstücken und würze das Ganze kräftig mit gutem Gewürz ab.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| huneren schwaiss | Hühnerblut | - | Metzger (auf Vorbestellung) | Alternativ Lammblut oder Kalbsblut, wie im Original ausdrücklich als gleichwertige Wahl genannt |
| zwaj oder drew huner | junge Hühner | 2 | - | - |
| zwifail | Zwiebel | 1 | - | - |
| appfel | Apfel | 1 | - | Ein fester, säuerlicher Apfel (z.B. Boskoop) hält beim Sieden besser die Form als eine süße moderne Sorte |
| vaistne von ainem flaisch | Fett vom Fleisch (Schmalz) | - | - | - |
| guotem gewurcz | gutes Gewürz | - | - | Höfische Standardmischung passend: Pfeffer, Ingwer, Galgant, Muskat, Nelke |
Welches Gericht ist das? Hühnerfleisch, das direkt im Tierblut gegart und anschließend mit einer eingedickten Blut-Zwiebel-Apfel-Sauce vollendet wird - Blut ist hier die tragende Kochflüssigkeit, nicht nur eine Würz-Randnotiz. Die nächste lebendige Verwandtschaft ist nicht das oft zitierte französische Civet, sondern das bis heute gekochte norddeutsche Schwarzsauer: eine Blutsuppe aus Geflügel mit Zwiebeln und Obst, die in Zutatenwahl (Zwiebel, Apfel, Blut) und geografischer Nähe deutlich enger passt als die südwestfranzösische Referenz.
Die Doppelrolle des Bluts. "Schwaiss" ist hier gesichert Blut, nicht Schweiß - CoReMA-Sachglossen zu genau dieser Stelle und eine Parallelstelle im Korpus ("vach den Swayß", "fang das Blut auf") bestätigen das unabhängig voneinander. Das Blut übernimmt eine Doppelfunktion: Es ist zugleich die Garflüssigkeit für das rohe Hühnerfleisch und das Bindemittel der fertigen Sauce, weil Blut beim Erhitzen natürlich gerinnt und dadurch eindickt - ein real zutreffender, einfach nachvollziehbarer Effekt, keine Zutat mit geheimnisvoller Wirkung.
Praxis. Zwei bis drei junge Hühner roh in je zwölf Stücke hacken und im Blut sieden - kleine, knochige Stücke garen schneller durch und nehmen mehr vom Blut auf. Parallel Zwiebel und Apfel fein hacken, mit etwas Fett vom Fleisch und weiterem Blut in einer Pfanne gut aufkochen lassen. Der Manuskripttext nennt "Pfanne" zweimal kurz hintereinander; das lässt sich als zwei getrennte Kochschritte lesen (wie hier umgesetzt) oder schlicht als schreibende Redundanz für einen einzigen durchlaufenden Kochvorgang - beide Lesarten sind küchentechnisch unbedenklich, keine davon ist die einzig mögliche. Die Zwiebel-Apfel-Blut-Mischung anschließend mit den Hühnerstücken vereinen und kräftig mit gutem Gewürz abschmecken. Eine Mengenangabe für das Blut selbst fehlt im Original; als Richtwert genügt so viel, dass die Hühnerstücke beim ersten Sieden gerade bedeckt sind.
Frisches Tierblut ist im Supermarkt nicht erhältlich, aber viele Metzgereien mit eigener Schlachtung können es auf Vorbestellung liefern, besonders Hühnerblut oder Lammblut. Wichtig ist die durchgehende Kühlung bis zur Verarbeitung, da Blut sehr schnell verdirbt.
Eingeschränkt geeignet: Die Zubereitung selbst dauert unter einer Stunde und braucht nur Pfanne und Feuer, aber das frische Blut muss lückenlos gekühlt und am selben Tag verkocht werden. Wer einen Camping-Kühlschrank oder gut gekühlte Kühlboxen im Lager hat, kann es gut umsetzen.
'Schwaiss' bedeutet hier Blut, nicht Schweiß wie im modernen Deutsch. Das Rezept nutzt Tierblut als Kochflüssigkeit, in der das Hühnerfleisch gegart wird, und später als Basis für die eingedickte Sauce - näher verwandt mit der bis heute bekannten Schwarzsauer-Tradition als mit dem oft zitierten französischen Civet, das die Sauce meist erst am Ende mit Blut bindet.
Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.
Bedeutet hier Blut (von Huhn, Lamm oder Kalb) als Kochflüssigkeit und Saucenbasis, nicht Schweiß. Bestätigt durch die CoReMA-Sachglosse (Wikidata Q107246464) und die Parallelstelle 'vach den Swayß' ('fang das Blut auf') in einem verwandten Rezept.
Fett bzw. Schmalz vom Fleisch, dient hier als Bindemittel und Geschmacksträger der Sauce.
Zwiebel.
Übergangsformel ('weiterhin, ein weiterer Eintrag'), die anzeigt, dass dieses Rezept als Variante direkt an ein vorheriges Gericht anschließt.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
vaistne von ainem flaisch
Gewählte Lesart: Fett bzw. Schmalz vom Fleisch (Lard), gemäß der CoReMA-Wikidata-Sachglosse zu dieser Stelle.
Andere mögliche Lesart:
zwifail
Gewählte Lesart: Zwiebel, gemäß der CoReMA-Wikidata-Sachglosse (onion) zu dieser Stelle.
Andere mögliche Lesart:
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