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Gepökeltes und geräuchertes Ochsenfleisch

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

RindHauptspeise · RindLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit30 Min.Portionenergibt ein Stück Dörrfleisch, reicht als Aufschnitt für 6-8 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Wollt ihr gutes, gediegenes Ochsenfleisch machen, so lasst es euch in Streifen schneiden, drei Querfinger dick. Salzt es gut, sodass es vor lauter Salz weiß wird.

Wenn das Salz eingewirkt hat, lasst die entstandene Lake abtropfen und gießt sie wieder über das Fleisch, oder wendet die unteren Stücke nach oben, damit das Salz überall hindurchdringt. Wenn das Fleisch vier Tage im Salz gelegen hat, hängt es auf und raucht es mit Wacholderreisig ab. Lasst es weitere drei Tage hängen, dann wird es schön rot.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
oxenflesch Ochsenfleisch - Metzger Rinderbraten aus der Keule
saltzens woll Salz - - -
wechhalderportzen Wacholderzweige - Wald, Gewürzhandel Ersatzweise Wacholderbeeren, grob zerdrückt, zum Einreiben

Welches Gericht ist das? Gepökeltes, mit Wacholderrauch behandeltes und luftgetrocknetes Rinderfleisch - aus derselben Familie wie Bündnerfleisch oder Bresaola. Kein Pastrami, das wird gegart, sondern ein Trockenpökel-Verfahren mit abschließendem, mehrtägigem Räuchern.

Der Ausdruck 'zenterling' für die geschnittenen Stücke ist sonst weder im Korpus noch in den Wörterbüchern belegt (Hapax). Aus dem Kontext - unmittelbar folgt die Dicke-Angabe 'drei Mannsfinger quer' (Querfinger, nicht der kleine Finger) - sind damit die zugeschnittenen Fleischstreifen von etwa 5-6 Zentimetern Dicke gemeint.

Das kräftige Trockensalzen bis zur sichtbaren Salzkruste entzieht dem Fleisch Wasser und hemmt Bakterienwachstum. Die entstehende Lake wird abgegossen und wieder übergossen, beziehungsweise die Stücke werden gewendet, damit das Salz gleichmäßig durchzieht. Vier Tage Salzzeit sind für so dicke Stücke nach heutiger Pökel-Erfahrung eher knapp bemessen - der Text nennt aber genau diese Zeitspanne.

Nach den vier Tagen wird das Fleisch aufgehängt und mit dem Rauch von Wacholderreisig behandelt. Diese Lesart von 'rechen ... ab' ist historisch für die Rotfärbung von Pökelfleisch belegt und plausibler als ein bloßes Abreiben mit grünen Zweigen, das keine Rotfärbung erklären würde. Ohne Salpeter/Pökelsalz entsteht dabei keine gleichmäßig rosa Pökelfarbe wie bei modernem Schinken, sondern eine eher bräunlich-rote Räucherfärbung durch Rauch und Oxidation.

Praxis. Rinderfleisch in etwa 5-6 cm dicke Streifen schneiden, kräftig in Salz einlegen, bis eine sichtbare Salzkruste entsteht, und die entstehende Lake regelmäßig abgießen und wieder übergießen oder die Stücke wenden. Nach vier Tagen aufhängen und mehrere Tage im Rauch von Wacholderreisig (kein offenes Feuer, sondern ein kontinuierliches Schwelfeuer) hängen lassen. Der Text macht weder zur Lager-Temperatur noch zu einem abschließenden Gar-Schritt eine Angabe - für die Nachkoch-Küche empfiehlt sich deshalb, das Fleisch unter kühlen, kontrollierten Bedingungen (Kühlschrank oder Kühlkeller, nicht Außenluft) deutlich länger durchziehen zu lassen oder das fertige Stück vor dem Essen durchzugaren, statt es nach den im Text genannten sieben Tagen ungeprüft roh zu servieren.

Wo bekomme ich Wacholderzweige für dieses Rezept?

Frisches Wacholderreisig findet sich im Wald (Gemeiner Wacholder wächst auf Heiden und in lichten Wäldern) oder wird über den Gewürz- und Räucherbedarf-Handel bezogen. Ersatzweise können grob zerdrückte Wacholderbeeren zum Einreiben verwendet werden, auch wenn das Räuchern damit weniger authentisch ausfällt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, als Schaugericht. Das Pökeln (vier Tage in Salz) und das anschließende Räuchern mit Wacholderreisig (drei weitere Tage) werden vollständig zuhause unter kontrollierten, kühlen Bedingungen abgeschlossen. Am Markt zeigt man nur das fertige, bereits durchgepökelte und geräucherte Stück und schneidet es dort an - ein noch rohes, gesalzenes Fleischstück sollte nicht offen über mehrere Markttage am Stand weiterreifen.

Was bedeutet '3 mans zwerch finger dick'?

'Zwerch' heißt hier 'quer', nicht 'klein' - der kleine Finger ist also nicht gemeint. Ein 'Zwerchfinger' (heute meist 'Querfinger') ist eine alte Maßeinheit: die Breite eines Fingers, quer an das zu messende Stück gehalten. Drei Mannsfinger quer übereinander ergeben etwa 5-6 cm - dieselbe Maßeinheit ist bis heute in Küche und Medizin gebräuchlich ('zwei Querfinger breit').

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Welt jr gút digen oxenflesch machen/ So last eúch zenterling machen, 3 mans zwerch finger dick, vnnd saltzens woll, das es weisß werd vor saltz, vnnd wen das saltz ergangen jst, so segen das herab vnnd giessent es wider dariber oder legen das vnnderst zú oberst, damit das saltz jberal dareingang/ vnnd wan es 4 tag jm saltz gelegen jst, so hencken es aúff vnnd rechen es mit wechhalderportzen ab, land es .3. tag hangen, wirt es fein rott.
digen

Vorform von 'gediegen': von guter, solider Beschaffenheit. Die Lesart ist durch zwei weitere Belege derselben Formel im selben Buch (Pökelrezepte für Zunge und für Schweinefleisch) unabhängig bestätigt.

zenterling

Bezeichnet vermutlich die geschnittenen Fleischstreifen, die anschließend gesalzen werden - der unmittelbar folgende Kontext (Schneiden, Dicke-Angabe) legt das nahe. Das Wort selbst ist sonst weder im Korpus noch in den einschlägigen Wörterbüchern belegt (Hapax legomenon).

segen

Hier als 'abseihen/abtropfen lassen' gelesen: die beim Salzen entstehende Lake wird abgegossen und dann wieder über das Fleisch gegeben. Bestätigt durch die fast wortgleiche Parallelstelle im selben Buch ('segen das wasser herab').

ergangen

'wen das saltz ergangen jst' - von mhd. 'ergân' (seinen Lauf nehmen, sich vollziehen), hier: wenn das Salz eingewirkt hat/seine Wirkung getan hat. Nicht 'sich aufgelöst hat' im chemischen Sinn.

wechhalderportzen

Wacholderzweige oder -reisig, mit denen das aufgehängte Fleisch geräuchert wird, wodurch es seine rote Farbe bekommt. 'Portzen' für Reiser/Zweige im Nadelholz-Kontext ist im Wülcker-Wörterbuch belegt.

zwerch finger

'Zwerch' heißt 'quer', nicht 'klein' - gemeint ist der 'Zwerchfinger' bzw. 'Querfinger', eine alte Maßeinheit für eine quer gegen das zu messende Stück gehaltene Fingerbreite. Dieselbe Einheit findet sich im Korpus auch in kkm-088 ('ein zwerch Finger' -> 'ein Querfinger'), und sie ist bis heute in Küche und Medizin gebräuchlich ('zwei Querfinger breit').

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 16 recto
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

oxenfleschbeef Q192628

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartzenterling

Gewählte Lesart: Als Bezeichnung für die geschnittenen Fleischstreifen gelesen, die anschließend gesalzen werden.

Andere mögliche Lesart:

  • Möglicherweise eine regionale Maß- oder Formangabe ohne direkte moderne Entsprechung. - Das Wort ist im Korpus nicht belegt, der Kontext (Schneiden, Dicke-Angabe) legt aber eindeutig Fleischstücke nahe.

Lesartrechen es mit wechhalderportzen ab

Gewählte Lesart: Als Räuchern mit Wacholderreisig gelesen: das aufgehängte Fleisch wird mit dem Rauch von Wacholderzweigen behandelt, wodurch es rot wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Als bloßes Abreiben/Abbürsten der Fleischoberfläche mit Wacholderzweigen, ohne eigentlichen Rauch. - Das Verb 'rechen' kann auch 'abstreifen/abreiben' bedeuten; die Rotfärbung ließe sich aber schwerer allein durch Abreiben erklären als durch Räuchern, das historisch für die Rotfärbung von Pökelfleisch belegt ist.

LesartLagerbedingungen und Verzehr des fertigen Fleischs

Gewählte Lesart: Der Text macht keine Angabe zu Temperatur während des Salzens/Hängens oder zu einem Gar-Schritt danach; die knappe Beschreibung legt nahe, dass das fertige Fleisch nach insgesamt sieben Tagen roh als Dörr-/Räucherfleisch gegessen wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Für die Nachkoch-Praxis empfiehlt sich, das Fleisch stattdessen deutlich länger unter kontrollierten, kühlen Bedingungen durchziehen zu lassen oder es vor dem Verzehr durchzugaren. - Ohne jede Kühlungsangabe ist ein derart kurz gepökeltes, 5-6 cm dickes Stück nach heutigem Sicherheitsmaßstab nicht ohne Weiteres roh verzehrfertig.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 16 recto, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Salzen (4 Tage) und Räuchern (3 Tage) werden vollständig zuhause unter kontrollierten, kühlen Bedingungen abgeschlossen. Am Markt wird nur das fertige, bereits durchgepökelte und geräucherte Stück gezeigt und angeschnitten - kein rohes, noch reifendes Fleisch offen über mehrere Markttage am Stand liegen lassen.
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Stand dieser Fassung: 19.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.