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Kalbfleisch-Pastetenfülle mit Muskatblüte

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

RindHauptspeise · RindLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit60 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm das Kalbfleisch vom Hinterschenkel und zerteile es in Stücke, dann koche es in Wasser, etwa so lange, wie man ein hartes Ei kocht. Danach nimm es heraus und hacke das Fleisch klein. Nimm ein Fettstück von einer Niere, schneide es klein und hacke es unter das Kalbfleisch. Wenn es klein gehackt ist, gib es in eine Schüssel, dazu ein wenig Wein und einen ordentlichen Schöpflöffel voll Fleischbrühe, Pfeffer und ein wenig ganze Muskatblüte. Drücke die Masse mit den Händen ein wenig zusammen, damit sie etwas fest wird, gib Rosinen und Safran dazu und rühre alles mit einem Löffel durcheinander. Gib auch Zimt dazu und probiere, wie es dir gut dünkt.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
kelberin flesch hinden ain diech Kalbfleisch, ein Hinterschenkel - - -
wasser Wasser - Leitung -
ain faistin von ainem nieren Nierenfett - Metzger Rinder- oder Kalbsnierenfett vom Metzger, ersatzweise Rindertalg
ain wenig ain wein Wein - - -
ain zimlichen schepfleffel voll fleschbrie Fleischbrühe - - -
pfeffer Pfeffer - - -
ain wenig múscatblie, die gantz seý Muskatblüte, ganz - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
weinberlen Rosinen - - -
saffern Safran - Gewürzhandel -
rerlach Zimt - - -

Welches Gericht ist das?

Dies ist die gewürzte Fülle für eine Pastete aus gehacktem Kalbfleisch, Nierenfett, Wein, Fleischbrühe, Pfeffer, ganzer Muskatblüte, Rosinen, Safran und Zimt - der Teigmantel selbst kommt im überlieferten Text nicht vor. Die Kombination aus Fleisch und Trockenfrüchten in einer Pastetenfülle lebt in der deutschen Pastete fort und im englischen Mince Pie, der bis ins 19. Jahrhundert ebenfalls eine herzhafte Fleisch-Frucht-Fülle hatte.

Vorkochen und Hacken.

Das Kalbfleisch vom Hinterschenkel wird nur so lange gekocht, wie ein hartes Ei braucht (rund 10 Minuten), nicht durchgegart - die Fülle gart später im Ofen fertig. Danach wird es von Hand kleingehackt, zusammen mit klein geschnittenem, rohem Nierenfett untergehackt: Das Fett bringt Feuchtigkeit und Bindung in die sonst magere Fülle.

Würzen und Verdichten.

Wein, Fleischbrühe, Pfeffer und die ganze Muskatblüte werden untergemischt. Dass die Muskatblüte 'gantz' bleibt statt gemahlen zu werden, erlaubt es vermutlich, die Stücke beim Anrichten wieder herauszunehmen. Das anschließende Zusammendrücken mit den Händen verdichtet die Masse (treibt Luft heraus, bindet sie fester) - erst danach kommen Rosinen, Safran und zuletzt Zimt dazu.

Praxis.

Wer diese Fülle nachkocht, sollte sie anschließend in einen Teigmantel füllen und im Ofen vollständig durchbacken, bevor sie gegessen wird - roh enthält sie ungegartes Nierenfett und nur kurz vorgegartes Fleisch. Zum Kochen des Kalbfleischs reicht die Eieruhr: neun bis zwölf Minuten im kochenden Wasser entsprechen einem harten Ei.

Wo bekomme ich Muskatblüte (Mace)?

Muskatblüte gibt es im gut sortierten Supermarkt oder im Online-Gewürzhandel, meist als ganze getrocknete Blätter. Wer keine bekommt, kann ersatzweise etwas geriebene Muskatnuss verwenden, sollte sie dann aber erst kurz vor dem Servieren zugeben, da sie sich nicht wie ganze Mace-Stücke wieder entfernen lässt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, gut geeignet. Das Kalbfleisch kocht nur kurz, das Hacken geht mit dem Messer, und die Gewürze lassen sich vorab in kleinen Döschen mitbringen. Einzig frisches Kalbfleisch sollte am Markttag besorgt werden.

Was bedeutet 'ain zimlichen schepfleffel voll' als Maßangabe?

Ein Schöpflöffel ist eine Kelle, kein Esslöffel - er diente hier zugleich als grobes Mengenmaß, etwa 'eine ordentliche Kelle voll'. Genaue moderne Mengen lassen sich daraus nicht ableiten, eine gute Suppenkelle Fleischbrühe (rund 100-150 ml) kommt der Angabe näher als ein Esslöffel.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Kalbfleisch-Pastetenfülle mit Muskatblüte – Originalseite aus Das Kochbuch der Sabina Welserin
Fol. 16 recto, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Ain pasteten von kalbflesch zú machen Nempt das kelberin flesch hinden ain diech zú procken vnnd seuds jn ainem wasser/ vngefarlich so lang man herte air seudt, darnach nims heraus/ vnnd hack das flesch klain vnnd nim ain faistin von ainem nieren vnnd schneids klain vnnd hacks vnnder das kelberin/ vnnd wan es klaingehackt jst/ so thú es jn ain schissel/ vnnd thú ain wenig ain wein daran vnnd ain zimlichen schepfleffel voll fleschbrie daran, pfeffer vnnd ain wenig múscatblie, die gantz seý, erdrucks ain wenig mit den henden, das es ain wenig klain seý, thú weinberlen daran vnnd saffern vnnd riers als mitt ainem leffel dúrchainander, thú rerlach aúch daran vnnd versúchs, wie dich gut dúnckt.
diech

Alter Begriff für den Hinterschenkel bzw. die Keule des Tiers, hier vom Kalb.

procken

Zerkleinern, in Stücke brechen - hier: das Fleisch zum Kochen vorbereiten.

faistin

Fettstück, hier speziell das Fett von einer Kalbs- oder Rinderniere (Nierenfett).

schepfleffel

Schöpflöffel, ein Kochgeschirr das gleichzeitig als grobes Mengenmaß diente.

fleschbrie

Fleischbrühe, hier vermutlich vom Kochen des Kalbfleischs selbst.

múscatblie

Muskatblüte (Mace), die harzig-flache Hülle der Muskatnuss, hier in ganzen Stücken verwendet.

weinberlen

Kleine Rosinen, verkleinerte Form von Weinbeere.

rerlach

Zimt, wörtlich 'Zimtröhrlein' nach der Form der gerollten Zimtstangen.

dich

Personalpronomen 'dich' beim unpersönlichen Verb 'dünken' (es dünkt dich = es scheint dir), nicht die Schreibvariante 'dick' - dieselbe Ermessensformel steht in saw-005, so1-129 und mon-167.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 16 recto
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

kelberin flesch hinden ain diechveal Q957434
wasserwater Q283
ain wenig ain weinwine Q282
ain zimlichen schepfleffel voll fleschbriemeat stock Q67860017
pfefferpepper Q3143131
ain wenig múscatblie, die gantz seýmace Q1882876
weinberlenraisin Q13186
saffernsaffron Q25434
rerlachcinnamon Q28165

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartdich

Gewählte Lesart: Personalpronomen 'dich' beim unpersönlichen Verb 'dünken' ('es dünkt dich' = es scheint dir): 'wie es dir gut dünkt' - eine Ermessens-/Geschmacksformel am Rezeptende.

Andere mögliche Lesart:

  • Gelesen als Schreibvariante von 'dick' (fest, dickflüssig) - würde die Konsistenz der Fülle prüfen. - Rein grafisch denkbar, aber im Buch selbst widerlegt: dieselbe Formel 'wie dich gut dúnckt' steht wortgleich in saw-005 und ist dort - gestützt durch so1-129 ('so uil als dich dunckt gnuog') und mon-167 - als Pronomen/dünken-Formel gelesen, nicht als Konsistenzangabe.

LesartGarzustand der Fülle

Gewählte Lesart: Die beschriebene Masse ist nur die Fülle, kein essfertiges Gericht - sie muss zusammen mit einem Teigmantel im Ofen vollständig durchgebacken werden, weil sie rohes Nierenfett und nur kurz vorgegartes Fleisch enthält.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Text erwähnt das Backen im Ofen gar nicht, weil es für eine 'Pastete' 1553 selbstverständlich war - der überlieferte Text bricht nach der Würzung der Fülle ab, ohne den Teigmantel zu beschreiben. - editors_note bestätigt: kein Teigmantel im Rezepttext; das fehlende Backen ist eine Lücke der Überlieferung, keine bewusste Auslassung einer fertigen Speise.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 16 recto, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Das Kalbfleisch kocht nur kurz - etwa so lange, wie ein hartes Ei braucht (rund 10 Minuten) - danach wird es von Hand gehackt und mit den Gewürzen vermengt. Frisches Kalbfleisch am besten morgens am Markttag besorgen, sonst reicht ein Topf, ein Messer und eine Schüssel. Diese Fülle allein ist noch kein fertiges Gericht - sie gehört zusammen mit einem Teigmantel in den Ofen, den ein Marktstand nicht hat.
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Stand dieser Fassung: 19.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.