Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553
Nimm das Weiße von Eiern und schlage es tüchtig. Gib ein wenig weißes Mehl dazu und rühre daraus ein dünnes Teiglein an. Lass den Teig durch einen Schaumlöffel laufen und wende ihn rasch um im Schmalz. Wickle es um ein Wellholz, so werden sie krumm.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| das weisß von airen | Eiweiß | - | - | - |
| ain wenig weisßmell | Weißmehl | - | - | - |
| schmaltz | Schmalz zum Backen | - | - | Pflanzenöl zum Frittieren |
Welches Gericht ist das? Diese „weißen Sträublein" sind ein gezogenes Schmalzgebäck: ein dünnflüssiger Eiweißteig läuft durch einen Schaumlöffel ins heiße Fett und wird dort um ein Wellholz gewickelt. Es ist die unmittelbare Vorstufe der bis heute in Bayern und Österreich, vor allem Tirol, verbreiteten Strauben (Kirtagsstrauben, Rahmstrauben) - Technik und Name sind seit dem 16. Jahrhundert im Kern unverändert. Im selben Kochbuch stehen mit den „Gebackenen Strauben" (mit einem Trichter statt dem Schaumlöffel) und dem „Struben-Teig für einen Tisch" zwei weitere Fassungen desselben Gerichts, dort jeweils mit ganzem statt nur weißem Ei.
Was heißt „ein dünnes Teiglein"? Die Wortform „tins" vor „taiglin" lässt sich weder bei Lexer noch bei Benecke belegen und bleibt unsicher. Die Lesart „ein dünnes Teiglein" stützt sich auf den Zusammenhang - ein Teig, der durch die Löcher eines Schaumlöffels laufen soll, muss flüssig genug dafür sein - und auf zwei wortgleiche Belege im selben Buch (saw-047, saw-143: „ain tins taiglin"), die dort ebenfalls als „dünnes Teiglein" übersetzt sind. Kein Wörterbuch führt „tins" in dieser Bedeutung, die Deutung bleibt kontextgestützt, nicht wörtlich belegt.
Praxis. Das Eiweiß wird tüchtig geschlagen - aber nicht zu Schnee, sonst läuft es nicht mehr als Faden durch die Löcher des Schaumlöffels, sondern bleibt als Klumpen hängen. Mit wenig Mehl zu einem dünnflüssigen Teig verrührt, lässt man ihn durch einen Schaumlöffel in Fäden ins heiße Schmalz laufen; dort wird er kurz gewendet, denn dünne Fäden bräunen schnell. Sofort danach, solange die Fäden noch heiß und biegsam sind, werden sie um ein Wellholz gewickelt - beim Erkalten behalten sie dann die charakteristische krumme Form. Alles ist mit Topf, Schaumlöffel und Wellholz über offenem Feuer machbar, ohne Ofen.
Ein Schaumlöffel ist ein gelochter Schöpflöffel, wie man ihn heute zum Abschöpfen von Schaum oder zum Herausheben von Frittiertem benutzt. Hier dient er dazu, den dünnflüssigen Eiweißteig in feinen Fäden ins heiße Schmalz laufen zu lassen, ähnlich wie bei modernem Spinnkuchen oder Funnel Cake.
Ja, gut geeignet. Ein Topf mit heißem Schmalz über dem Feuer, ein Schaumlöffel und ein Wellholz reichen als Equipment, und in weniger als 30 Minuten ist das Gebäck fertig. Etwas Übung braucht nur das Wickeln der Teigfäden um das Wellholz, damit die typische krumme Form entsteht.
In diesem Kochbuch werden andere Struben-Rezepte (etwa die 'Gebackenen Strauben' oder der 'Struben-Teig für einen Tisch') mit ganzem Ei zubereitet, was den Teig gelblich färbt. Diese Variante verwendet ausschließlich Eiweiß, wodurch das gebackene Gebäck heller bleibt - daher der Name 'weiße Sträublein'.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).
Sträublein bzw. Struben, ein gezogenes Schmalzgebäck aus dünnem Teig, das spiralig in heißes Fett getropft und dort geformt wird.
Schaumlöffel, ein gelochter Schöpflöffel, durch den der dünne Teig portionsweise ins heiße Fett gelassen wird.
Walgerholz bzw. Wellholz, das Rollholz, um das die gebackenen Teigstränge gewickelt werden, damit sie ihre krumme Form bekommen.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| das weisß von airen | egg white Q796758 |
| schmaltz | animal fat Q1423543 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
tins taiglin
Gewählte Lesart: ein dünnes Teiglein - 'tins' als dialektale Lautform von 'dünnes' (d→t-Verhärtung, ü→i-Verengung im Augsburgischen).
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 29.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.