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Weiße Eiweiß-Sträublein backen

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit25 Min.Portionen2-4 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm das Weiße von Eiern und schlage es tüchtig. Gib ein wenig weißes Mehl dazu und rühre daraus ein dünnes Teiglein an. Lass den Teig durch einen Schaumlöffel laufen und wende ihn rasch um im Schmalz. Wickle es um ein Wellholz, so werden sie krumm.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
das weisß von airen Eiweiß - - -
ain wenig weisßmell Weißmehl - - -
schmaltz Schmalz zum Backen - - Pflanzenöl zum Frittieren

Welches Gericht ist das? Diese „weißen Sträublein" sind ein gezogenes Schmalzgebäck: ein dünnflüssiger Eiweißteig läuft durch einen Schaumlöffel ins heiße Fett und wird dort um ein Wellholz gewickelt. Es ist die unmittelbare Vorstufe der bis heute in Bayern und Österreich, vor allem Tirol, verbreiteten Strauben (Kirtagsstrauben, Rahmstrauben) - Technik und Name sind seit dem 16. Jahrhundert im Kern unverändert. Im selben Kochbuch stehen mit den „Gebackenen Strauben" (mit einem Trichter statt dem Schaumlöffel) und dem „Struben-Teig für einen Tisch" zwei weitere Fassungen desselben Gerichts, dort jeweils mit ganzem statt nur weißem Ei.

Was heißt „ein dünnes Teiglein"? Die Wortform „tins" vor „taiglin" lässt sich weder bei Lexer noch bei Benecke belegen und bleibt unsicher. Die Lesart „ein dünnes Teiglein" stützt sich auf den Zusammenhang - ein Teig, der durch die Löcher eines Schaumlöffels laufen soll, muss flüssig genug dafür sein - und auf zwei wortgleiche Belege im selben Buch (saw-047, saw-143: „ain tins taiglin"), die dort ebenfalls als „dünnes Teiglein" übersetzt sind. Kein Wörterbuch führt „tins" in dieser Bedeutung, die Deutung bleibt kontextgestützt, nicht wörtlich belegt.

Praxis. Das Eiweiß wird tüchtig geschlagen - aber nicht zu Schnee, sonst läuft es nicht mehr als Faden durch die Löcher des Schaumlöffels, sondern bleibt als Klumpen hängen. Mit wenig Mehl zu einem dünnflüssigen Teig verrührt, lässt man ihn durch einen Schaumlöffel in Fäden ins heiße Schmalz laufen; dort wird er kurz gewendet, denn dünne Fäden bräunen schnell. Sofort danach, solange die Fäden noch heiß und biegsam sind, werden sie um ein Wellholz gewickelt - beim Erkalten behalten sie dann die charakteristische krumme Form. Alles ist mit Topf, Schaumlöffel und Wellholz über offenem Feuer machbar, ohne Ofen.

Was ist ein 'Schaumlöffel' und wozu dient er in diesem Rezept?

Ein Schaumlöffel ist ein gelochter Schöpflöffel, wie man ihn heute zum Abschöpfen von Schaum oder zum Herausheben von Frittiertem benutzt. Hier dient er dazu, den dünnflüssigen Eiweißteig in feinen Fäden ins heiße Schmalz laufen zu lassen, ähnlich wie bei modernem Spinnkuchen oder Funnel Cake.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, gut geeignet. Ein Topf mit heißem Schmalz über dem Feuer, ein Schaumlöffel und ein Wellholz reichen als Equipment, und in weniger als 30 Minuten ist das Gebäck fertig. Etwas Übung braucht nur das Wickeln der Teigfäden um das Wellholz, damit die typische krumme Form entsteht.

Was bedeutet 'weiße Sträublein' - warum werden sie 'weiß' genannt?

In diesem Kochbuch werden andere Struben-Rezepte (etwa die 'Gebackenen Strauben' oder der 'Struben-Teig für einen Tisch') mit ganzem Ei zubereitet, was den Teig gelblich färbt. Diese Variante verwendet ausschließlich Eiweiß, wodurch das gebackene Gebäck heller bleibt - daher der Name 'weiße Sträublein'.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Weisse streiblen zú bachen Nim das weisß von airen, klops woll, vnd ain wenig weisßmell, mach ain tins taiglin daraús, lasß dúrch ain schomleffel, kers bald vmb jm schmaltz, windts vmb ain walgelholtz, so werden sý krúm.
streiblen

Sträublein bzw. Struben, ein gezogenes Schmalzgebäck aus dünnem Teig, das spiralig in heißes Fett getropft und dort geformt wird.

schomleffel

Schaumlöffel, ein gelochter Schöpflöffel, durch den der dünne Teig portionsweise ins heiße Fett gelassen wird.

walgelholtz

Walgerholz bzw. Wellholz, das Rollholz, um das die gebackenen Teigstränge gewickelt werden, damit sie ihre krumme Form bekommen.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 38 verso
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

das weisß von airenegg white Q796758
schmaltzanimal fat Q1423543

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesarttins taiglin

Gewählte Lesart: ein dünnes Teiglein - 'tins' als dialektale Lautform von 'dünnes' (d→t-Verhärtung, ü→i-Verengung im Augsburgischen).

Andere mögliche Lesart:

  • unklare, nicht sicher deutbare Wortform - Weder Lexer noch Benecke führen 'tins' in dieser Bedeutung, die Lesart bleibt allein aus dem Kontext ('dünner Teig, der durch einen Schaumlöffel läuft') und aus zwei wortgleichen Parallelstellen im selben Buch (saw-047, saw-143) erschlossen.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 38 verso, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf mit heißem Schmalz in unter 30 Minuten fertig, das Wickeln der Teigfäden um das Wellholz braucht aber etwas Übungsgeschick, sonst reicht einfaches Lagerequipment (Topf, Schaumlöffel, Wellholz).
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Stand dieser Fassung: 29.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.