Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553
Nimm Pomeranzen und schäle die äußere gelbe Schale ab. Schneide das Weiße darunter weg und schneide die Schale in feine Streifen, wie man Kutteln schneidet. Wasche die Streifen in Wasser aus.
Gib sie in ein kleines Töpfchen, gieße Wasser darüber und lass es einmal aufkochen. Danach wasche die Streifen wieder in frischem Wasser aus und lass sie nochmals aufkochen. Das wiederhole zwölf Mal, wobei du immer wieder frisches Wasser dazugeben musst. Oder probiere zwischendurch: solange die Schale noch bitter schmeckt, musst du sie weiter waschen und immer wieder einmal aufkochen lassen.
Wenn sie nicht mehr bitter ist, wasche sie ein letztes Mal in sauberem Wasser. Gib Schmalz darüber und röste die Schale im Schmalz an. Gib dann guten süßen Wein dazu, außerdem Zucker, kleine Rosinen und Zibeben.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| pomerantzen | Pomeranzen | - | Feinkosthandel, Online-Gewürzhandel, Wochenmarkt zur Wintersaison | Bio-Orangen mit unbehandelter Schale, milder und weniger bitter im Ergebnis |
| wasser | Wasser | - | Leitung | - |
| schmaltz | Schmalz | - | - | Butterschmalz |
| gúten siessen wein | Süßer Wein | - | - | Malvasier oder ein süßer Weißwein |
| zúcker | Zucker | - | - | - |
| klain weinber | Kleine Rosinen | - | - | - |
| ziwiben | Zibeben | - | Türkischer/orientalischer Supermarkt, Feinkosthandel | Große Sultaninen |
Welches Gericht ist das? Entbitterte Pomeranzenschale wird in Schmalz angeröstet und danach in süßem Wein mit Zucker, kleinen Rosinen und Zibeben aufgegossen - eine warme, halbsüße Fruchtzubereitung, keine Konfitüre im modernen Sinn. Die nächste lebende Verwandte ist kandierte Orangenschale (Orangeat), doch die Technik weicht ab: statt in Zuckersirup einzukochen, wird die Schale hier in Fett geröstet und erst danach mit Süßwein aufgegossen - das Ergebnis liegt näher an einem warmen Fruchtkompott oder einer Konfektbeilage als an moderner Konfitüre.
Praxis. Das zwölffache Wässern und Aufkochen dient allein dem Entbittern: Die wasserlöslichen Bitterstoffe der Pomeranzenschale lösen sich nach und nach im wiederholt gewechselten Wasser, ein Garprozess ist das nicht. Zwölf Durchgänge sind deutlich mehr als die zwei bis vier, mit denen moderne Anleitungen für kandierte Zitrusschale meist auskommen, aber für Bitterorangen in einem gut ausgestatteten Haushalt plausibel - der Text selbst bietet mit der Geschmacksprobe eine Abkürzung an: Sobald die Schale nicht mehr bitter schmeckt, kann man aufhören, auch vor dem zwölften Durchgang. Erst danach folgt die zweite, kurze Hitzephase: Die abgetropfte Schale wird in Schmalz angeröstet, was Röstaroma gibt und sie mit Fett überzieht, bevor Süßwein, Zucker, Rosinen und Zibeben dazukommen. Wie diese letzte Mischung fertiggestellt wird - ob und wie lange sie noch zieht oder reduziert - sagt der Text nicht; das lassen wir offen, statt einen Schritt zu erfinden.
Bitterorangen sind im normalen Supermarkt selten, aber im Feinkosthandel, auf Wochenmärkten zur Wintersaison oder im Online-Gewürzhandel erhältlich. Als Ersatz eignen sich Bio-Orangen mit unbehandelter Schale, wobei das Ergebnis milder und weniger bitter ausfällt.
Eingeschränkt geeignet. Die vielen Wasserwechsel und das wiederholte Aufkochen ziehen sich über gut zwei Stunden am Feuer, das Töpfchen braucht dabei durchgehende Aufmerksamkeit. Equipment und Zutaten selbst sind unkompliziert.
Die Bitterstoffe in der Schale lösen sich nur nach und nach im Wasser. Durch wiederholtes Aufkochen und Wasserwechsel wird die Schale allmählich milder, bis sie sich für die süße Fertigstellung mit Wein, Zucker und Rosinen eignet.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).
Bitterorangen (Sevilla-Orangen), im 16. Jahrhundert eine teure Importware aus dem Mittelmeerraum.
Hier die äußere gelbe Schale bzw. Rinde der Pomeranze - belegt u.a. bei Grimm ('de pomo ein schelf') und im Augsburgischen Wörterbuch ('schelf abzogen ist').
Vergleich mit geschnittenen Kutteln (Rindermagen-Streifen), um die Schnittform der Schalenstreifen zu beschreiben - eine zeitgenössische Randnotiz im Manuskript bestätigt diese Lesart ausdrücklich ('kútelfleck - wie Kutteln geschnitten').
Kleiner Topf, Verkleinerungsform von 'Hafen' (Topf) - im CoReMA-Glossenkorpus (u. a. Solothurner Küchenmeisterei) ebenso als 'pot' übersetzt.
Große getrocknete Weinbeeren (Zibeben), im Unterschied zu den kleineren 'weinber' (Rosinen), die im selben Rezept genannt werden.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| pomerantzen | bitter orange Q27657260 |
| wasser | water Q283 |
| schmaltz | animal fat Q1423543 |
| zúcker | unrefined cane sugar Q57656231 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
bomerantzenkraut
Gewählte Lesart: Wir lesen 'Kraut' hier im weiten mittelalterlichen/frühneuzeitlichen Sinn als 'zubereitete Frucht- oder Gemüsespeise', also 'Pomeranzenspeise', nicht als botanisches Kraut.
Andere mögliche Lesart:
schelf
Gewählte Lesart: Gelesen als 'Schale/Rinde' der Pomeranze, passend zum Kontext ('die äußere gelbe schelf').
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 01.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.