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Milchköpfe - gefüllte Eierpasteten

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

BeilageBeilageLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit70 Min.Portionen4-6 kleine PastetenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm 10 Eier, ein halbes Maß Milch und eine halbe Handvoll feines Mehl. Treibe alles zusammen durch ein sauberes Tuch, färbe die Mischung gelb und würze mit Salz.

Mache danach eine Pastete und setze sie als oben offene Röhre auf. Gieße ein wenig von der Ei-Milch-Mischung hinein. Sobald die Pastete ein wenig fest geworden ist, gieße nach einer Weile wieder ein wenig nach. Wiederhole das so lange, bis sie ungefähr bis auf eine Fingerbreite voll ist.

Lass sie danach fertig backen. Das Nachgießen muss dabei direkt im Backofen geschehen, die Pastete darf zum Auffüllen nicht mehr herausgenommen werden.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain 10 air Eier 10 - -
ain halbe masß milch Milch 500 ml - -
ain halbe handtúol schen mell Mehl, fein - - -
gilbs Safran - Online-Gewürzhandel, gut sortierter Supermarkt -
saltzs Salz - - -
bastetten Pastetenteig - - Fertiger Mürbeteig oder Blätterteig aus dem Kühlregal

Welches Gericht ist das? Eine im Pastetenteig gebackene, gestockte Ei-Milch-Masse ohne Zucker - nur mit Safran gefärbt und mit Salz gewürzt. Das macht sie zu einer herzhaften Custard-Tarte, näher an einer gesalzenen Eierstich-Füllung im Teigmantel als an einem süßen Nachtisch - strukturell die deutsche Schwester eines französischen Flan pâtissier, nur ungesüßt.

Die Form. „Ain hosen offen“ heißt: eine oben offene Röhre. Eine Hose ist Mitte des 16. Jahrhunderts noch die Röhre um den Unterschenkel, und genau diese Form braucht das Rezept - eine freistehende Teigwand, oben offen, damit in mehreren Gängen nachgegossen werden kann. Das Buch beschreibt die Bauart an anderer Stelle vollständig: Teig zur Kugel formen und mit den Fingern so ausziehen, dass in der Mitte eine Höhlung bleibt (saw-061, der Teig für aufgesetzte Pasteten). Für die Praxis heißt das: die Pastete steht frei und bleibt während des ganzen Nachgießens im Ofen - der Rezeptschluss verlangt das ausdrücklich.

Das mehrfache Nachgießen in Etappen hat eine praktische Funktion: Eine große Menge flüssiger Ei-Milch-Masse auf einmal würde die noch nicht durchgebackene Teigwand sprengen oder durchweichen. Jede kleine Portion darf erst leicht anziehen („erhertet“), bevor die nächste folgt - so stockt die Füllung von unten nach oben und stabilisiert die Wand von innen.

Praxis. Die Ei-Milch-Mischung durch ein Tuch streichen, das entfernt Klümpchen und Hagelschnüre. Die rohe, oben offene Pastetenhülle in den Ofen stellen und nur einen kleinen Schuss der Mischung eingießen. Erst wenn die Oberfläche sichtbar angezogen ist, den nächsten kleinen Schuss nachgießen - direkt im Ofen, ohne die Pastete herauszunehmen. Das wiederholen, bis die Füllung bis auf Fingerbreite unter den Rand reicht, dann fertig backen. Ofentemperatur, Anzahl der Güsse und Gesamtbackzeit nennt der Text nicht - hier hilft nur die Beobachtung der Oberfläche, nicht die Uhr.

Was sind 'Milchköpfe' - eine Art Pudding oder ein Gebäck?

Vermutlich kleine Pastetenhüllen, die im Ofen stehend mehrfach mit einer Ei-Milch-Mischung nachgegossen werden, bis sie fast voll sind. Das Ergebnis ähnelt einer in Teig gebackenen, gestockten Eiercreme - vergleichbar mit dem, was heute ein Flan pâtissier ist, nur ungesüßt und mit Safran statt Vanille.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nein, eher ungeeignet. Die Methode verlangt einen Ofen mit stabiler, gut regulierbarer Hitze, in dem die Pastete mehrfach nachgegossen wird, ohne sie herauszunehmen - das ist mit Feuerstelle oder Dutch Oven kaum sauber umzusetzen.

Was bedeutet die Anweisung 'am hosen offen' im Text?

Die Stelle ist unklar und im Korpus sonst nicht belegt (Hapax). Am wahrscheinlichsten gemeint ist der heiße Backofen, auch wenn die Schreibung nicht ganz zur sonst üblichen Schreibweise von 'heiß' im Buch passt - eine überzeugendere Alternative gibt es aber nicht.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Milchkepff zú machen Nempt ain 10 air vnnd ain halbe masß milch vnnd ain halbe handtúol schen mell/ vnnd treibs dúrch ain saúber túch/ gilbs vnnd saltzs, darnach mach ain bastetten vnnd setz jn am hosen offen vnnd geúsß ain wenig darein/ wan die pastetten ain wenig erhertet jst/ darnach jber ain weil aber ain wenig, thiet jm also, bis sý vngefarlich voll wirt bis an ain finger/ darnach last es bachen/ man músß aber jm bachoffen dareingiessen.
Milchkepff

Wörtlich 'Milchköpfe' - vermutlich kleine, kopf- oder becherförmige Pasteten, die schichtweise mit einer Ei-Milch-Masse gefüllt werden. Der Begriff ist im Korpus sonst nicht belegt.

gilbs

Bedeutet 'färbe es gelb' - in diesem Kochbuch steht das Verb 'gilben' standardmäßig für das Gelbfärben mit Safran.

masß

Historisches Flüssigkeitsmaß, regional unterschiedlich groß (grob 1 Liter). Hier als halbes Maß ≈ 500 ml angesetzt.

schen mell

Entrundung von 'schön' zu 'schen' - 'schönes Mehl' im Sinn von feinem, gutem Mehl, keine Aussage über das Aussehen des fertigen Gerichts.

ain hosen offen

Die Stelle war lange als „heißen Ofen“ gedeutet. Am Original (fol. 51r) hält das nicht: der Vokal nach dem h ist eine geschlossene runde Schale und damit klar unterschieden von dem spitzen, offenen a, das dieselbe Hand in „ain“ und „halbe“ auf derselben Seite schreibt, und ein i fehlt - heiß schreibt dieses Buch zweiundzwanzigmal „hais-“. Das Wort bricht über den Zeilenumbruch: „hoſ“ am Zeilenende, „en offe(n)“ am Anfang der nächsten, und über dem Vokal steht ein hochgestelltes Ringzeichen, das die gedruckte Textfassung nicht wiedergibt.

Gelesen wird die Stelle deshalb als Formangabe: eine Hose ist im 16. Jahrhundert noch die Röhre um den Unterschenkel, nicht das Beinkleid von heute - das Etymologische Wörterbuch datiert diesen Bedeutungswandel genau in dieses Jahrhundert, und die Wortwurzel bedeutet „bedecken, umhüllen“ (dieselbe wie in Haus, Haut, Hütte und Schuh). Englisch „hose“ und niederländisch „hoos“ sind dasselbe Wort; im Englischen ist die Röhrenbedeutung sogar die geläufige geblieben. „Ain hosen offen“ heißt dann: eine oben offene Röhre - genau die Form, die dieses Rezept braucht, weil die Eiermilch in mehreren Gängen nachgegossen wird, bis die Pastete fingerbreit unter dem Rand voll ist.

Vier Beobachtungen stützen das. Die Handschrift hat „ain“, nicht „am“ wie die gedruckte Fassung - also ein Substantiv mit unbestimmtem Artikel und kein Dativ. Nachgestellte Adjektive sind bei dieser Schreiberin belegt, „ain schmaltz haiß“ beispielsweise; „ain hosen offen“ ist damit kein Sonderfall. Der Rezeptschluss nennt den Ofen separat und mit dem üblichen Wort („man músß aber jm bachoffen dareingiessen“) - stünde der Ofen schon am Anfang, wäre dieser Satz überflüssig. Und Formnamen sind das Idiom dieses Buchs: es backt „fesser“ (Fässchen) und „laútensternlein“, und dieses Rezept selbst heißt „Milchkepff“, also Milchköpfe.

Offen bleibt zweierlei: kein Wörterbuch belegt „hose“ ausdrücklich für eine Teig- oder Gefäßform (die übertragenen Röhrenwörter wie Wasserhose und Windhose sind jünger), und das hochgestellte Ringzeichen ist unerklärt.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 51 recto
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain 10 airchicken egg Q15260613
ain halbe masß milchmilk Q8495
gilbssaffron Q25434
saltzstable salt Q11254

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartMilchkepff

Gewählte Lesart: Kleine, kopf- oder becherförmige Pasteten, die mit einer Ei-Milch-Masse gefüllt werden - hier als 'Milchköpfe' übersetzt.

Andere mögliche Lesart:

  • Bezeichnung nach der Form eines Backgefäßes (Model in Kopfform) - Mhd. 'kopf/köpf' konnte auch ein Trink- oder Backgefäß meinen, das dem Gebäck seinen Namen gab; der Text nennt aber kein solches Gefäß ausdrücklich.

Lesartain hosen offen

Gewählte Lesart: Eine oben offene Röhre, also die Form der aufgesetzten Pastete. Das Buch beschreibt diese Bauart an anderer Stelle vollständig: der Teig wird zu einer Kugel geformt und mit den Fingern so ausgezogen, dass in der Mitte eine Höhlung bleibt (saw-061, der Pastetenteig für aufgesetzte Pasteten). Genau ein solches freistehendes Teigrohr wird hier schrittweise gefüllt.

Andere mögliche Lesarten:

  • „heißen Ofen“ - Die lange angenommene Lesart, am Original aber ausgeschlossen: der Vokal ist ein rundes o, kein a, und ein i fehlt. Dazu versieht die Schreiberin den Ofen an keiner der zehn übrigen Ofenstellen mit einem Adjektiv.
  • „Hafen offen“, also ein offener Topf - Fällt aus demselben Grund aus - der Vokal ist kein a - und widerspricht dem Rezeptschluss, der das Nachgießen ausdrücklich „jm bachoffen“ verlangt.
  • Ein unbekanntes Wort für einen Ofentyp oder Ofenzustand - Bleibt möglich, ist aber die schwächere Erklärung: sie macht den Schlusssatz über den Backofen redundant und findet in keinem der befragten Wörterbücher eine Stütze - 52 Siglen des Wörterbuchnetzes, das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch und die bairisch-schwäbischen Dialektwörterbücher kennen zu „hos“ nur Beinkleider.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 51 recto, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Die Technik verlangt einen Backofen mit gleichmäßiger, gut kontrollierbarer Hitze, in dem die Pastete mehrfach in Etappen nachgegossen wird, ohne sie herauszunehmen. Mit Dutch Oven oder Feuerstelle lässt sich diese feine Stufen-Gartechnik im Lager praktisch nicht sauber steuern.
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Stand dieser Fassung: 02.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.