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Rote Mandelspeise in Krebsform

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit120 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Rote Färbung: Soll die Mandelmasse rot werden wie ein Krebs, Wasser mit Brasilholz aufkochen. Dieses Wasser mit Hausenblättern kräftig binden und die Mandelmasse damit durch ein Tuch pressen.

Eine Form in Gestalt eines Krebses bereitstellen. Die Mandelmasse hineingießen und wie Käse fest werden lassen. Auf einer Schüssel anrichten, Mandelmilch darüber gießen und reichlich Zucker darübergeben.

Die Mandelmilch erst über die gestockte Mandelmasse gießen, wenn sie abgekühlt ist. Heiße Mandelmilch lässt die Masse sonst lange nicht fest werden.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Mandel Mandeln, gemahlen - Supermarkt (Backregal) Ganze Mandeln im Blender kurz zermahlen
preſil Brasilholz - Online-Handel Rote Speisefarbe
waſſer Wasser - - -
Hauſen blatern Hausenblätter - Online-Handel ⚠ Hausenblätter aus Stör sind heute nicht legal erhältlich Speisegelatine oder Agar-Agar
Mandelmich Mandelmilch - - -
zucker Zucker - - -

Welches Gericht ist das? Ein rot gefärbtes, in eine Krebsform gegossenes Mandelgelee: Mandelmasse wird mit Brasilholz-Wasser rot gefärbt und mit Hausenblättern gebunden, in eine Krebsform gegossen, gestürzt und mit Mandelmilch und Zucker übergossen serviert. Der modernen Küche am nächsten steht eine geformte Mandel-Götterspeise - vergleichbar mit einem heutigen Gelatine-Formdessert in Tierform. Der Name "Pastete" trägt hier nicht: Eine Pastete verlangt eine Teighülle oder eine Fleischfüllung, hier ist aber an keiner Stelle Teig im Spiel. Der Originaltext selbst vergleicht die fertige Masse ausdrücklich mit Käse ("laß gestehn, gleich wie den Käs") - gemeint ist nur die feste, gestockte Konsistenz, nicht ein tatsächliches Käsegericht.

Die Technik in einem Schritt. Das Wasser, in dem zuvor das Brasilholz gekocht wurde, dient gleich zweifach: Es färbt die Masse rot und löst darin die Hausenblätter, die erst in heißer Flüssigkeit aufgehen und beim Abkühlen binden. Die gemahlenen Mandeln werden anschließend mit genau diesem gefärbten, geliermittelhaltigen Wasser durch ein Tuch gepresst - das verteilt Farbe und Bindemittel gleichmäßig und macht die Masse klümpchenfrei, bevor sie in die Form kommt.

Praxis. Da der Text weder eine Menge Hausenblätter noch eine Dauer oder Konsistenz vorgibt, gilt: Gelatine oder Agar-Agar nach Packungsangabe für ein festes, schnittfähiges Gel dosieren; die gefüllte Form mehrere Stunden bis über Nacht im Kühlschrank fest werden lassen; für die Mandelmasse eine dickere, streichfähige Paste mit wenig Restflüssigkeit ansetzen. Vor dem Anrichten stürzen und erst dann mit abgekühlter Mandelmilch und reichlich Zucker übergießen - heiße Mandelmilch weicht das bereits gestockte Gel wieder auf, eine Warnung, die schon der Originaltext selbst ausspricht. Ohne Kühlmöglichkeit (Eis, kühler Keller) ist die Speise am Marktstand nicht zuverlässig zu wiederholen; sie eignet sich eher als zu Hause vorbereitetes Schaugericht.

Was sind Hausenblätter und womit kann ich sie ersetzen?

Hausenblätter sind ein historisches Geliermittel aus der Schwimmblase des Hausen, eines Störs. Für eine heutige Zubereitung eignen sich Speisegelatine oder Agar-Agar, wobei Agar-Agar eine etwas sprödere Festigkeit ergibt.

Warum wird die Mandelmasse in eine Krebsform gegossen?

Die Form ist eine repräsentative Schauspeise: Die Mandelmasse wird wie ein Krebs gestaltet und erstarrt darin. Einfache Formen funktionieren mit demselben Verfahren, auch wenn sie nicht die historische Tiergestalt zeigen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nicht als einfache Lagerkost, eher als Schaugericht: Die gelierte Mandelmasse muss bis zum Servieren zuverlässig kühl bleiben, sonst verliert sie ihre feste Form - dazu kommen die aufwendige Krebsform und das sorgfältige Stürzen als Schauwert.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Ain rotten Krepſen von Mandel, vij. ¶Wilt du es rodt machen wie ain Krepſen / ſo ſeüde preſil / daſſelbig waſſer muͦß auch geſterckt ſein mit Hau⸗ ſen blatern / damit muͦſt den Mandel durchtreiben / muͤſt ain formē haben inn maſſen wie ain Kreps / geiß darein laß geſtehn / gleich wie den kaͤß / richts dann an / auff ain ſchüſſel / geüß ain Mandelmich daran / muͦſt auch den zu⸗ cker nit ſparen / wenn du es in form geuſt vber die geſterck ten Handel / ſo laß aber kalten / geuß nicht haiß darein/ es geſteht ſonſt lang nit.
Krepſen

Der Krebs ist hier die Form der Mandelmasse, nicht eine Zutat. Die Speise soll in einer krebsförmigen Form erstarren.

Hauſen blatern

Hausenblätter sind Geliermittel aus der Schwimmblase des Hausen, eines großen Störs. Sie geben der Mandelmasse die feste, käseähnliche Konsistenz.

geſterckt

Die Flüssigkeit wird hier mit Hausenblättern gestärkt, also gebunden und zum Erstarren vorbereitet.

preſil

Brasilholz, ein im 16. Jahrhundert gehandeltes rotes Färbeholz - nicht Petersilie. Die Lesart ist für dieses Kochbuch bereits gesichert.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das erste Buch: Mandelspeisen
Folio
Fol. 002r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Mandelalmond Q184357
waſſerwater Q283
Mandelmichalmond milk Q975953
zuckerunrefined cane sugar Q57656231

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartMenge der Hausenblätter

Gewählte Lesart: Der Text nennt keine Menge; für die Praxis empfiehlt sich, handelsübliche Gelatine oder Agar-Agar nach Packungsangabe zu dosieren, bis ein festes, schnittfähiges Gel entsteht, das die Krebsform verlässlich hält.

Andere mögliche Lesart:

  • Historisch war die Dosierung vermutlich Erfahrungswert des Kochs oder der Köchin, ohne festes Verhältnis. - Der Text nennt für die Hausenblätter keine Menge, nur dass das Wasser damit 'gestärkt' werden soll.

LesartDauer und Ort des Erstarrens

Gewählte Lesart: Da der Text keine Zeit- oder Ortsangabe nennt, empfiehlt sich für die Praxis, die Masse mehrere Stunden bis über Nacht im Kühlschrank fest werden zu lassen - schon aus Lebensmittelsicherheit bei einer milch- und mandelhaltigen Speise.

Andere mögliche Lesart:

  • Historisch stand dafür vermutlich ein kühler Keller oder ein anderer kalter Ort zur Verfügung, mit dem Zeitpunkt nach Augenschein bestimmt. - Der Text sagt nur 'laß gestehn', ohne Ort oder Dauer zu nennen.

LesartKonsistenz der Mandelmasse vor dem Eingießen

Gewählte Lesart: Für die Praxis empfiehlt sich eine dickere, streichfähige Mandelpaste mit wenig Restflüssigkeit, damit sie mit dem Geliermittel eine formstabile Masse ergibt und beim Stürzen nicht zu weich ist.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Text setzt möglicherweise eine bereits bekannte, andere Grundzubereitung der Mandelmasse voraus. - Der Text nennt keine Konsistenz vor dem Eingießen in die Form, sondern setzt die Mandelmassen-Zubereitung als bekannt voraus.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 002r (gedruckte Blattzählung II recto), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
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Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Kein Ofen nötig, aber eine mehrstündige, temperaturkritische Kühlphase - die mit Hausenblättern gebundene Mandelmasse muss in der Krebsform fest werden, und der Text warnt selbst ausdrücklich, dass zu heiß aufgegossene Mandelmilch das Feststehen sonst lange verhindert. Ohne Kühlmöglichkeit (Eis, kühler Keller) ist das am Marktstand nicht zuverlässig wiederholbar, dazu kommt die aufwendige Krebsform als Schauwert.
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Stand dieser Fassung: 02.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.