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Gegossenes Wappen

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

RezeptSonstigesMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit60 Min.Portionen1 WappenBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Ein gegossenes Wappen machst du so: Gieße die Feldfarbe in eine Schüssel. Danach schneide den Helm heraus und gieße dessen Farbe hinein.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
veldung/ farb Farbe (für das Feld) - - Vermutlich gestärkte, gefärbte Mandelmilch mit Hausenblase, wie in den Nachbarrezepten dieses Kapitels; ersatzweise für ein reines Schauobjekt auch Wachs oder feste Zuckerpaste möglich
ſein farb Farbe (für den Helm) - - Vermutlich ebenfalls mit Hausenblase gestärkte Mandelmilch, in einer zweiten Farbe eingefärbt; ersatzweise Wachs oder feste Zuckerpaste

Welches Gericht ist das? Kein Speiserezept, sondern eine Gussanleitung für ein zweifarbiges, heraldisches Schaustück: ein Wappen mit Schild (Feld) und Helm, gegossen aus zwei nacheinander eingefüllten Farbschichten. std-022 gehört zu einer kleinen Reihe verwandter Gieß- und Schneidetechniken in Buch 1 des Staindl - dem unmittelbar vorangehenden „Gegossene Blumen“, dem „Gegossenen Mandelstern“ sowie den „falschen Eiern“ und dem „geteilten Mus“ weiter im selben Buch. Eine lebende Nachfahrin als Gericht gibt es nicht; auf der reinen Technikebene entspricht das Verfahren dem heutigen mehrfarbigen Gießen mit Fondant oder Isomalt in der Tortendekoration beziehungsweise dem dekorativen Wachsguss.

Aus welchem Material die Farbe besteht. Der Urtext nennt nur „farb“, ohne das Gießmaterial zu benennen. Die Nachbarrezepte dieses Kapitels verwenden für „Farbe“ durchgängig eine mit Hausenblase gestärkte, eingefärbte Mandelmilch - das macht diese Lesart auch hier am wahrscheinlichsten, auch wenn std-022 selbst es nicht ausdrücklich sagt. Denkbar bliebe daneben, wie bei anderen zeitgenössischen Schaustücken, auch eingefärbtes Wachs oder eine feste Zuckerpaste.

Praxis. Mandelmilch mit Hausenblase andicken und mit der gewünschten Feldfarbe einfärben, etwa Safran für Gelb oder Brasilholz für Rot. Diese Masse in eine Schüssel gießen und vollständig fest werden lassen. Danach die Form des Helms sauber herausschneiden und die entstandene Aussparung mit einer zweiten, andersfarbigen Mandelmilch-Masse auffüllen. Wer das fertige Wappen aus der Schüssel lösen möchte, legt diese vor dem ersten Guss mit einem Trennmittel oder Folie aus - der Text selbst erwähnt kein Entformen, das Stück kann auch einfach in der Schüssel bleiben.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Dies ist kein Kochrezept, sondern eine Anleitung zur Herstellung eines dekorativen Objekts. Selbst wenn das Gießmaterial essbar wäre, verlangt die Technik ein Standgefäß, eine Aushärtezeit und präzises Schneiden - das ist am improvisierten Marktfeuer nicht sinnvoll leistbar.

Was ist ein ‚Gegossenes Wappen‘?

Ein gegossenes Wappen ist hier ein heraldisches Schaustück: Die Feldfarbe wird zuerst in eine Schüssel gegossen, danach wird die Form des Helms herausgeschnitten und mit einer zweiten Farbe gefüllt. So entsteht ein zweifarbiges Reliefbild von Schild und Helm. Im Kochbuch des Balthasar Staindl steht das Rezept in einer kleinen Reihe verwandter Gieß- und Schneidetechniken, etwa dem vorangehenden „Gegossene Blumen“ oder den „falschen Eiern“ und dem „geteilten Mus“ weiter im selben Buch.

Welche Art von ‚Farbe‘ ist hier gemeint?

Der Originaltext nennt nur „farb“, ohne das Gießmaterial selbst zu benennen. In den unmittelbar benachbarten Rezepten dieses Kapitels ist mit „Farbe“ regelmäßig eine mit Hausenblase gestärkte, eingefärbte Mandelmilch gemeint - das macht diese Lesart auch hier am wahrscheinlichsten, auch wenn der Text es nicht ausdrücklich sagt. Denkbar bliebe daneben, wie bei anderen zeitgenössischen Schaustücken, auch eingefärbtes Wachs oder eine feste Zuckerpaste (ähnlich Marzipan oder Gumpaste). Eine Lebensmittelfarbe im modernen Sinne ist damit jedenfalls nicht gemeint.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Gegoſſen Wappen. xxij. „Gegoſſen Wappen mach alſo / geüß die veldung/ farb / inn ein ſchüſſel / darnach ſchneid den Helm herauß/ geuß ſein farb darein.
Gegoſſen Wappen

Ein gegossenes Wappen ist ein dekoratives, heraldisches Schauobjekt aus zwei ineinander gegossenen Farbschichten (Feld und Helm). Welches Material dafür verwendet wurde, nennt der Text nicht; die Parallelrezepte dieses Kapitels legen eine gefärbte Mandelmilch-Masse mit Hausenblase nahe, denkbar wären für ein solches Schaustück aber auch Wachs oder eine feste Zuckerpaste.

veldungfarb

Die Feldfarbe bezeichnet die Grundfarbe des Wappenschildes, also den Hintergrund des heraldischen Motivs.

Delm

Dies ist eine OCR-Fehllesung für Helm. Der Helm ist ein Bestandteil des Wappens, der oberhalb des Schildes platziert wird und die Helmzier trägt.

vvij.

OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts: Rezeptziffer „vvij." statt „xxij." (x in Blackletter als Doppel-v gelesen). Scan Fol. 004v zeigt zwei blackletter-x, und die Gloning-Ausgabe 1569 liest an dieser Stelle „xxij." - passend zur Rezept-ID std-022 (Rezept 22).

veldung,

OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts: Der Virgel („/") am Zeilenende wurde als Komma gelesen. Scan Fol. 004v zeigt eindeutig einen Schrägstrich, kein Komma; das Kompositum „veldungfarb" (Feldfarbe) wird durch den Zeilenumbruch in „veldung/" und „farb" getrennt. Gloning-Ausgabe 1569 bestätigt „veldungfarb" als ein Wort.

,

Isoliertes Komma am Rezeptende ohne Textentsprechung im Druck - Segmentierungsartefakt des Kraken-Transkripts (Scan Fol. 004v endet nach „darein." ohne weiteres Zeichen vor dem nächsten Rezept „xxiij."). Ersatzlos entfernt.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das erste Buch: Mandelspeisen
Folio
Fol. 004v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartfarb (Gießmaterial)

Gewählte Lesart: Der Text nennt das Gießmaterial nicht beim Namen. Die unmittelbaren Nachbarrezepte dieses Kapitels (Gieß- und Schneidetechniken mit Mandelmilch und Hausenblase) verwenden für „Farbe“ durchgängig eine mit Hausenblase gestärkte, eingefärbte Mandelmilch - das macht diese Lesart auch für std-022 am wahrscheinlichsten.

Andere mögliche Lesart:

  • Wie bei anderen zeitgenössischen Schaustücken wäre auch eingefärbtes Wachs, eine feste Zuckerpaste oder Gips denkbar. - Dafür gibt es in diesem Buch keinen unmittelbaren Beleg - die Vermutung stützt sich nur auf die allgemeine Materialpalette solcher Tafelzier, nicht auf den Buchkontext selbst.

LesartStandzeit vor dem Schneiden

Gewählte Lesart: Der Text nennt keine Standzeit zwischen den beiden Güssen. Für ein sauberes Ergebnis sollte die erste Farbschicht vollständig fest werden, bevor der Helm herausgeschnitten wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Historisch wäre auch ein Schneiden bei noch warmer, weicher Masse denkbar. - Das ist bei Wachsarbeiten üblich, der Text macht dazu aber keine Angabe - beide Vorgehen sind mit der beschriebenen Technik vereinbar.

LesartEntformen aus der Schüssel

Gewählte Lesart: Der Text erwähnt kein Entformen. Wer das fertige Wappen aus der Schüssel lösen möchte, legt diese vor dem ersten Guss mit einem Trennmittel oder Folie aus.

Andere mögliche Lesart:

  • Das fertige Stück verbleibt in der Schüssel als Präsentationsform. - Das ist die textnähere Lesart, da der Urtext ein Entformen an keiner Stelle nennt.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 004v (gedruckte Blattzählung IV verso), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (scripts/fetch_staindl_kraken.rb, german_print.mlmodel, 112 Scans) - seit 2026-09-01 fuer ALLE acht Buecher (std-001..294) primaer, liest auf diesem Druck deutlich sauberer als die vorherige BSB-Bibliotheks-OCR (Verhältnis 385,8 vs. 93,0, keine der bekannten M/W- und kl/El-Verwechslungen). Die BSB-Bibliotheks-OCR (scripts/fetch_staindl.rb, api.digitale-sammlungen.de/ocr) bleibt als Referenz im Cache, wird aber von keinem Rezept mehr gelesen. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Speiserezept im engeren Sinn, sondern ein Schaustück. Selbst wenn das Material essbar wäre (etwa Mandelmilch mit Hausenblase wie in den Nachbarrezepten), verlangt die Technik ein Standgefäß, eine Aushärtezeit und präzises Schneiden - am Marktfeuer ohne kontrollierte Umgebung nicht sinnvoll leistbar.
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Stand dieser Fassung: 05.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.