Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545
Säubere die Hühner sehr gründlich. Nimm sie ganz oder zerlege sie und gib sie in einen Topf. Gieße nicht viel Gewürzpulver oder Wasser und ein süßes Weinchen daran. Lege ein mildes Schmalz dazu, ebenso Muskatblüte, Zimtpulver und Nelkenpulver. Gieße nicht zu viel davon hinzu, denn sie verkochen sich sehr schnell und sind nichts wert, wenn sie verkocht sind.
Wenn die Hühner schön braun werden und ein ziemliches Süppchen haben, dann serviere sie. Willst du sie süß haben, nimm Zucker oder Trieget dazu.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Huͤner | Hühner | - | Metzger, Supermarkt | - |
| ſtüpplen | Gewürzpulver | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Pfeffer, Ingwer, Nelken, Zimt |
| waſ⸗ſer | Wasser | - | - | - |
| ain ſuͤß Weinlin | Süßer Wein | - | Supermarkt | Lieblicher Weißwein oder Dessertwein |
| ain linds ſchmaltz | Mildes Schmalz | - | Metzger, Supermarkt | Butter oder Pflanzenöl |
| Muſcatblü | Muskatblüte, gemahlen | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Muskatnuss, gerieben |
| Zimmetroͤrn ſtüp | Zimtpulver | - | Supermarkt | - |
| Nagelen ſtüp | Nelkenpulver | - | Supermarkt | - |
| Zucker | Zucker (optional) | - | - | - |
| Trieget | Trieget (optional) | - | - | Zimt-Zucker mit etwas Ingwer und Muskatblüte, nach dem Rezept in std-248. |
Welches Gericht ist das? Ein im Wein-Gewürz-Sud gesottenes Huhn: Die Flüssigkeit reduziert im Topf zu einem knappen Süppchen und bräunt dabei leicht, gewürzt mit Muskatblüte, Zimt und Nelken, am Ende optional mit Zucker oder Trieget gesüßt. Der Druck nennt die Technik ausdrücklich "gesotten" (in Flüssigkeit gegart, nicht angebraten wie beim Schmoren) - am ehesten vergleichbar mit einem heutigen Hühnerfrikassee oder einem in reduziertem Süßwein gegarten Geflügelgericht mit warmen Gewürzen.
Was bedeutet ‚Trieget‘? Der Satzbau verlangt neben Zucker ein weiteres Süßungsmittel - und Staindl sagt selbst, welches: std-248 (‚Triget zuͦmachen‘) stößt weißen Ingwer, Zimtröhren und Muskatblüte zu Pulver und gibt doppelt so viel Zucker dazu. Für den Nachbau mischst du Zimt-Zucker mit etwas gemahlenem Ingwer und Muskatblüte. Die frühere Vermutung ‚eingedickter Sirup oder Honig‘ ist damit hinfällig.
Praxis. Rechne mit rund 60 bis 90 Minuten sanftem Köcheln im geschlossenen Topf, bis das Fleisch gar ist und die Flüssigkeit zu einem kleinen Süppchen eingekocht ist - der Text selbst nennt keine Zeit, nur den Endzustand. Ein zäheres Suppenhuhn der damaligen Zeit brauchte vermutlich länger als ein modernes Masthuhn. Die Warnung vor zu viel Flüssigkeit ist küchenpraktisch begründet: zu lange und zu nass gegartes Hühnerfleisch wird schnell trocken und fad - genau das beschreibt der Text mit "ſie verſieden ſich gar bald". Süßen mit Zucker oder Trieget ist ausdrücklich optional, das Gericht ist in seinem Grundcharakter herzhaft, nicht süß.
Ein gesüßtes Gewürzpulver. Staindl beschreibt die Herstellung im selben Buch: std-248 stößt weißen Ingwer, Zimtröhren und Muskatblüte zu Pulver und gibt doppelt so viel Zucker dazu. Für den Nachbau mischst du Zimt-Zucker mit etwas gemahlenem Ingwer und Muskatblüte - kein Sirup, wie hier früher vermutet wurde.
Ja, gut geeignet. Die Zubereitung im Topf am Feuer ist unkompliziert. Frische Hühner können gekühlt mitgebracht oder morgens auf dem Markt gekauft werden.
Das Rezept nennt spezifisch Muskatblüte, Zimt und Nelken. Wenn du ein allgemeines Gewürzpulver hinzufügen möchtest, wären Pfeffer und Ingwer typische Ergänzungen für die mittelalterliche Küche.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.
Sehr sauber oder gründlich. Im Mittelalter war die Reinigung von Lebensmitteln, insbesondere von Fleisch und importierten Gewürzen, ein wichtiger Schritt der Küchenhygiene.
Ein Topf oder Kochgefäß, nicht zu verwechseln mit einem Mörser.
Allgemeiner Begriff für Gewürzpulver oder gemahlene Gewürze.
Imperativ zu "säubern" (reinigen), nicht zu "sieden" (kochen) - der erste Arbeitsschritt ist das gründliche Reinigen der rohen Hühner, nicht das Kochen.
Mildes Schmalz, oft vom Schwein oder Geflügel. Die Milde deutet auf eine frische, nicht ranzige Qualität hin.
Muskatblüte, auch Macis genannt, ist der Samenmantel der Muskatnuss und hat ein feineres, blumigeres Aroma.
Zimtröhrlein sind Zimtstangen. "Stüp" bedeutet gemahlenes Pulver, also Zimtpulver.
Gewürznelken, benannt nach ihrer nagelähnlichen Form. "Stüp" bedeutet gemahlenes Pulver, also Nelkenpulver.
Ein ‚Trieget‘ ist ein gesüßtes Gewürzpulver. Staindl stellt es in diesem Buch selbst her: std-248 (‚Triget zuͦmachen‘) stößt weißen Ingwer, Zimtröhren und Muskatblüte zu Pulver und gibt doppelt so viel Zucker dazu - und nennt als Verwendung ausdrücklich gebähte Schnitten. ⚠️ Wörterbuchlage: Grimm und Schmeller belegen für ‚triet‘ primär die weingetränkte, mit Gewürz und Zucker bestreute Weißbrotschnitte, also das Brotgericht statt der Würzung. Die trockene Pulver-Bedeutung ist davon unabhängig belegt - im Korpus unter der Schreibung ‚Triet‘ in wo10-013/017/018 (Kunst- und Artzneibuch 1543), außerhalb durch das schweizerische ‚Traes‘/‚Trietolt‘ aus ‚Trisenet‘. Staindls eigener Gebrauch folgt dem Pulver-Zweig. Die frühere Vermutung ‚eingedickter Sirup oder Honig‘ entfiel mit dem Fund von std-248.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| Huͤner | chicken Q864693 |
| waſ⸗ſer | water Q283 |
| Muſcatblü | mace Q1882876 |
| Zimmetroͤrn ſtüp | cinnamon Q28165 |
| Nagelen ſtüp | clove Q15622897 |
| Zucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Trieget
Gewählte Lesart: gesüßtes Gewürzpulver, wie Staindl es in std-248 selbst herstellt
Andere mögliche Lesart:
Garzeit der Hühner
Gewählte Lesart: Der Text nennt keine feste Zeit, nur den Endzustand (Bräunung, reduziertes Süppchen). Als praktische Richtschnur empfehlen sich rund 60 bis 90 Minuten sanftes Köcheln im geschlossenen Topf, mit Garprobe am Fleisch statt fester Uhrzeit.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 11.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.