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Wein im Fass haltbar halten

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen1 FassBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Willst du lange aus einem Fass trinken, ohne dass der Wein verdirbt, lege ein leinenes Tüchlein über den Spund. Lege gekochte Asche darauf und darüber einen grünen Wasen. Nimm auch eine Spindel und stich damit ein Loch hindurch. So bleibt der Wein beständig.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
leinen tuͤchlin Leinenes Tüchlein - - -
geſotnen aſche Gekochte Asche - - -
gruͤnen waſen Grüner Wasen - - -
ſpindet bot Spindel - - -

Welches Gericht ist das? Kein Speise- oder Trinkrezept, sondern eine Kellerhandwerks-Anleitung aus dem Wein-/Essig-Anhang von Buch 8: Leinentuch, gekochte Asche und ein grünes Rasenstück werden schichtweise über dem Spundloch aufgebaut, damit der Wein im Fass haltbar bleibt. Eine lebende Nachfahrenschaft im Sinn eines vergleichbaren Gerichts gibt es nicht - im Grundgedanken, Gärgase kontrolliert entweichen zu lassen, ohne das Fass für Luft und Ungeziefer weit zu öffnen, ähnelt der Aufbau einem modernen Gärspund. Das ist ein Funktions-, kein Technikvergleich: ein heutiger Gärspund arbeitet mit einem Wasserventil, hier übernehmen Tuch, Asche und Rasensode diese Aufgabe als poröser, dämpfender Deckel.

Die Spindel statt der Spundabdeckung. Die frühere Lesart der Stelle 'ſpindet bot ainloch dardurch' ergab ein eigenes Bauteil, eine 'Spundabdeckung mit Loch'. Eine fast wortgleiche Stelle in einem anderen Weinbuch beschreibt aber denselben Tuch-Asche-Wasen-Aufbau und lässt darin mit einer Spindelspitze Löcher stechen, damit schlechter Geruch entweichen kann. Das spricht dafür, dass hier kein zusätzliches Bauteil gemeint ist, sondern ein ohnehin im Haushalt vorhandenes Spinnwerkzeug: Man nimmt eine Spindel und sticht mit ihrer Spitze ein Loch durch die fertige Abdeckung. Der Text ist entsprechend korrigiert.

Praxis. Leinentuch über das Spundloch spannen, eine Schicht gekochte Asche darauf, darüber ein Stück grüne Rasensode. Mit einer Spindel oder einem ähnlich spitzen Werkzeug ein kleines Loch durch alle Schichten stechen, damit Gärgase und Geruch entweichen können, ohne dass das Fass offen steht. Der Aufbau ist für Wochen bis Monate gedacht, keine einmalige Handreichung - ein Vorgang für den Weinkeller, nicht für den Markttisch.

Was ist ein Wasen?

Ein Wasen ist eine dünne Grassode oder Rasennarbe. Im Rezept wird sie über gekochte Asche auf das Leinentuch am Spund gelegt.

Was hat es mit der Spindel und dem Loch auf sich?

Gemeint ist eine gewöhnliche Spindel, mit deren Spitze ein Loch durch die Tuch-Asche-Wasen-Abdeckung über dem Spund gestochen wird. Es handelt sich nicht um ein zusätzliches Bauteil der Fassöffnung, sondern um ein im Haushalt vorhandenes Werkzeug - das kleine Loch lässt Gärgase und Geruch entweichen, ohne das Fass offen zu lassen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Das Verfahren ist Kellerhandwerk für ein Weinfass und auf längerfristige Lagerung ausgelegt, nicht auf eine einzelne Mahlzeit am offenen Feuer.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Wilt du auß ainem Faß Lang trincken / das ſich der wein nit verkert / ſo leg ayn leinen tuͤchlin vber den ſpunt / darauff ain geſotnen aſche auch ain gruͤnen waſen darüber / Nimb auch ayn ſpindet bot ainloch dardurch / ſo bleibt er beſtendig.
gruͤnen waſen

‚Wasen‘ bezeichnet hier eine dünne Grassode oder ein Stück Rasennarbe, das über die Asche gelegt wird.

ſpindet bot

Gemeint ist eine Spindel, mit deren Spitze ein Loch durch die Tuch-Asche-Wasen-Abdeckung gestochen wird - kein eigenes Bauteil der Fassöffnung, sondern ein gewöhnliches Spinnwerkzeug. Eine fast wortgleiche Stelle in einem anderen Weinbuch beschreibt denselben Aufbau und nennt für dieselbe Handlung ausdrücklich eine Spindelspitze zum Lochstechen, damit unangenehme Gerüche entweichen können.

bestendig

‚Beständig‘ meint hier, dass der Wein sich hält und nicht verdirbt.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Anhang: Wie man Essig macht und Wein gut behält
Folio
Fol. 050v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgeſotnen aſche

Gewählte Lesart: Gekochte Asche im wörtlichen Sinn - Asche, die abgekocht wurde.

Andere mögliche Lesart:

  • In Wasser ausgelaugte Asche, im Sinn einer frühen Aschenlauge (Richtung Pottasche). - Eine Parallelstelle in einem anderen Weinbuch nennt für denselben Aufbau nur schlichte Asche ohne Zusatz; ‚gesotten‘ könnte eine buchspezifische Präzisierung sein, die eine zusätzliche Auskoch-Behandlung meint.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 050v (gedruckte Blattzählung L verso), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (scripts/fetch_staindl_kraken.rb, german_print.mlmodel, 112 Scans) - seit 2026-09-01 fuer ALLE acht Buecher (std-001..294) primaer, liest auf diesem Druck deutlich sauberer als die vorherige BSB-Bibliotheks-OCR (Verhältnis 385,8 vs. 93,0, keine der bekannten M/W- und kl/El-Verwechslungen). Die BSB-Bibliotheks-OCR (scripts/fetch_staindl.rb, api.digitale-sammlungen.de/ocr) bleibt als Referenz im Cache, wird aber von keinem Rezept mehr gelesen. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kellerhandwerk statt Lagerküche: Die Methode setzt ein Weinfass, ein dichtes Spundloch und die passende Abdeckung voraus und dient der längerfristigen Weinlagerung.
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Stand dieser Fassung: 04.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.