Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol] · Südwestdeutschland · 1500
Wenn Wein eingeschenkt wird und seine Farbe erhalten bleiben soll, hänge drei Wacholderspäne oder Kornblumen hinein. So bleibt der Wein bei seiner Farbe.
Breite ein Leinentuch über das Spundloch des Fasses. Lege darauf eine zwei Finger dicke Schicht Asche. Auf die Asche kommt ein gutes, grünes Rasenstück mit einer drei Finger dicken Erdschicht. Steche mit einer Spindelspitze drei Löcher hindurch, damit der schlechte Geruch entweichen kann. So bleibt der Wein beständig.
Wird stattdessen eine Abdeckung aus Weidengeflecht gemacht, oder aus Spat, wie man ihn auch für Fenster verwendet, wird der Wein davon gut und schön.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| win | Wein | - | - | - |
| dry wecholter spene oder kornblumen | Wacholderspäne | 3 | Wald, Gewürzhandel | Kornblumen |
| ein lynen duch | Leinentuch | 1 | - | - |
| zweyer finger dicke esche | Asche, zwei Finger dick | - | - | - |
| ein guten grünen wasen, der do driger finger dicke erden habe | grünes Rasenstück, drei Finger dick Erde | - | - | - |
| einer spynnel spitze | Spindel zum Lochstechen | - | - | - |
| weiteschen gehebe ... oder spat | Weidengeflecht | - | - | Spat (Marienglas/Selenit) |
Was leistet dieses Kapitel? Der Text ist eine Handwerksanleitung der Kellermeisterei, kein Speiserezept und kein Prüfverfahren - es wird nichts diagnostiziert, sondern vorbeugend gepflegt. Die vollständige Rubrik lautet 'Wie du den Wein bei seiner Farbe behältst, so du ihn trinkst' - die Maßnahme ist also nicht auf einen einzelnen Vorgang beschränkt, sondern soll den Wein bis zum Trinken, also über die gesamte Lager- und Reifezeit, bei Farbe und Güte halten. Das Kapitel lehrt dafür zwei additive Techniken.
Der erste Teil - drei Wacholderspäne oder Kornblumen ins Fass gehängt - führt zwei chemisch unterschiedliche Stoffe unter einer gemeinsamen Wirkbehauptung: Wacholder liefert vor allem Terpene und wirkt eher allgemein konservierend, während Kornblumenblütenblätter Anthocyane enthalten, also tatsächlich Farbstoffe. Der Text selbst unterscheidet das nicht, sondern nennt beide als gleichwertige Alternativen für den Farberhalt.
Der zweite Teil - Leinentuch, eine zwei Finger dicke Ascheschicht und ein drei Finger dickes Rasenstück über dem Spundloch, mit drei durchgestochenen Löchern - ergibt als atmungsaktive, gleichzeitig schützende Abdeckung für ein bereits lagerndes Fass Sinn. Drei kleine Löcher könnten die Gasmenge einer aktiven Traubenmostgärung kaum bewältigen; sie passen eher zu einem weitgehend durchgegorenen, nachgärenden oder ruhig lagernden Wein.
Der dritte Teil nennt Weidengeflecht oder das Mineral Spat (vermutlich Marienglas/Selenit, auch als Fensterwerkstoff genutzt) als Alternativabdeckung. Der Text schließt, der Wein werde davon 'gäbe und schön' - marktgängig und von guter Beschaffenheit, nicht 'klar': eine außen aufliegende Abdeckung kann den Wein im Fass nicht filtrieren, das wäre auch mechanisch nicht zu erwarten.
Vergleich mit Hirnkofen 1478. Für den ersten Teil gibt es eine Teilentsprechung: Auch Hirnkofen hängt bei Gärbeginn Wacholderholzspäne in den Most und entfernt sie nach Gärende wieder - dieselbe Handwerkstechnik, aber ein anderer Zweck. Bei Hirnkofen geht es um generellen Verderbnisschutz während der Gärung, hier ausdrücklich um Farberhalt beim Einschenken und Servieren. Für die Spundloch-Abdeckung aus Tuch, Asche und Rasen sowie für die Weidengeflecht/Spat-Alternative findet sich bei Hirnkofen keine Entsprechung.
Praxis. Der Text beschreibt hausinterne Fasspflege, keinen einmaligen Handgriff: Wacholder oder Kornblumen kommen beim Einschenken ins Fass, die Tuch-Asche-Rasen-Abdeckung bleibt vermutlich so lange auf dem Spundloch liegen, wie der Wein lagert oder nachgärt. Es ist eine poröse, absorbierende Konstruktion, die den Gasaustausch dämpft, aber nicht wie ein modernes Ventil gerichtet steuert.
Die Konstruktion lässt schlechte Gase aus dem Fass entweichen, ohne das Fass für Luft und Insekten weit zu öffnen. Die drei mit einer Spindel gestochenen Löcher sind offene, feste Öffnungen ohne Ventilmechanismus - anders als ein moderner Gärspund, der über ein Wasserventil Außenluft aktiv blockiert. Tuch, Asche und Rasenstück wirken zusammen eher wie ein poröser, dämpfender Deckel: Druck und Geruch können entweichen, während die mehrschichtige Abdeckung vor Insekten und grober Verschmutzung schützt.
Der Text nennt keine feste Dauer. Es handelt sich um eine dauerhafte Fasspflege-Maßnahme, die vermutlich so lange bestehen blieb, wie der Wein im Fass lagerte oder nachgärte, nicht um einen einmaligen, zeitlich begrenzten Vorgang.
Gemeint ist vermutlich Marienglas oder Frauenglas, ein durchscheinendes Mineral (Selenit), das vor der breiten Verfügbarkeit von Fensterglas in dünnen Platten als Fensterwerkstoff diente. Als Fassabdeckung genutzt, sollte es ähnlich wie Weidengeflecht eine schützende, aber nicht völlig blickdichte Barriere bilden.
Dieses Rezept stammt aus dem Weinbuch im Codex Donaueschingen (um 1500 - nach Ankenbrand zwischen 1484 und 1509, Südwestdeutschland). 118 durchnummerierte Kapitel zur Kellermeisterei: Traubenlese, Treten, Fassbereitung, Gärung, Verderbniszeichen, Wiederherstellung verdorbenen Weins, Abziehen, Farbe und Geschmack ändern, Essigherstellung, Bierbewahrung. Nach Ankenbrand Teile aus Gottfried von Frankens Pelzbuch mit zahlreichen Erweiterungen; die Zusätze gelten als wertvolle Ergänzungen zur Kenntnis der spätmittelalterlichen südwestdeutschen Kellermeisterei. Systematischer Parallelbestand zu Hirnkofen 1478.
Hier als 'Späne' im Sinn von kleinen Wacholderholzstückchen gelesen, die man zur Konservierung ins Weinfass hängt.
Im Fasskontext als 'Spundloch' gelesen, die Öffnung im Fassdeckel, durch die man Wein einfüllt oder abzapft. Das Wort wird im wbd auch für die untere Ablassöffnung (Zapfloch) verwendet - welche Fassöffnung gemeint ist, ergibt sich jeweils aus dem Kontext, hier eindeutig das Spundloch, über das Tuch, Asche und Rasen gelegt werden.
Ein 'Wasen' ist ein Stück Rasen mit anhaftender Erde, hier als Teil einer luftdurchlässigen, aber schützenden Abdeckung genutzt.
Vermutlich Marienglas oder Frauenglas, ein durchscheinendes Mineral (Selenit-Gips), das im Mittelalter statt Glas für Fenster verwendet wurde.
Hier als 'Gestell' oder 'Abdeckung' gelesen, eine Konstruktion über der Fassöffnung.
Als mhd./fnhd. 'gäbe' gelesen (marktgängig, von guter Beschaffenheit - vgl. 'gang und gäbe'), nicht als 'klar, durchsichtig'. 'Gebe vnde schoene' ist ein formelhaftes Qualitäts-Doppel, keine Aussage über optische Klärung des Weins.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| win | wine Q282 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
puncten
Gewählte Lesart: Als 'Spundloch' gelesen, die Fassöffnung, über die das Leinentuch gespannt wird - das ergibt im Kontext von Fass, Asche und Rasen den einzig sinnvollen Sinn.
spene
Gewählte Lesart: Als 'Späne' im Sinn von kleinen Holzstückchen/Splittern des Wacholders gelesen, die man ins Fass hängt.
Andere mögliche Lesart:
weiteschen gehebe / spat
Gewählte Lesart: Als zwei alternative Materialien für eine Abdeckung der Fassöffnung gelesen: Weidengeflecht oder das Mineral Spat (Marienglas), das auch für Fenster verwendet wurde.
Andere mögliche Lesart:
gebe
Gewählte Lesart: Als fnhd. 'gäbe' gelesen, im Sinn von 'marktgängig, wohlgefällig, von guter Beschaffenheit' (vgl. die bis heute gebräuchliche Wendung 'gang und gäbe'). 'Gebe vnde schoene' ist ein formelhaftes Qualitäts-Doppel, keine Aussage über optische Klarheit.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 04.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.