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Rotfärbung des Weins beheben

Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol] · Südwestdeutschland · 1500

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit60 Min.PortionenMenge je nach zu behandelndem WeinfassBuchWeinbuch im Codex Donaueschingen (~1500)

Rinderknochen, zu Asche gebrannt: das ist besonders gut für Wein, der rot geworden ist.

Branntwein wirkt auf einen klaren Wein zwiespältig: er kann ihn verderben, aber ebenso gut verbessern.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Rindes bein Rinderknochen - Metzger -
wine, der do rot ist worden Wein, rot geworden - - -
Gebrant win Branntwein - - -

Was leistet dieses Kapitel? Kapitel 27 des Weinbuchs ist keine Speisezubereitung, sondern eine Handwerksanleitung aus der Kellermeisterei: Es behandelt einen konkreten Weinfehler - eine unerwünschte Rotfärbung eines eigentlich helleren Weins - und nennt ein Gegenmittel, gebrannte Rinderknochenasche. Ein zweiter, angehängter Satz warnt vor der zwiespältigen Wirkung von Branntwein auf klaren Wein.

Was der Text nicht sagt. Der fnhd-Text behauptet nur, dass die Knochenasche „besonders gut ist für“ den rot gewordenen Wein - weder die Handlung (die Asche dem Wein zugeben) noch ein Wirkmechanismus (dass sich die Farbe auszieht oder der Wein dadurch klart) stehen im Transkript. Das ist ein für die Gattung typischer knapper Merksatz, kein ausformuliertes Verfahren.

Vergleich mit Hirnkofen 1478. Sachlich vergleichbar ist Hirnkofens Weinbuch von 1478, das in seinem Abschnitt zur Wiederherstellung verdorbenen Weins Reb- und Eichenrindenasche als Klärmittel nennt: gut gesiebt, mit Wein zu einem dünnen Brei angerührt, um den Wein zu klären. Dieselbe Technikfamilie - kalzinierte Asche als Klärmittel - findet sich hier mit Rinderknochenasche statt Pflanzenasche wieder; dieses spezielle Ausgangsmaterial ist bei Hirnkofen selbst nicht belegt, nur das Verfahren als solches.

Praxis. Kalzinierte Knochenasche liefert vor allem alkalisches Calciumoxid beziehungsweise Calciumphosphat, das mit den Säuren im Wein reagieren und beim Ausfällen Trüb- und Farbstoffe mitreißen kann - eine plausible Erklärung dafür, warum eine solche Ascheeinlage klärend wirken konnte, auch wenn der historische Text selbst keinen Mechanismus nennt. Konkrete Mengen, Einwirkzeit oder das Abziehen des geklärten Weins vom Bodensatz fehlen im Text vollständig; als eigenständige Anleitung ist das Kapitel damit nicht ausführbar, sondern ein knapper fachlicher Merksatz für Leser, die das Verfahren bereits kannten.

Wo bekomme ich Rinderknochen für die Asche?

Rinderknochen bekommt man beim Metzger, oft sogar kostenlos oder sehr günstig als Suppenknochen. Zum Kalzinieren müssen sie stark erhitzt werden, bis nur noch weiße Asche übrig bleibt, ein Vorgang, der deutlich heißer und länger dauert als normales Kochen.

Was bedeutet 'gebrant win' im Text?

'Gebrant win' meint Branntwein, also destillierten Wein. Der Begriff bezeichnet nicht etwa verbrannten oder angebrannten Wein, sondern das durch Brennen (Destillation) gewonnene hochprozentige Getränk.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Weinbuch im Codex Donaueschingen (um 1500 - nach Ankenbrand zwischen 1484 und 1509, Südwestdeutschland). 118 durchnummerierte Kapitel zur Kellermeisterei: Traubenlese, Treten, Fassbereitung, Gärung, Verderbniszeichen, Wiederherstellung verdorbenen Weins, Abziehen, Farbe und Geschmack ändern, Essigherstellung, Bierbewahrung. Nach Ankenbrand Teile aus Gottfried von Frankens Pelzbuch mit zahlreichen Erweiterungen; die Zusätze gelten als wertvolle Ergänzungen zur Kenntnis der spätmittelalterlichen südwestdeutschen Kellermeisterei. Systematischer Parallelbestand zu Hirnkofen 1478.

27. Do wine rot ist worden. Rindes bein zu eschen gebrant, daz ist sunderliche gut zu dem wine, der do rot ist worden. Gebrant win machet einen lutern wine böse vnd auch gut.
eschen

Asche, hier aus gebrannten Rinderknochen. Knochenasche wirkte als Klärmittel, das Trüb- und Farbstoffe im Wein binden und ausfällen konnte.

rot ist worden

Gemeint ist hier ein Farbfehler: ursprünglich hellerer Wein, der sich unerwünscht rötlich verfärbt hat, nicht die Rebsorte Rotwein.

Gebrant win

Branntwein, also destillierter Wein. Der Begriff war im 15./16. Jahrhundert der übliche Ausdruck für gebrannten, also destillierten Wein.

lutern wine

Klarer, ungetrübter Wein, im Gegensatz zum trüben oder verfärbten Wein aus dem ersten Satz.

gebrant (Doppeldeutigkeit)

Das Kapitel nutzt „gebrant“ zweimal in verschiedenen Bedeutungen: „zu eschen gebrant“ meint wörtlich verbrannt beziehungsweise kalziniert (die Knochen werden zu Asche gebrannt), während „Gebrant win“ den Fachterminus für destillierten Wein (Branntwein) bezeichnet. Beide Bedeutungen im selben kurzen Text sind leicht zu verwechseln.

böse

Hier im Sinn von „schädlich, verdorben“, nicht im modernen Sinn von „zornig“ oder moralisch schlecht - ein klassischer falscher Freund zwischen dem Frühneuhochdeutschen und dem heutigen Deutsch.

Handschrift
Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol]
Folio
Fol. 184r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (südrheinfränkisch, um 1500)
Entstehung
Südwestdeutschland, 1500

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Gebrant winbrandy Q146470

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartrot ist worden

Gewählte Lesart: Verstanden als Farbfehler: der Wein hat sich unerwünscht rötlich verfärbt, ein Fehler, den man mit Knochenasche behandelt.

Andere mögliche Lesart:

  • Einfach 'Rotwein' als Sorte - Wörtlich könnte 'rot worden' auch schlicht heißen, dass es sich um Rotwein handelt. Im Kontext eines Fehler-behebenden Weinbuchs ist die Fehlton-Lesart aber naheliegender, da eine Sorte nicht nachträglich 'wird', sondern von Anfang an ist.

Originalwerk (~1500) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 184r, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Donaueschingen 787 ("Weinbuch im Codex Donaueschingen", wbd, südrheinfränkisch, um 1500) - Public Domain Mark 1.0
Transkription
Uni Giessen (Gloning) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
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Stand dieser Fassung: 05.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.