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Schimmeligem Wein mit Salbei und Quendel helfen

Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol] · Südwestdeutschland · 1500

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit30 Min.PortionenFür 1 Fass Wein, Menge variabelBuchWeinbuch im Codex Donaueschingen (~1500)

Willst du einem schimmeligen Wein helfen, dass ihm der schlechte Geschmack vergeht, dann lass ihn in ein reines Fass laufen.

Hänge ein Büschel Salbei und Quendel hinein, das zuvor fein gestoßen, gesotten und getrocknet wurde und in ein leinenes Tuch eingebunden ist. So wird der Wein wieder wohlschmeckend.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
schymmeligen win Schimmliger Wein - - -
ein buschelin salbeyen Salbei, zusammen mit Quendel gebündelt 1 Bund - -
queren Quendel - Gewürzhandel, Wochenmarkt, oder Wildsammlung im Sommer Gartenthymian, wenn Feldthymian nicht erhältlich ist

Was leistet dieses Kapitel? Eine Kellermeisterei-Reparaturanleitung, kein Speiserezept: Ausgangspunkt ist bereits schimmelig riechender Wein. Das Verfahren in drei Schritten - Umfüllen in ein sauberes Fass, dann ein zerstoßenes, gesottenes und getrocknetes Kräuterbüschel aus Salbei und Quendel, in Leinen gebunden, ins Fass hängen. Einziger im Text genannter Erfolgsmaßstab: Der Wein soll wieder 'wol smackende' werden - wieder wohlschmeckend, nicht bloß überdeckt.

Warum Salbei und Quendel? Beide Kräuter enthalten kräftige ätherische Öle (u. a. Thymol und Carvacrol im Quendel, Cineol und Thujon im Salbei), die stark riechen und einen Fehlgeruch im Fass überdecken können - das macht nachvollziehbar, warum die Methode aus zeitgenössischer Sicht funktioniert haben dürfte. Eine Unstimmigkeit bleibt dabei offen: Die Kräuter werden laut Text vor dem Einbinden erst gekocht ('gesotten') und dann getrocknet ('gederret') - beide Schritte treiben einen Teil eben jener ätherischen Öle aus, die für die Wirkung sorgen sollten. Warum dieser Umweg gewählt wurde, sagt der Text nicht - das bleibt eine offene Frage, keine aufgelöste.

Wichtig, unrelativiert: Das Rezept überdeckt den Fehlgeruch des Weins mit Kräutern, beseitigt aber nicht dessen Ursache. Schimmelbefall in Lebensmitteln und Getränken kann Mykotoxine hinterlassen, die durch Geruchsüberdeckung nicht entfernt werden - unabhängig davon, wie gut der Wein hinterher riecht oder schmeckt. Das ist kein Vorwurf an den mittelalterlichen Verfasser, dem der Zusammenhang zwischen Schimmelpilzen und ihren Stoffwechselprodukten unbekannt war, und keine Aussage über die tatsächliche Toxizität des hier konkret beschriebenen Falls - der Text gibt dafür keine Handhabe.

Vergleich mit Hirnkofen 1478. Gattungs- und technikmäßig verwandt, aber keine rezeptgenaue Entsprechung: Hirnkofens Weinbuch beschreibt an mehreren Stellen dieselbe Grundtechnik - ein Leinensäckchen mit aromatischen Substanzen in Most oder Fass gehängt, das Wein vor Verderb schützt oder bereits verdorbenen Wein wiederherstellt (Hopfen-, Roggen- oder Traubenblüten; gemahlener Senf drei Tage im Wein aufgehängt). Die konkrete Kombination Salbei und Quendel gegen Schimmelgeruch findet sich dort nicht - Salbei taucht bei Hirnkofen nur als eigenständiger Kräuterwein auf, nicht als Reparaturmittel für verdorbenen Wein.

Praxis. Der Wein wird zunächst umgefüllt, danach hängt das vorbereitete Kräutersäckchen im neuen Fass. Wie lange es dort bleibt, sagt der Text nicht - vergleichbare Säckchen-Verfahren bei Hirnkofen (Senf, drei Tage) legen eine Größenordnung von mehreren Tagen nahe, das ist aber ein Analogieschluss aus einem anderen Buch, keine Angabe aus wbd-024 selbst.

Wo bekomme ich Quendel?

Quendel, auch Feldthymian genannt, findet sich getrocknet im Gewürz- oder Kräuterhandel, manchmal auf dem Wochenmarkt. Wer keinen findet, kann ersatzweise gewöhnlichen Gartenthymian verwenden, der geschmacklich sehr ähnlich ist.

Wie lange muss der Kräuterbeutel im Fass hängen?

Der Originaltext nennt keine Zeitspanne - aus wbd-024 selbst lässt sich die Dauer nicht ableiten. Vergleichbare Kräuterbeutel-Verfahren in anderen Weinbüchern der Zeit, etwa bei Hirnkofen (1478), blieben mehrere Tage im Fass; das ist aber ein Analogieschluss aus einem anderen Buch, keine Angabe aus diesem Rezept.

Was bedeutet 'schymmeligen win' im Rezept?

Gemeint ist Wein, der durch Schimmelbefall im Fass einen muffigen, unangenehmen Geruch und Geschmack angenommen hat, ein häufiges Problem bei undichten Holzfässern oder feuchter Kellerlagerung. Der Text beansprucht, dass der Wein durch das Kräuterverfahren wieder wohlschmeckend wird ('wol smackende'), nicht bloß, dass der Fehlgeruch kurzzeitig überdeckt wird.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Weinbuch im Codex Donaueschingen (um 1500 - nach Ankenbrand zwischen 1484 und 1509, Südwestdeutschland). 118 durchnummerierte Kapitel zur Kellermeisterei: Traubenlese, Treten, Fassbereitung, Gärung, Verderbniszeichen, Wiederherstellung verdorbenen Weins, Abziehen, Farbe und Geschmack ändern, Essigherstellung, Bierbewahrung. Nach Ankenbrand Teile aus Gottfried von Frankens Pelzbuch mit zahlreichen Erweiterungen; die Zusätze gelten als wertvolle Ergänzungen zur Kenntnis der spätmittelalterlichen südwestdeutschen Kellermeisterei. Systematischer Parallelbestand zu Hirnkofen 1478.

25. Wiltu eym schymmeligen win helffen. Wiltu eym schymmeligen win helffen, daz yme der gesmag verget, so laz in in eyn reine faß vnd hencke darin ein buschelin salbeyen vnd queren cleine gestoßen vnd gesotten vnd gederret in eym lynen duche, so wirt der win wol smackende.
schymmeligen

Schimmelig, muffig riechend - Grimms Wörterbuch belegt 'mucor . . schymmelig' direkt. Bezieht sich auf einen Weinfehler durch Schimmelbildung im Fass, ein häufiges Problem bei feuchter oder undichter Lagerung.

buschelin

Kleines Büschel oder Bündel, hier aus Kräutern gebunden.

salbeyen

Salbei (Salvia officinalis), kräftig aromatisches Küchen- und Heilkraut.

queren

Quendel, wildwachsender Feldthymian (Thymus serpyllum). Die Form 'queren' geht vermutlich auf eine r/n-Verwechslung zurück - wörterbuchbelegte Parallelformen wie 'quenel' (Lexer, Diefenbach, Wörterbuch des Mittellateins) und 'kunel' (Wülcker, dort zu 'serpulum') bezeichnen eindeutig Quendel und werden oft zusammen mit Salbei in Weinbehandlungsrezepten genannt.

lynen duche

Leinenes Tuch, in das die gestoßenen, gesottenen und getrockneten Kräuter eingebunden werden, ähnlich einem Gewürzsäckchen.

gederret

Getrocknet.

Handschrift
Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol]
Folio
Fol. 184r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (südrheinfränkisch, um 1500)
Entstehung
Südwestdeutschland, 1500

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ein buschelin salbeyencommon sage Q1111359

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartschymmeligen

Gewählte Lesart: Schimmelig, muffig riechend - der Bezug zum modernen 'schimmelig' und der folgende Nebensatz ('daz yme der gesmag verget' = damit ihm der schlechte Geruch/Geschmack vergeht) stützen diese Lesart eindeutig. Grimms Wörterbuch belegt unter 'schimmelig' direkt die lateinische Glosse 'mucor . . schymmelig' - 'mucor' bedeutet Schimmel, die Bedeutung ist damit wörterbuchfest.

Lesartqueren

Gewählte Lesart: Quendel (wilder Feldthymian), eine zeittypische Kräuterkombination mit Salbei in Weinbehandlungsrezepten. Die Lesart ist mehrfach wörterbuchgestützt: Lexer, Diefenbach und das Wörterbuch des Mittellateins führen 'quenel'/'quendel' als Quendel-Synonym, Wülcker belegt 'kunel' zu lateinisch 'serpulum' ebenfalls als Quendel. Der Buchstabenwechsel r/n zwischen 'queren' und diesen Belegformen ist eine in Handschriften dieser Art gängige Verlesung. Grammatisch passt 'queren' zudem parallel zu 'salbeyen' als schwache Genitiv-Pluralform.

Originalwerk (~1500) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 184r, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Donaueschingen 787 ("Weinbuch im Codex Donaueschingen", wbd, südrheinfränkisch, um 1500) - Public Domain Mark 1.0
Transkription
Uni Giessen (Gloning) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
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Stand dieser Fassung: 04.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.