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Gans, gekocht oder gebraten

Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum · Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz · 1433

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit60 Min.Portionen6-8 PersonenBuchRegistrum Coquine (~1433)

Nimm eine Hausgans und bereite sie wie üblich vor. Lasse sie gut kochen, zusammen mit Rindfleisch. Wenn es dir gefällt, brate sie stattdessen; das ist gesünder. Danach nimm Knoblauch und zerstoße ihn gut in einem Mörser mit Brotkrümeln. Gib die Mischung durch ein Sieb und lasse sie zusammen aufkochen. Füge Anis zur Brühe hinzu. Gieße diese ganze Mischung über das Fleisch und die Gans. Wenn du die Gans jedoch braten möchtest, fülle die gesamte Masse in die Gans. Und lasse sie recht sanft garen, für Ungarn und Slawen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
aucham domesticam Hausgans - Metzger -
carnibus vaccinis Rindfleisch - - -
alleum Knoblauch - - -
micis panis Brotkrümel - - -
anisum Anis - - -

Welches Gericht ist das? Eine Gans in zwei Garweisen - gekocht (mit Rindfleisch im Sud) oder gebraten - dazu eine kräftige Knoblauch-Sauce auf Brotbindung mit Anis. Die Sauce ist im Korpus eng verwandt mit der „Galray"-Knoblauchsauce zur gebratenen Gans (m384-039): dort wie hier Knoblauch und Weißbrot zu gleichen Teilen im Mörser zerstoßen und passiert. Die Brotbindung ist das mittelalterliche Bindemittel schlechthin, lange vor der Mehlschwitze.

Kochen oder braten. fac eam bene bullire cum carnibus vaccinis - die gekochte Variante zieht im Sud mit Rindfleisch, das die Brühe kräftigt. si placet fac eam rostire, et sanius est - das Braten gilt dem Autor als „gesünder". Bei der gebratenen Gans wandert die Knoblauch-Masse als Füllung ins Tier (mitte illam materiam totam intus).

per stamigniam. Die gemörserte Knoblauch-Brot-Masse wird durch ein feines Tuch oder Sieb passiert - der Standard-Griff für eine glatte, „höfische" Saucenkonsistenz.

fac eam modicum plane. plane ist im Registrum ein Gar-Adverb, kein „schlicht/einfach": dasselbe Wort steht beim Spanferkel (fac valde plane rostire, „brate es recht gleichmäßig durch") und bei der Frittata (fac plane coquere, „gare sie sanft"). Gemeint ist also „lasse sie ruhig und gleichmäßig durchgaren", nicht eine vereinfachte Zubereitung. Der Zusatz pro hungaris et Sclauonibus ist die übliche Personen-/Regionen-Widmung des Buches.

Praxis. Gans entweder im großen Kessel mit einem Stück Rindfleisch weich kochen oder am Spieß braten (rechne mehrere Stunden). Für die Sauce eine Handvoll Knoblauchzehen mit etwa gleich viel eingeweichtem Weißbrot im Mörser zu Brei stoßen, durch ein Sieb streichen, mit etwas Bratensud oder Brühe und einer Prise Anis kurz aufkochen. Über die gekochte Gans gießen - oder bei der Bratgans als Füllung verwenden.

Wo bekomme ich eine Gans?

Eine ganze Hausgans erhältst du am besten beim Metzger deines Vertrauens oder auf dem Wochenmarkt, oft auf Vorbestellung, besonders außerhalb der Weihnachtszeit.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist grundsätzlich lagerküchentauglich. Die Gans kann entweder in einem großen Kessel gekocht oder an einem Spieß über offenem Feuer gebraten werden. Beachte, dass die Zubereitung einer ganzen Gans viel Zeit und Brennholz erfordert.

Was bedeutet 'modicum plane. pro hungaris et Sclauonibus' im Rezept?

Diese Anmerkung bedeutet ‚ein wenig schlicht/einfach, für Ungarn und Slawen‘. Sie deutet darauf hin, dass die beschriebene Füllung oder Sauce (mit Knoblauch, Brotkrümeln und Anis) weggelassen werden kann, um eine einfachere Version des Gerichts zu erhalten, die an die Geschmäcker dieser Regionen angepasst ist.

Was ist ein 'Mörser' - brauche ich einen Mörser und Stößel?

Im mittelalterlichen Kochkontext ist ein 'Mörser' oft ein großer Fleischmörser, der zum Zerstoßen von Fleisch, Nüssen oder wie hier Knoblauch und Brotkrümeln zu einer feinen Paste verwendet wurde. Für dieses Rezept kannst du einen modernen Küchenmixer oder Food Processor verwenden, um die Knoblauch-Brotkrümel-Mischung herzustellen. Wer authentisch arbeiten möchte, benötigt einen großen Granit-Mörser mit schwerem Stößel.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Registrum Coquine (Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz). Das älteste erhaltene Kochbuch eines namentlich bekannten päpstlichen Küchenmeisters. Johannes von Bockenheim kochte ab 1417 für Papst Martin V.; sein Registrum (~1431-1435) verzeichnet 80 Rezepte mit Angaben, für welche Nationalitäten oder Stände sie geeignet sind - für Italiener, Deutsche, Böhmen, Frauen, Adelige, Söldner, Mönche u.v.m. Das macht es zum einzigen mittelalterlichen Kochbuch mit expliziter Zielgruppenzuordnung.

Ad preparandum aucham domesticam. Recipe eam, et prepara ut moris est, Et fac eam bene bullire, cum carnibus vaccinis. Et si placet fac eam rostire, et sanius est. post hoc recipe alleum, Et pista bene in mortario, cum micis panis, Et mitte per stamigniam, et dimitte simul bulire, Et mitte ad brodium anisum, Et mitte illam temperaturam totam super carnes, Et aucham, Sed si vis eam rostire, tunc mitte illam materiam totam intus. Et fac eam modicum plane. pro hungaris et Sclauonibus.
stamigniam

Ein feines Tuch oder Sieb zum Passieren von Saucen und Pürees - Standard für eine glatte, feine Konsistenz.

fac eam modicum plane

plane ist hier ein Gar-Adverb („gleichmäßig/sanft durchgaren"), nicht „schlicht/einfach". Dasselbe Wort steht im Buch beim Spanferkel (fac valde plane rostire) und bei der Frittata (fac plane coquere) - jedes Mal eine Aussage über die Garweise, nicht über die Schlichtheit des Gerichts.

et sanius est

„und es ist gesünder" - das Braten wird als bekömmlicher eingestuft als das Kochen, eine humoralpathologisch begründete Wertung der Zeit.

Handschrift
Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum
Folio
fol. 70v
Sprache
Mittellatein (frühes 15. Jh.)
Entstehung
Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz, 1433

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

carnibus vaccinisbeef Q192628
alleumgarlic Q21546392
anisumanise Q33873455

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartfac eam modicum plane

Gewählte Lesart: „lasse sie recht sanft / gleichmäßig garen". plane ist im Registrum durchgehend ein Adverb der Garweise (vgl. fac valde plane rostire beim Spanferkel, fac plane coquere bei der Frittata), nicht „schlicht/einfach". Die frühere Lesart als vereinfachte Zubereitung lässt sich am Korpus nicht halten.

Originalwerk (~1433) gemeinfrei.

Bildquelle
BnF Ms. Latin 7054, fol. 70v/71r (Gallica ark:/12148/btv1b10035736w, f71) - Domaine public Quelle öffnen
Transkription
Robert Maier (Hg.): Das Registrum Coquine des Johannes von Bockenheim, Monumenta culinaria 3, GEB Gießen 2013 - CC BY-NC-SA 3.0 (urn:nbn:de:hebis:26-opus-93375) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im großen Kessel gekocht oder am Spieß gebraten - beides am Lager machbar. Eine ganze Gans braucht viel Zeit und Brennholz; die Knoblauch-Sauce wird im Topf nebenbei aufgekocht.
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Stand dieser Fassung: 23.06.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.