Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450
Nimm halbierte Eier.
Auch aus den halbierten Eiern forme daraus Kügelchen, die wie kleine Eier aussehen. Schneide sie mit einem Haar (einem dünnen Faden) voneinander und färbe sie ein wenig in Milch. Gib sie dann in Essig und Petersilie, oder in eine Suppe deiner Wahl, oder in eine Sauce.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Gehabierti aiger / ayer | Eier | - | - | - |
| milch | Milch | - | - | - |
| essich | Essig | - | - | - |
| peterlin | Petersilie | - | - | - |
| supen | Suppe (optional) | - | - | - |
| saelcz | Sauce (optional) | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Zwei Varianten einer einfachen Ei-Beilage: halbierte, gekochte Eier sowie aus Eiern geformte, eiförmige Kügelchen - beide serviert in Essig-Petersilie, wahlweise in einer Suppe oder Sauce. Die halbierten Eier entsprechen im Prinzip dem bis heute bekannten Ei in saurer Kräutersauce als Suppen- oder Salatbeilage. Für die Kügelchen-Variante gibt es keinen direkten heutigen Nachfahren, aber sie gehört zur selben Familie von Form-Gerichten wie die Kalbfleischkügelchen in ka1-057 aus demselben Buch.
Kügelchen aus Eiern. Der Text nennt kein Bindemittel und keine Formmethode für die Kügelchen - vermutlich wird zerdrücktes Eigelb (möglicherweise mit etwas Eiweiß) zu kleinen, eiförmigen Kugeln gepresst. Das ist eine echte Lücke im Originaltext, die hier offen bleibt, statt mit einer erfundenen Methode gefüllt zu werden.
Schneiden „mit Haar“. „schnid mit haur von en ander“ heißt wörtlich: mit einem Haar (einem dünnen Faden) voneinander trennen. Das ist keine bildliche Redewendung für hauchdünnes Schneiden, sondern eine reale, bis heute gebräuchliche Küchentechnik: weiche, klebrige Speisen wie Ei oder Käse lassen sich mit einem Haar oder Faden statt mit einer Messerklinge sauber trennen, ohne dass das Eigelb verschmiert oder die Kügelchen aneinanderkleben.
Färben in Milch. „farb die in der milch ain wenig“ heißt: die Eier ein wenig in Milch färben/tönen. Der Text nennt kein Hitzeverfahren - ob damit ein kurzes Eintauchen ohne Erwärmen oder ein leichtes Erwärmen gemeint ist, bleibt offen; ein Pochieren oder anderes Garverfahren ist im Wortlaut nicht belegt.
Praxis. Eier hart kochen, dann halbieren oder das Eigelb zu kleinen Kugeln formen und mit einem dünnen Faden (statt Messer) voneinander trennen. Kurz in kalte Milch tauchen, dann in Essig mit gehackter Petersilie anrichten - alternativ in eine Suppe oder Sauce geben. Am Feuer/Stand machbar, durch das Formen und Trennen der Kügelchen aber etwas zeitaufwändiger als eine reine Kalt-Beilage.
Wörtlich steht dort: mit einem Haar (einem dünnen Faden) voneinander trennen. Das ist keine bildliche Redewendung, sondern eine reale, bis heute gebräuchliche Küchentechnik: weiche Speisen wie Eier oder Käse lassen sich mit einem Haar oder Faden statt mit einer Messerklinge sauber teilen, ohne dass Eigelb verschmiert oder Kügelchen aneinanderkleben. Ganz sicher lässt sich die ungewöhnliche Formulierung nicht auflösen, aber diese wörtliche Lesart ist besser belegt als die früher vermutete Redewendung für 'hauchdünn'.
'farb die in der milch ain wenig' heißt wörtlich: färbe/töne sie ein wenig in Milch. Das Verb 'farb' bezeichnet einen Färbe- oder Tönungsvorgang, kein Kochverfahren - der Text nennt kein Erhitzen. Ob damit ein kurzes Eintauchen ohne Hitze oder ein leichtes Erwärmen gemeint ist, bleibt offen.
Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Eier, Milch, Essig und Petersilie sind robuste Zutaten, die sich gut lagern und transportieren lassen. Die halbierten Eier sind schnell fertig; die Kügelchen-Variante braucht durch das Formen und Trennen etwas mehr Handarbeit, ist aber ebenfalls am offenen Feuer machbar.
Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).
Vermutlich ‚halbierte Eier‘ - eine lexikalisch nicht abschließend gesicherte Lesart (‚gehabiert‘/‚habieren‘ ist außerhalb dieser Stelle nicht belegt), aber im Rezeptkontext (halbierte vs. zu Kügelchen geformte Eier) durchgängig plausibel.
Wörtlich ‚mit einem Haar voneinander trennen‘. MHDBDB bestätigt ‚haur‘ als Schreibvariante von ‚hâr‘ (Haar). Das Trennen weicher Speisen mit einem Haar oder Faden statt einem Messer ist eine real belegte, bis heute genutzte Küchentechnik - keine gesicherte Redewendung für ‚hauchdünn‘.
‚Färbe sie ein wenig in Milch‘. ‚farb‘ ist als Färbe-/Tönungsverb belegt, nicht als Kochverfahren - ob ein kurzes Eintauchen ohne Hitze oder ein leichtes Erwärmen gemeint ist, bleibt offen.
‚Suppe‘. Hier als eine der möglichen Servieroptionen für die zubereiteten Eier genannt.
‚Sauce‘. Eine weitere Servieroption für die Eier, neben Essig-Petersilie oder Suppe.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
schnid mit haur von en ander
Gewählte Lesart: Mit einem Haar (einem dünnen Faden) voneinander trennen - eine reale Küchentechnik zum sauberen Zerteilen weicher Speisen ohne Messer.
Andere mögliche Lesart:
farb die in der milch ain wenig
Gewählte Lesart: Die Eier ein wenig in Milch färben/tönen (Eintauchen ohne Hitze).
Andere mögliche Lesart:
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