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Halbierte Eier und Eierkügelchen

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

BeilageBeilageLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit25 Min.Portionen4 PersonenBuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Nimm halbierte Eier.

Auch aus den halbierten Eiern forme daraus Kügelchen, die wie kleine Eier aussehen. Schneide sie mit einem Haar (einem dünnen Faden) voneinander und färbe sie ein wenig in Milch. Gib sie dann in Essig und Petersilie, oder in eine Suppe deiner Wahl, oder in eine Sauce.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
Gehabierti aiger / ayer Eier - - -
milch Milch - - -
essich Essig - - -
peterlin Petersilie - - -
supen Suppe (optional) - - -
saelcz Sauce (optional) - - -

Welches Gericht ist das? Zwei Varianten einer einfachen Ei-Beilage: halbierte, gekochte Eier sowie aus Eiern geformte, eiförmige Kügelchen - beide serviert in Essig-Petersilie, wahlweise in einer Suppe oder Sauce. Die halbierten Eier entsprechen im Prinzip dem bis heute bekannten Ei in saurer Kräutersauce als Suppen- oder Salatbeilage. Für die Kügelchen-Variante gibt es keinen direkten heutigen Nachfahren, aber sie gehört zur selben Familie von Form-Gerichten wie die Kalbfleischkügelchen in ka1-057 aus demselben Buch.

Kügelchen aus Eiern. Der Text nennt kein Bindemittel und keine Formmethode für die Kügelchen - vermutlich wird zerdrücktes Eigelb (möglicherweise mit etwas Eiweiß) zu kleinen, eiförmigen Kugeln gepresst. Das ist eine echte Lücke im Originaltext, die hier offen bleibt, statt mit einer erfundenen Methode gefüllt zu werden.

Schneiden „mit Haar“. „schnid mit haur von en ander“ heißt wörtlich: mit einem Haar (einem dünnen Faden) voneinander trennen. Das ist keine bildliche Redewendung für hauchdünnes Schneiden, sondern eine reale, bis heute gebräuchliche Küchentechnik: weiche, klebrige Speisen wie Ei oder Käse lassen sich mit einem Haar oder Faden statt mit einer Messerklinge sauber trennen, ohne dass das Eigelb verschmiert oder die Kügelchen aneinanderkleben.

Färben in Milch. „farb die in der milch ain wenig“ heißt: die Eier ein wenig in Milch färben/tönen. Der Text nennt kein Hitzeverfahren - ob damit ein kurzes Eintauchen ohne Erwärmen oder ein leichtes Erwärmen gemeint ist, bleibt offen; ein Pochieren oder anderes Garverfahren ist im Wortlaut nicht belegt.

Praxis. Eier hart kochen, dann halbieren oder das Eigelb zu kleinen Kugeln formen und mit einem dünnen Faden (statt Messer) voneinander trennen. Kurz in kalte Milch tauchen, dann in Essig mit gehackter Petersilie anrichten - alternativ in eine Suppe oder Sauce geben. Am Feuer/Stand machbar, durch das Formen und Trennen der Kügelchen aber etwas zeitaufwändiger als eine reine Kalt-Beilage.

Was bedeutet 'mit Haar voneinander schneiden'?

Wörtlich steht dort: mit einem Haar (einem dünnen Faden) voneinander trennen. Das ist keine bildliche Redewendung, sondern eine reale, bis heute gebräuchliche Küchentechnik: weiche Speisen wie Eier oder Käse lassen sich mit einem Haar oder Faden statt mit einer Messerklinge sauber teilen, ohne dass Eigelb verschmiert oder Kügelchen aneinanderkleben. Ganz sicher lässt sich die ungewöhnliche Formulierung nicht auflösen, aber diese wörtliche Lesart ist besser belegt als die früher vermutete Redewendung für 'hauchdünn'.

Warum werden die Eier in Milch gefärbt?

'farb die in der milch ain wenig' heißt wörtlich: färbe/töne sie ein wenig in Milch. Das Verb 'farb' bezeichnet einen Färbe- oder Tönungsvorgang, kein Kochverfahren - der Text nennt kein Erhitzen. Ob damit ein kurzes Eintauchen ohne Hitze oder ein leichtes Erwärmen gemeint ist, bleibt offen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Eier, Milch, Essig und Petersilie sind robuste Zutaten, die sich gut lagern und transportieren lassen. Die halbierten Eier sind schnell fertig; die Kügelchen-Variante braucht durch das Formen und Trennen etwas mehr Handarbeit, ist aber ebenfalls am offenen Feuer machbar.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

Gehabierti aiger Ouch gehabierti ayer mach dar vß mach kugelin als aiger vnd schnid mit haur von en ander vnd farb die in der milch ain wenig vnd gib sie in ainen essich vnd peterlin oder ainen supen war vf du wilt oder in ainer saelcz etc.
Gehabierti aiger / ayer

Vermutlich ‚halbierte Eier‘ - eine lexikalisch nicht abschließend gesicherte Lesart (‚gehabiert‘/‚habieren‘ ist außerhalb dieser Stelle nicht belegt), aber im Rezeptkontext (halbierte vs. zu Kügelchen geformte Eier) durchgängig plausibel.

schnid mit haur von en ander

Wörtlich ‚mit einem Haar voneinander trennen‘. MHDBDB bestätigt ‚haur‘ als Schreibvariante von ‚hâr‘ (Haar). Das Trennen weicher Speisen mit einem Haar oder Faden statt einem Messer ist eine real belegte, bis heute genutzte Küchentechnik - keine gesicherte Redewendung für ‚hauchdünn‘.

farb die in der milch ain wenig

‚Färbe sie ein wenig in Milch‘. ‚farb‘ ist als Färbe-/Tönungsverb belegt, nicht als Kochverfahren - ob ein kurzes Eintauchen ohne Hitze oder ein leichtes Erwärmen gemeint ist, bleibt offen.

supen

‚Suppe‘. Hier als eine der möglichen Servieroptionen für die zubereiteten Eier genannt.

saelcz

‚Sauce‘. Eine weitere Servieroption für die Eier, neben Essig-Petersilie oder Suppe.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartschnid mit haur von en ander

Gewählte Lesart: Mit einem Haar (einem dünnen Faden) voneinander trennen - eine reale Küchentechnik zum sauberen Zerteilen weicher Speisen ohne Messer.

Andere mögliche Lesart:

  • Hauchdünn voneinander schneiden (bildliche Redewendung). - Keine Wörterbuchstelle belegt ‚haur‘ als Idiom für ‚hauchdünn‘. Die wörtliche Lesart ist lexikalisch und küchenpraktisch besser gestützt, aber die ungewöhnliche Formulierung lässt sich nicht restlos auflösen.

Lesartfarb die in der milch ain wenig

Gewählte Lesart: Die Eier ein wenig in Milch färben/tönen (Eintauchen ohne Hitze).

Andere mögliche Lesart:

  • Ein kurzes, leichtes Erwärmen in Milch. - Der Text nennt kein Hitzeverfahren; ein Garvorgang wie Pochieren ist durch den Wortlaut nicht belegt, ein leichtes Erwärmen lässt sich aber auch nicht ausschließen.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Sermones - Cod. Aug. pap. 125. [Reichenau], [15. Jahrh.]. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:31-64893 / Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Eier, Milch, Essig und Petersilie sind robuste Zutaten, die gut transportiert werden können. Die Zubereitung ist schnell und erfordert nur grundlegende Kochutensilien wie Topf und Messer.
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