Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450
Mach auch daraus Wurst. Gib kleine Rosinen darunter und fülle die Masse in Hechtmagen und Fischblasen, wie man es mit Wurst macht.
Was nicht in die Hüllen passt, das forme länglich oder kugelförmig. Siede diese Stücke. Bereite dazu einen „Pfeffer“ (eine würzige Sauce) zu, der sanft gewürzt ist. Gib klein geschnittene oder gehackte Äpfel hinzu. Füge auch das Rückgrat des Fisches, die Lebern, die Milchner und die anderen Eingeweide in die Sauce.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Wurst Wuerst | Hechtfleisch | - | Fischhändler, Angler | Welsfilet oder anderes festes Fischfilet |
| klaine winber | kleine Rosinen | - | - | - |
| hechten magen | Hechtmagen | - | Spezialitätenfischhändler (auf Anfrage), Angler | Naturdarm (Schafsdarm) oder Alufolie zum Formen |
| blautren | Fischblasen | - | Spezialitätenfischhändler (auf Anfrage), Angler | Naturdarm (Schafsdarm) oder Alufolie zum Formen |
| gewurtzen | milde Gewürze | - | - | Weißer Pfeffer, Ingwer, Muskatblüte |
| oeppfeln | Äpfel | - | - | Säuerliche Apfelsorten wie Boskoop oder Elstar |
| den ruggraut von dem fisch | Fischrückgrat | - | Fischhändler, Angler | - |
| die lebran | Fischlebern | - | Fischhändler (auf Anfrage), Angler | - |
| die milchlin | Fischmilchner | - | Fischhändler (auf Anfrage), Angler | - |
| daz ander in gewaid | andere Fischeingeweide | - | Fischhändler (auf Anfrage), Angler | - |
Welches Gericht ist das? Eine Fischwurst aus Hechtfleisch, vermengt mit kleinen Rosinen und gefüllt in Hechtmagen oder Fischblasen als natürliche Hüllen - was nicht in die Hüllen passt, wird länglich oder kugelförmig frei geformt. Dazu kommt ein mild gewürzter „Pfeffer“ (eine gebundene Würzsauce, kein bloßes Gewürz) mit klein geschnittenen Äpfeln, dem zusätzlich Rückgrat, Lebern, Milchner und die übrigen Eingeweide des Fisches beigegeben werden - eine konsequente Verwertung des ganzen Fangs.
Die Wursthüllen. Hechtmagen und Fischblasen sind heute kaum zu beschaffen, sehr dünn und reißanfällig. Naturdarm (Schafsdarm) ist eine praktikable Alternative zum Füllen - oder man verzichtet ganz auf Hüllen und formt die gesamte Masse länglich oder kugelförmig, wie es der Text selbst für die überschüssige Menge vorsieht.
Der Garzustand. Der Text sagt „sud es“ (sieden) grammatisch nur bezogen auf die zuvor genannten, frei geformten Stücke - ob auch die in Magen und Blase gefüllten Würste gesotten werden, bleibt im Text offen. In der Praxis werden beide Formen gemeinsam gesiedet und durchgegart, da rohe Fischfarce vor dem Servieren durcherhitzt werden muss.
Praxis. Hechtfleisch fein hacken oder durchdrehen, Rosinen einarbeiten, in Hüllen füllen oder zu Klößen formen und in leicht gesalzenem Wasser oder Fischsud gar sieden. Für die Sauce einen milden Pfeffer mit Gewürzen ansetzen, klein geschnittene Äpfel zugeben und Rückgrat, Lebern, Milchner sowie die übrigen Innereien mitziehen lassen. Der Text nennt kein Bindemittel für die Sauce - sie bleibt dünnflüssig, kann bei Bedarf mit etwas Brot gebunden werden.
Hechtmagen und Fischblasen sind hier als natürliche Wursthüllen gemeint. Im Mittelalter wurden alle Teile des Tieres verwertet, und die Mägen oder Schwimmblasen größerer Fische konnten als Hüllen für Farcen oder Würste dienen. Heute sind sie schwer zu beschaffen; Naturdarm oder Alufolie sind moderne Alternativen zum Formen.
Nein, dieses Rezept ist für die Lagerküche nicht geeignet. Die Beschaffung und hygienische Verarbeitung von frischem Hechtmagen, Fischblasen und anderen Innereien ist im Lager kaum praktikabel und erfordert sehr spezifische Bedingungen.
Im mittelalterlichen Kontext bezeichnet 'Pfeffer' oft eine würzige, gebundene Sauce, die mit verschiedenen Gewürzen zubereitet wurde, nicht nur das Gewürz Pfeffer allein. In diesem Rezept ist ein mild gewürzter 'Pfeffer' gemeint, dem klein geschnittene oder gehackte Äpfel sowie das Rückgrat, die Lebern, die Milchner und die weiteren Eingeweide des Fisches beigegeben werden - der Pfeffer ist die Grundzubereitung, Äpfel und Innereien sind Zutaten darin, keine eigenständige Apfelsauce.
Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).
Eine Wiederholung oder Betonung des Begriffs ‚Wurst‘, hier im Sinne von Fischwurst oder -farce.
Mittelhochdeutsch für Weinbeeren, also Rosinen.
Der Magen des Hechts, der hier als natürliche Wursthülle verwendet wird. Dies ist ein Beispiel für die umfassende Verwertung von Tieren in der mittelalterlichen Küche.
Fischblasen, die ebenfalls als Wursthüllen dienen konnten. Sie sind dünn und elastisch.
Ein Hapax legomenon, das ‚kugelförmig‘ oder ‚rundlich‘ bedeutet.
Im mittelalterlichen Kochbuchkontext bezeichnet ‚Pfeffer‘ oft eine würzige, gebundene Sauce, nicht nur das Gewürz selbst. Siehe auch Pfeffer-Sauce.
Bedeutet ‚mild gewürzt‘. Die genaue Gewürzmischung ist nicht spezifiziert, aber es deutet auf eine ausgewogene, nicht überladene Würzung hin.
Ein Hapax legomenon, das ‚Rückgrat‘ oder ‚Wirbelsäule‘ des Fisches bedeutet.
Plural von Leber, hier also Fischlebern.
Diminutiv von Milchner, die männlichen Geschlechtsorgane von Fischen, die oft als Delikatesse galten.
Ein Hapax legomenon, das ‚Eingeweide‘ oder ‚Innereien‘ bedeutet.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gewählte Lesart: Der Magen des Hechts, der als Wursthülle dient.
Andere mögliche Lesart:
kugelocht
Gewählte Lesart: Kugelförmig oder rundlich.
ruggraut
Gewählte Lesart: Das Rückgrat des Fisches.
gewaid
Gewählte Lesart: Die Eingeweide oder Innereien des Fisches.
Gewählte Lesart: Eine würzige Sauce.
Andere mögliche Lesart:
Wurst Wuerst
Gewählte Lesart: Fischwurst oder würstchenartige Formen aus Hechtfleisch.
Andere mögliche Lesarten:
sud es
Gewählte Lesart: Alle Portionen werden gesotten - sowohl die in Hechtmagen und Fischblasen gefüllten Würste als auch die überschüssig frei geformten Stücke. Übliche und sichere Praxis, da rohe Fischfarce durcherhitzt werden muss.
Andere mögliche Lesart:
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