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Grieben aus Brot und Äpfeln (Fastenzeit)

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

BeilageBeilageLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen2-4 PersonenBuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Schneide Semmeln oder Weißbrot in kleine Würfel, ähnlich wie Speck. Röste sie in Schmalz oder Pflanzenöl, bis sie braun werden. Streue diese Brotgrieben auf die Musen, wie du es mit echten Grieben tun würdest - das ist eine vornehme Art.

Zerkleinere auch Äpfel auf dieselbe Weise. Röste sie ebenfalls in Schmalz oder Öl, wie zuvor beschrieben, und gib sie ebenfalls auf die Musen.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
simlan Semmeln - Supermarkt Weißbrot
schmalcz oder in oel Schmalz oder Pflanzenöl - - Für die Fastenzeit ausschließlich Pflanzenöl verwenden
oepfel Äpfel - - Säuerliche, feste Apfelsorten wie Boskoop oder Elstar eignen sich gut
muser Mus (als Basis) - - Ein einfaches Gemüse- oder Getreidemus (z.B. Erbsenmus, Linsenmus, Reisbrei)

Welches Gericht ist das? Geröstete Weißbrotwürfel als knuspriges Topping auf Mus oder Brei - der Vorläufer heutiger Croutons. Weil in der Fastenzeit Fleisch und Schmalz verboten waren, ersetzt das Rezept die sonst üblichen Fleischgrieben durch in Pflanzenöl geröstetes Brot; eine zweite Variante mit gerösteten Apfelwürfeln ergänzt das Gericht um eine fruchtige Note.

Welches Mus ist gemeint? Das Rezept nennt kein bestimmtes Mus - die Pluralform „muser" (Musen) deutet darauf hin, dass das Topping für verschiedene Breie gedacht war, je nachdem, was gerade verfügbar war, etwa Erbsen-, Linsen- oder Getreidemus.

Wie fein werden die Äpfel geschnitten? Das Verb „schrot" bedeutet im Korpus meist „grob zerkleinern", während das Rezept mit „also" (ebenso) auf die zuvor beschriebene Würfel-Technik für das Brot zurückverweist. Beide Lesarten sind vertretbar - in der Praxis schneidet man die Apfelwürfel am besten ähnlich klein wie die Brotwürfel, damit sie im Fett gleichmäßig garen.

Praxis. Brot in kleine, speckähnliche Würfel schneiden und in Schmalz oder Pflanzenöl rösten, bis sie braun sind - klassische Crouton-Technik, in Pfanne oder Topf am offenen Feuer in etwa 20 Minuten machbar. Äpfel ebenso würfeln und im selben Fett rösten; sie werden dabei weich und karamellisieren statt knusprig zu werden wie das Brot. Beides über das gewählte Mus streuen. Für die Fastenzeit ausschließlich Pflanzenöl statt Schmalz verwenden.

Was sind 'Grieben in der Fastenzeit'?

Im Mittelalter waren Grieben aus Speck eine beliebte Zutat. In der Fastenzeit, in der tierische Produkte wie Fleisch und Schmalz verboten waren, behalf man sich mit pflanzlichen Alternativen. Dieses Rezept zeigt, wie Brotwürfel in Pflanzenöl geröstet wurden, um eine ähnliche knusprige Textur und einen herzhaften Geschmack zu erzielen, der an echte Grieben erinnerte.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist ein Goldstandard für die Lagerküche. Es ist schnell zubereitet (ca. 20 Minuten), erfordert nur einfaches Equipment wie eine Pfanne und ein Feuer und die Zutaten sind robust und benötigen keine besondere Kühlung. Ideal als Beilage oder kleiner Snack.

Was bedeutet 'Mus' in diesem Rezept?

Das Wort 'Mus' (mhd. 'muos') bezeichnet im mittelalterlichen Kontext einen Brei oder ein Püree aus Gemüse, Obst, Getreide oder Hülsenfrüchten. Das Rezept spezifiziert nicht, welches Mus genau gemeint ist, was darauf hindeutet, dass es als Topping für verschiedene Arten von Musen gedacht war, die gerade verfügbar waren.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

gruben in der vasten Schnid simlan klain wirflot als speck vnd roesch sy jm schmalcz oder in oel huntz es brun werd vnd stro es vf die muser als die grueben daz ist hoflich oepfel schrot ouch also roestz in dem schmaltz als vor vnd gib es ouch usz musern etc.
gruben in der vasten

Hier sind keine echten Grieben aus tierischem Fett gemeint, sondern eine Fastenzeit-Alternative aus gerösteten Brotwürfeln, die in Aussehen und Knusprigkeit an Grieben erinnern sollen.

simlan

Mittelhochdeutsch für 'Semmeln', also feines Weißbrot oder Brötchen.

roesch

Eine Form des Verbs 'rösten', hier im Imperativ 'röste'.

huntz

Frühneuhochdeutsch für 'unz', was 'bis' oder 'solange bis' bedeutet.

brun

Mittelhochdeutsch für 'braun'.

stro

Imperativ von 'streuen'.

muser

Eine Variante von 'Mus', hier im Plural 'Musen'. Es bezeichnet einen Brei oder Püree, auf dem die Grieben serviert werden.

hoflich

Bedeutet hier 'höfisch' oder 'fein' im Sinne von 'der höfischen Tafel angemessen' - eine Aussage über Rang und Prestige der Speise, nicht 'höflich' im Sinne heutiger zwischenmenschlicher Umgangsformen (vgl. MHDBDB-Lemma hovelîch, Bedeutungsfeld Ästhetik/Etikette; ebenso in der Schwesterhandschrift m384-073).

schrot

Imperativ von 'schroten', hier im Sinne von 'grob zerkleinern' oder 'würfeln'.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartusz musern

Gewählte Lesart: Die Phrase 'usz musern' wurde als 'auf Musen' übersetzt, was durch die Parallelüberlieferung 'vff mueszern' (auf Musen) in der Schwesterhandschrift m384-073 bestätigt wird. Dies bedeutet, dass die gerösteten Brotwürfel und Äpfel als Topping auf verschiedene Arten von Musen gegeben werden.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine wörtliche Übersetzung von 'usz' wäre 'aus', was 'aus Musen heraus' bedeuten könnte. Dies wäre jedoch im Kontext des Rezepts, das ein Topping beschreibt, weniger sinnvoll. - Die Präposition 'usz' kann je nach Kontext 'aus' oder 'auf' bedeuten. Die Bestätigung durch die Parallelhandschrift macht 'auf' zur eindeutig plausibleren Lesart.

Lesartoepfel schrot ouch also

Gewählte Lesart: Die Apfelwürfel werden - wie schon die Brotwürfel - klein geschnitten; das Wort 'also' (ebenso) verweist auf die zuvor beschriebene Würfel-Technik ('als speck').

Andere mögliche Lesart:

  • Das Verb 'schrot' (schroten) bedeutet im Korpus sonst meist 'grob zerkleinern', was auf einen gröberen Schnitt als bei den Brotwürfeln hindeuten könnte. - 'schrot' und 'wirflot' (würfeln) sind unterschiedliche Verben im Transkript; die Gleichsetzung mit kleinen Würfeln stützt sich nur auf den Rückverweis 'also', nicht auf das Verb selbst.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Sermones - Cod. Aug. pap. 125. [Reichenau], [15. Jahrh.]. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:31-64893 / Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
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