Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445
Nimm geschälte Mandeln und stoße sie klein. Schlage sie mit Wasser dick durch ein Tuch und siede es in einer Pfanne, bis es dick wie ein Mus wird.
Nimm dann einen fetten Hausen (Stör): schneide ihn in Würfel und röste sie in einem kleinen Pfännlein wie Speck. Nimm die Röststücke (die 'Grieben') heraus und lege die Mandelmasse in das Fett. Breite sie mit einem Löffel auseinander.
Färbe darauf 'Augen' wie Eidotter (klassisch mit Safran, im Text nicht ausdrücklich genannt). Stoße die geriebenen Grieben in das Weiße zwischen die Dotter, streue Zucker darüber und halte das Ganze warm, bis es zu Tisch getragen wird.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| geschellt mandel | Mandeln, geschält | - | - | Fertig geschälte, gemahlene Mandeln aus dem Supermarkt sparen das Stoßen und Passieren. |
| wasser | Wasser | - | Leitung | - |
| ains vaisten hawsen | Ein fetter Hausen (Stör) | - | - | Der historische Hausen (Beluga-Stör, Acipenser huso) steht heute unter strengem Artenschutz (CITES) und ist nicht im Handel erhältlich. Für die Nachkochpraxis eignet sich ersatzweise ein anderer fetter Fisch, oder - näher an der historisch ebenfalls belegten Alternativlesart - ein fettes Weißbrot. |
| zuker | Zucker | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein Fasten-„Spiegelei“: weiße Mandelmasse spielt das Eiweiß, ein gefärbter Punkt das Eigelb, geröstete Fettwürfel die Speckgrieben - eine Täuschkost, die ein in der Fastenzeit verbotenes Gericht (Ei mit Speck) aus erlaubten Zutaten nachbaut. Im eigenen Korpus gibt es eine nahezu wortgleiche Parallele (Cgm 5919, „Ain aye im smaltz von mandel“) mit derselben Zutatenfolge und denselben Fachbegriffen.
Die 'hawsen'-Frage. Was genau gewürfelt und ausgelassen wird, ist nicht hundertprozentig sicher. Wir lesen 'hawsen' hier als Hausen, einen sehr fetten Stör, dessen ausgelassenes Fett im Mittelalter als Fastenschmalz belegt ist - das passt auch küchentechnisch gut, denn fetter Fisch gibt beim Anrösten selbst reichlich Fett ab, in das die Mandelmasse anschließend gelegt wird. Denkbar wäre auch ein fettes Weißbrot, das ähnlich wie Speck angeröstet wird; dafür fand sich aber keine Beleg-Stütze im Korpus.
Praxis. Mandeln stoßen, mit Wasser verrühren, durch ein Tuch in einen Topf streichen und einsieden, bis eine dickliche, streichfähige Masse entsteht. Parallel Würfel aus fettem Fisch in einer Pfanne auslassen, bis sie knusprig sind, dann herausnehmen und beiseitestellen. Die Mandelmasse in das Fett geben und mit einem Löffel auseinanderbreiten. Farbige Punkte (klassisch mit Safran) als „Dotter“ aufsetzen, die geriebenen Röststücke ringsum als „Grieben“ verteilen, mit Zucker bestreuen und warmhalten bis zum Servieren. Hinweis für die Nachkochpraxis: Der historische Hausen (Beluga-Stör) steht heute unter strengem Artenschutz und ist nicht im Handel - hier eignet sich ersatzweise ein anderer fetter Fisch, oder, näher an der zweiten belegten Lesart, ein fettes Weißbrot.
Wahrscheinlich Fisch: 'hawsen' bezeichnet im Korpus meist den Hausen, einen sehr fetten Stör, dessen ausgelassenes Fett im Mittelalter als Fastenschmalz belegt ist - auch ein nahezu wortgleiches Parallelrezept aus einer anderen Handschrift liest die Stelle so. Ganz sicher ist die Lesart nicht: denkbar wäre auch ein fettes Weißbrot, das ähnlich wie Speck angeröstet wird.
Nein. Speck (Schweinefett) war in der Fastenzeit verboten. Die 'Grieben' hier stammen wahrscheinlich von geröstetem, fettem Fisch (Hausen) statt Speck - fastenkonform, auch wenn Fisch als Tier kein 'fleischloses' Lebensmittel im strengen Sinn ist. Sie sollen optisch und texturmäßig an echte Speckgrieben erinnern.
Mit Einschränkung. Die Zubereitung selbst dauert unter einer Stunde und braucht nur Topf, Pfanne, ein Tuch zum Passieren und einen Löffel. Da die wahrscheinlichere Lesart aber auf fetten Fisch statt auf Trockenware hindeutet, braucht diese Zutat eine Kühlkette bis zur Verarbeitung.
Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).
Wörtlich 'Eierschmalz' - hier aber der Name einer Fastenspeise, die ein Spiegelei nur nachbildet, ohne echtes Ei zu verwenden.
Historischer Name für den Hausen, einen sehr großen, fettreichen Stör. Sein ausgelassenes Fett galt in der Fastenzeit als Ersatz für Speckschmalz.
Eigentlich die knusprigen Röstreste beim Auslassen von Speckfett. Hier sind es 'falsche' Grieben aus geröstetem, fettem Fisch (vermutlich Hausen) statt Speck - ein Fasten-Ersatz, dessen Fett anders als bei magerem Fisch beim Braten tatsächlich austritt.
Standardbegriff für die runden Eidotter-Flecken auf einem Spiegelei. Hier werden solche 'Augen' künstlich mit Farbe (vermutlich Safran) auf die Mandelmasse gesetzt.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
hawsen
Gewählte Lesart: Wir lesen 'hawsen' als Hausen (Stör, Acipenser huso), einen sehr fetten Fisch, dessen ausgelassenes Fett ('Hausenschmalz') im Mittelalter als Fastenkochfett belegt ist. Das Corpus-Glossar verzeichnet 'hawsen/hausen'-Formen korpusweit als Bezeichnung für den Stör, und ein nahezu wortgleiches Parallelrezept (Cgm 5919) liest dieselbe Formulierung ebenfalls als Hausen.
Andere mögliche Lesart:
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