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Mus vom Reiher

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445

GeflügelHauptspeise · GeflügelLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit120 Min.Portionen4-6 PersonenBuchHaus- und Arzneibuch (Ka2) (~1445)

Nimm einen Reiher und brate ihn zuerst. Wenn das Fleisch vom Knochen gelöst ist, nimm die Knochen und zerstoße sie mit einer Semmel. Sollte dies zu wenig sein, nimm zusätzlich ein Huhn und zerstoße es ebenfalls gut. Gib guten Wein und für ein Gericht sechs Eier hinzu, schlage alles durch und gib es in eine Pfanne oder einen Topf. Schmecke es mit guten Gewürzen ab.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
einem raiger Reiher 1 ⚠ In Deutschland und der EU streng geschützt, legal nicht erhältlich. Große Zuchtgans oder Pute (für die Größe und den Prestige-Charakter), oder Wachteln/Tauben (für die Vogelart).
einer semel Semmel - Supermarkt (Backregal) Weißbrot
ein huen darczu Huhn (optional) 1 Supermarkt, Metzger -
guten wein Guter Wein - Supermarkt -
vj aier Eier 6 Supermarkt -
gutem gewurtz Gute Gewürze - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Eine Mischung aus Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken und Muskatblüte.

Welches Gericht ist das? Ein passiertes, sämig gebundenes Fleischmus: Der Reiher wird zunächst ganz gebraten, dann werden Fleisch und Knochen im Mörser mit eingeweichter Semmel zerstoßen (bei zu geringer Menge zusätzlich ein Huhn), mit Wein und sechs Eiern durchgeschlagen (passiert), in Pfanne oder Topf erhitzt und mit guten Gewürzen abgeschmeckt. Ein direkter lebender Nachfahre existiert nicht, aber dieselbe Grundtechnik - Fleisch und Knochen im Mörser zerstoßen, mit Brot gebunden, durch Sieb oder Tuch passiert, mit Ei und Wein zu einer sämigen Masse verarbeitet - verbindet das Rezept mit der Gattung mittelalterlicher Mus- und Farce-Gerichte. Am nächsten steht das Reihermus aus dem Meister-Hans-Kochbuch (mha-264), das dieselbe Zubereitungslogik verfolgt und fast wortgleich formuliert ist ("slachs durch" hier, "schlahe das durch" dort).

Warum werden die Knochen mitverstoßen? Anders als beim verwandten Rezept mha-264, wo offenbleibt, ob die zerstoßenen Knochen Teil der fertigen Masse werden oder nur zum Lösen des Fleischs dienen, ist die Anweisung hier eindeutig: "Nim dy pain vnd stos dy mit einer semel" verstampft die Knochen ausdrücklich zusammen mit der Semmel. Sie sind bewusst Teil der Masse - Mark und Restfleisch tragen zu Geschmack und Bindung bei. Genau deshalb folgt anschließend das Durchschlagen: Es filtert grobe Knochensplitter aus der markangereicherten Masse heraus.

Praxis. Einen Ersatzvogel (etwa eine große Zuchtgans oder Pute) ganz braten, bis sich das Fleisch leicht vom Knochen löst. Fleisch abzupfen, Knochen grob zerkleinern und zusammen mit eingeweichter Semmel im Mörser oder Blender fein zerstoßen. Fällt die Menge zu gering aus, zusätzlich ein durchgegartes Huhn ebenso zerstoßen - der Text nennt für das Huhn zwar keine eigene Brat-Anweisung, doch analog zum Reiher sollte es vor dem Zerstoßen bereits durchgegart sein. Die Masse mit gutem Wein verflüssigen, sechs Eier unterschlagen und alles durch ein feines Sieb oder Tuch passieren, um Knochensplitter zu entfernen. In Pfanne oder Topf bei mäßiger Hitze erwärmen, bis die Eier binden, und mit einer Mischung aus Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken und Muskatblüte abschmecken.

Wo bekomme ich Reiher für dieses Rezept?

Reiher sind in Deutschland und der EU streng geschützt und dürfen weder gejagt noch gehandelt werden. Eine legale Beschaffung ist daher nicht möglich. Als Alternative für ein historisch inspiriertes Gericht könntest du auf große Zuchtgänse oder Puten zurückgreifen, um die Größe und den Prestige-Charakter zu imitieren, oder auf Wachteln oder Tauben für die Vogelart.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist für die Lagerküche nicht geeignet. Der Reiher ist eine geschützte Art und nicht legal erhältlich. Zudem erfordert die Zubereitung das Zerstoßen von Knochen und Fleisch im Mörser, was sehr aufwendig ist und im Lager kaum praktikabel wäre.

Was ist ein 'Mörser' - brauche ich einen Mörser und Stößel?

Der Transkript-Text verlangt an dieser Stelle lediglich, die Knochen (und ggf. das Fleisch) zu 'stoßen' (zerstoßen) - das historisch naheliegende Werkzeug dafür war ein großer Fleischmörser aus Stein oder Metall mit schwerem Stößel. Modern kannst du stattdessen einen leistungsstarken Food Processor oder Blender verwenden, um eine feine Paste zu erhalten.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).

Von einem raiger mues Von ersten prat In vnd wann das fleisch dauon kumpt So Nim dy pain vnd stos dy mit einer semel war aber des ze wenig So nim ein huen darczu vnd stos das wol vnd darzu guten wein vnd auf ein essen vj aier vnd slachs durch vnd tu es In ein pfann oder in ein hefen vnd machs ab mit gutem gewurtz
raiger

Der Reiher (Graureiher, Ardea cinerea) ist ein in Deutschland und der EU streng geschützter Vogel. Im Mittelalter galt er als begehrte Jagdbeute der Falknerei und als Statussymbol.

mues

Ein Mus bezeichnet im Mittelalter ein Püree oder einen Brei, der oft aus Fleisch, Fisch oder Gemüse hergestellt und fein passiert wurde.

semel

Geriebenes Weißbrot oder eine Semmel diente im Mittelalter häufig als Bindemittel, um Saucen oder Pürees zu verdicken und zu strecken.

slachs durch

Diese Anweisung bedeutet, die Masse durchzuschlagen oder zu passieren, um eine besonders feine und glatte Konsistenz zu erzielen. Dies konnte mit einem Sieb, einem Tuch oder durch intensives Rühren geschehen.

machs ab mit gutem gewurtz

Eine gängige Formulierung, die das Abschmecken mit einer Mischung aus den damals üblichen Gewürzen wie Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken und Muskatblüte meint.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793
Sprache
Frühneuhochdeutsch (mittelbairisch, unteres Inntal/Mühldorf am Inn, ca. 1445-1470)
Entstehung
Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern, 1445

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartmues

Gewählte Lesart: Mus oder Püree. Die Konsistenz eines feinen Breis, wie sie durch das Zerstoßen und Durchschlagen erreicht wird.

Lesartprat In

Gewählte Lesart: Brate ihn. Die Anweisung bezieht sich auf den Reiher, der zuerst gebraten wird, bevor das Fleisch und die Knochen weiterverarbeitet werden.

Lesartslachs durch

Gewählte Lesart: Schlage alles durch. Dies impliziert ein Passieren durch Sieb oder Tuch, um eine glatte, breiige Konsistenz zu erzielen, passend zum 'Mus'.

Lesartgutem gewurtz

Gewählte Lesart: Gute Gewürze. Dies wird als eine typische Gewürzmischung der Zeit interpretiert, die Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken und Muskatblüte umfassen könnte.

LesartSo nim ein huen darczu vnd stos das wol

Gewählte Lesart: Das Huhn wird - wie zuvor der Reiher - zunächst durchgegart und erst danach zerstoßen; das Rezept nennt beim Huhn keine eigene Brat-Anweisung, weil die Garung analog zum bereits beschriebenen Reiher vorausgesetzt wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Das Huhn könnte auch roh zerstoßen und erst später in Pfanne oder Topf mitgegart werden. - Der Text nennt beim Huhn anders als beim Reiher kein 'prat' (braten) - ohne Zeit- oder Temperaturangabe im Transkript lässt sich das nicht abschließend entscheiden; offene Frage, kein gleichwertiger Standard.

Originalwerk (~1445) gemeinfrei.

Bildquelle
Haus- und Arzneibuch - Cod. Donaueschingen 793. Unteres Inntal (Mühldorf), [1445/1470]. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Donaueschingen 793, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:31-37968 / Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka2 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Dieses Rezept ist aufgrund des Artenschutzes für Reiher und der aufwendigen Zubereitung (Mörsern von Knochen und Fleisch) nicht für die Lagerküche geeignet. Es ist eher ein historisches Dokument als eine praktische Kochanleitung.
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