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Gebackenes in drei Farben (Petersil-Eier-Schichttorte)

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Die Petersilie fein hacken und reiben, dann Eier daran schlagen. Eine große Pfanne nehmen und mit Schmalz einfetten, dann einen Löffel voll des Petersilien-Eier-Teigs hineingießen. So entsteht ein Fladen daraus, oder so viele man mag.

Eine gelbe Füllung aus Eiern und Gewürz gut anrühren. In das Gefäß, in dem gebacken werden soll, etwas Schmalz geben. Dann je einen Fladen auf den anderen legen und die Füllung darüberstreichen, sodass sie ebenso dick oder dicker ist als der Fladen selbst. Darauf den nächsten Fladen legen, wieder Füllung darüberstreichen, und so fortfahren, solange Teig und Füllung reichen. Zum Schluss alles zusammen backen.

Ist es fertig, mit einem Messer hineinstechen, damit die eingeschlossene Luft bis zum Boden entweichen kann. Danach einen Ziegel oder ein Gewicht von der Schwere eines Ziegels darauflegen und stehen lassen. So lässt es sich schneiden, wann immer man will, anrichten und mit Zucker bestreuen.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
petersill Petersilie - - -
ayer / ayren Eier - - -
vaist / schmalcz Schmalz - - Butterschmalz oder Pflanzenöl zum Ausbacken der Fladen
gewurcz Gewürz - - -
zucker Zucker - - -

Welches Gericht ist das? Eine geschichtete Fladen-Torte: dünne, in der Pfanne gebackene Petersilien-Eier-Fladen werden abwechselnd mit einer dicken, gut angerührten Eier-Gewürz-Füllung gestapelt, zusammen gebacken, angestochen (damit eingeschlossene Luft entweicht) und unter einem Ziegelstein beschwert, bis sie fest und schnittfest ist - im Ergebnis eine Art mittelalterliche gepresste Terrine, die man in Scheiben schneidet, anrichtet und mit Zucker bestreut serviert. Verwandt ist das Verfahren sowohl mit einer geschichteten Crêpe-Torte (Fladen auf Fladen) als auch mit einer gepressten Terrine (Beschweren mit Gewicht zum Festwerden).

Die dritte Farbe. Der Titel verspricht drei Farben, der Text führt aber nur zwei konkret aus: grün (Petersilie) und gelb (Eier-Gewürz-Füllung). Die dritte Farbe bleibt unbenannt - vermutlich ein heller, ungefärbter Fladen oder schlicht die goldbraune Backkruste. Ein typischer Fall der bekannten Textlücken dieser Handschrift: die Rubrik kündigt mehr an, als die Anweisung ausbuchstabiert. Sicher ist: kein Farbmittel wird hier ergänzt, das der Text nicht selbst nennt.

Eine unklare Textstelle. Nach dem Anstechen mit dem Messer folgt im Transkript die Klausel 'Das solt pachen miteinannder wenn es beraitt ist' ('Dies sollst du zusammen backen, wenn es bereit ist'). Zwei Lesarten sind offen: entweder eine wiederholende Erinnerung an den bereits erteilten Backschritt ('pach das ab'), oder ein tatsächlicher zweiter Back-Durchgang nach dem Entlüften, bevor der Ziegel aufgelegt wird. Der Text selbst löst das nicht auf.

Praxis. Mehrere dünne Fladen nacheinander backen, schichten, mit der Füllung bestreichen (mindestens so dick wie der Fladen selbst) und wiederholen, solange Teig und Füllung reichen. Das Anstechen mit dem Messer nach dem Backen ist kein Zierrat, sondern lässt die Luft bis zum Boden entweichen, damit die Schichten beim Pressen nicht aufplatzen. Da der Text keine Back-Zeit oder Garprobe für die rohe Füllung nennt: am sichersten in der Mitte des gestapelten Backguts mit dem Messer prüfen, ob die Füllung sichtbar gestockt und fest ist, bevor angestochen und beschwert wird - besonders bei mehreren dicken Schichten, damit der Kern nicht roh bleibt.

Warum wird ein Ziegel auf das fertige Gebäck gelegt?

Das Gewicht presst die Schichten aus Fladen und Füllung zusammen, während alles abkühlt. So wird die Schichttorte fest und schnittfest, ähnlich wie bei einer gepressten Terrine. Ein sauberer, in Tuch gewickelter Ziegelstein oder ein gleich schwerer Stein tut es genauso gut.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja. Alle Zutaten (Petersilie, Eier, Schmalz, Gewürz, Zucker) sind unkompliziert und brauchen keine Kühlung. Für die einzelnen Fladen genügt eine große Pfanne; für den abschließenden gemeinsamen Backschritt braucht es zusätzlich ein zweites, abdeckbares Gefäß (etwa einen Deckeltopf oder eine Kohlenpfanne mit Oberhitze) sowie einen sauberen Ziegel oder ein vergleichbares Gewicht zum Beschweren. Rechnet man Backen, Pressen und Abkühlen zusammen, sollte man eher zwei bis drei Stunden einplanen.

Was bedeutet die 'gelbe Füllung' im Rezept genau?

Gemeint ist eine dicke Masse aus verquirlten Eiern und Gewürz, gut angerührt, die zwischen die Fladen gestrichen wird. Die gelbe Farbe kommt allein vom Eigelb - der Text nennt für diese Füllung kein zusätzliches Farbmittel.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

Ain gepachens von drej farben Item den petersill den hack klain vnd reib den vnd schlahe ayer doran vnd nym ain grosse pfannen vnd mach die pfannen vaist vnd geuss ain loffel vol daran . So machst ain plat dauon oder wieuil du wild vnd mach ein gelbe full von ayren vnd gewurcz wol vnd In wem du pachen wild vnd thue ein schmalcz daran vnd leg ye ain plat vf das annder vnd streich dann der fulle das es als dick sej oder dicker . So leg das ander plat auf das vol vnd lege aber ain plat vnd der full aber dornach die weyl du icht hast vnd pach das ab . vnd wenn das berayt ist . So stuff es mit ainem messer So get der lufft dauon hincz an den poden Das solt pachen miteinannder wenn es beraitt ist . So leg ain ziegel dorauf oder ains ziegels schwar vnd lass sten . So macht du es schneiden wenn du wilt an richten vnd so strao zucker darauf .
gepachens von drej farben

Ein 'Gebackenes von drei Farben' bezeichnet eine geschichtete Fladen-Torte: hier ausdrücklich grüne Petersilien-Fladen und gelbe Eier-Gewürz-Füllung, die dritte Farbe wird im Text nicht namentlich benannt (vermutlich ein heller, ungewürzter Fladen).

plat

Meint hier den in der Pfanne gebackenen Fladen bzw. Eierkuchen, nicht eine flache Schale.

vaist

Verb-Gebrauch: 'die pfannen vaist machen' heißt, die Pfanne mit Schmalz einzufetten.

stuff

Vermutlich von mittelhochdeutsch 'stupfen' (stechen, prickeln): mit dem Messer hineinstechen, damit eingeschlossene Luft entweichen kann.

ziegel

Ein echter Ziegelstein (oder ein gleich schweres Gewicht) wird zum Beschweren auf das fertige Gebackene gelegt, damit es beim Abkühlen fest und schnittfest wird.

Das solt pachen miteinannder

Diese Klausel steht im Transkript nach dem Anstechen mit dem Messer und vor dem Auflegen des Ziegels. Ungeklärt, ob sie eine bloße Wiederholung der weiter oben erteilten Anweisung 'pach das ab' ist oder einen tatsächlichen zweiten Back-Schritt nach dem Entlüften meint, bevor beschwert wird.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 026r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartstuff

Gewählte Lesart: Als 'stechen/anstechen' gelesen (verwandt mit mhd. stupfen), im Sinne von: mit dem Messer hineinstechen, damit die Luft entweicht.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich als 'stopfen' im Sinne von 'füllen/verschließen' lesen. - Lautlich näher am neuhochdeutschen 'stopfen', ergibt aber im Kontext ('so geht die Luft davon bis zum Boden') weniger Sinn als die Stech-Lesart.

Lesartdrej farben

Gewählte Lesart: Als Ankündigung von drei sichtbaren Farbschichten gelesen, von denen der Text nur zwei (grün, gelb) konkret ausführt; die dritte bleibt implizit.

Andere mögliche Lesart:

  • Die 'drei Farben' beziehen sich locker-bildlich auf grün, gelb und die goldbraune Kruste vom Backen, ohne dass eine dritte separate Füllschicht gemeint ist. - Die Anweisung selbst nennt keine dritte Zutat oder Füllung, sodass eine rein optische Deutung ebenso plausibel ist wie eine textliche Lücke.

LesartIn wem du pachen wild

Gewählte Lesart: Als 'in welchem Gefäß auch immer du backen willst' gelesen, eine allgemeine Anweisung zum Einfetten des Backgefäßes vor dem Schichten.

Andere mögliche Lesart:

  • Könnte auch andeuten, dass die gelbe Füllung in einem separaten Gefäß vorgebacken wird, bevor sie geschichtet wird. - Der Satzbau ist knapp und lässt offen, ob 'pachen' sich auf das gesamte Gericht oder nur auf die Füllung bezieht; die gewählte Lesart passt aber besser zum folgenden Schichtungs-Ablauf.

LesartDas solt pachen miteinannder wenn es beraitt ist

Gewählte Lesart: Als scribale Wiederholung der bereits erteilten Anweisung 'pach das ab' gelesen - eine im Text doppelt vorkommende, aber inhaltlich einmalige Back-Anweisung.

Andere mögliche Lesart:

  • Als eigenständiger zweiter Back-Schritt gelesen: erst zusammenbacken, dann anstechen, dann nochmals gemeinsam backen, erst danach den Ziegel auflegen und abkühlen lassen. - Die Klausel steht im Transkript wörtlich nach dem Anstechen und könnte einen separaten zweiten Garschritt meinen; keine Wörterbuch- oder GAMS-Glosse klärt die Stelle, beide Lesarten bleiben offen.

LesartGarprobe für die Füllung

Gewählte Lesart: Der Text nennt keine Zeit-, Hitze- oder Garprobe für den entscheidenden gemeinsamen Backschritt der rohen Ei-Gewürz-Füllung. Für die Praxis empfiehlt sich, mit einem Messer in der Mitte des Stapels zu prüfen, ob die Füllung sichtbar gestockt und fest ist, bevor angestochen und beschwert wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Rein nach Augenmaß/Erfahrung backen und sich allein auf das im Text genannte Anstechen ('so geht die Luft davon bis zum Boden') als Fertigkeits-Indikator verlassen, ohne separate Garprobe. - Der historische Text setzt keine Garprobe voraus und verlässt sich offenbar auf Erfahrungswissen; bei mehreren dicken Schichten ist das riskanter, wenn die Füllung im Kern roh bleibt.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 026r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Mehrere dünne Petersil-Eier-Fladen nacheinander in der Pfanne backen, schichten und mit einem Ziegel beschweren dauert rund 60-90 Minuten am Feuer. Alle Zutaten sind unproblematisch und brauchen keine Kühlung. Für den abschließenden gemeinsamen Backschritt reicht die offene Bratpfanne der einzelnen Fladen allerdings nicht: dafür braucht es zusätzlich ein zweites, abdeckbares Gefäß (etwa einen Deckeltopf oder eine Kohlenpfanne mit Oberhitze) sowie einen sauberen Ziegel oder ein vergleichbares Gewicht. Die reine Standzeit zum Pressen und Abkühlen unter dem Ziegel ist in den 60-90 Minuten noch nicht mitgezählt.
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