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Reisgebäck vom Spieß

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

BeilageBeilageLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit65 Min.Portionen4-6 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Wasche den Reis gründlich in vier Wassern und siede ihn, bis er ein wenig resch, also leicht bissfest, ist.

Nimm dann das Eiweiß der Eier und rühre eins ins andere, so bekommst du ein weißes Gebäck. Willst du es aber gelb haben, trenne stattdessen das Eigelb von den Eiern, so bekommst du ein gelbes Gebäck.

Nimm dann einen Reibmörser und zerreibe den Reis klein, gib die Eier darunter, wie eben beschrieben, je nachdem ob du es weiß oder gelb machen willst.

Mache einen dünnen Teig und drücke ihn durch die Hand, so wie man die gebratenen Kugeln (Krapfen) formt. So hast du ein Gebäck aus Reis.

Nimm einen kleinen Spieß für die Bällchen und halte ihn ans Feuer. Streue währenddessen geriebene Semmel darüber, während sie braten, so werden sie schön braun.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
Reisz Reis - - -
vier wassernn Wasser (zum viermaligen Waschen und zum Sieden des Reises) - Leitung -
ayern Eier (Eiweiß für die weiße Variante, Eigelb für die gelbe Variante) - - -
semel mel Geriebene Semmel (Weißbrotbrösel) - - -

Welches Gericht ist das? Ein Reisgebäck: gewaschener, nur kurz bissfest vorgekochter Reis wird im Mörser mit Ei zu einer feinen, formbaren Masse zerstoßen, von Hand zu Bällchen geformt - wie beim Formen von Krapfenteig - und am Spieß über offenem Feuer geröstet, wobei laufend geriebene Semmel darübergestreut wird, damit die Bällchen bräunen. Das ist Trockenrösten am Spieß mit Bröseln als Bräunungsmittel, kein Frittieren in Fett. Am ehesten ein Vorläufer der Familie der Reisbällchen/Reisküchle, die heute meist frittiert werden; zu Arancini besteht nur eine entfernte Verfahrens-Analogie (Reis und Ei zu Bällchen geformt), keine direkte Abstammungslinie.

Wie fest wird der Reis gekocht? Der Reis wird nur kurz bis resch, also bissfest, vorgekocht, nicht weichgekocht - das ist wichtig, weil er danach im Mörser noch mit dem Ei zu einer formbaren Masse zerstoßen wird. Vollständig weichgekochter Reis würde dabei eher breiig als formbar werden.

Wird der Kern durchgegart? Der Text nennt als Fertigkeitszeichen nur die äußere Bräune der Bällchen, keine Aussage zum Garzustand des Kerns. Da die Masse rohes Ei enthält, sollte man sich beim Nachkochen nicht allein auf die Bräune verlassen.

Praxis. Reis in vier Wasserwechseln waschen, kurz bissfest vorkochen, im Mörser - ersatzweise Küchenmaschine oder kräftiges Zerdrücken mit der Gabel - mit dem getrennten Eiweiß oder Eigelb zu einem dünnen, formbaren Teig verarbeiten. Von Hand zu kleinen Bällchen formen und auf einen kleinen Spieß stecken (im Text nicht wörtlich benannt, aber durch den Zweck des Spießes nahegelegt). Am Feuer rösten und dabei laufend geriebene Semmel darüberstreuen, bis die Bällchen schön braun sind - das braucht durchgehende Aufmerksamkeit (Wenden, Nachstreuen, Hitze so steuern, dass die Kruste bräunt bevor der Kern verbrennt), ist aber ohne Spezialausrüstung machbar. Bällchen eher klein halten und vor dem Servieren den Kern prüfen (aufschneiden oder Kerntemperatur), damit das enthaltene Ei sicher durchgegart ist. Mengenangaben zu Reis, Eiern und Semmelbröseln fehlen im Original vollständig und müssen selbst bemessen werden.

Was ist ein 'Reib scherem' - brauche ich wirklich einen Mörser?

Gemeint ist ein großer Stoß- oder Reibmörser, mit dem Reis und Ei zu einer feinen, formbaren Masse verarbeitet wurden, kein kleiner Gewürzmörser. Zuhause reicht eine Küchenmaschine oder ein kräftiges Zerdrücken mit der Gabel, für die authentische Lager-Vorführung ist ein großer Mörser mit Stößel die schönere Wahl.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, mit etwas Vorlauf. Reis waschen und kurz bissfest kochen, Eier einarbeiten, Bällchen formen und am Spieß über der Glut rösten funktioniert gut mit Feuer, Topf und einem einfachen Spieß, erfordert aber durchgehende Aufmerksamkeit: die Semmelbrösel müssen laufend nachgestreut werden, damit die Bällchen gleichmäßig braun werden, ohne im Kern zu verbrennen.

Was bedeutet 'semel mel' im Rezept?

Gemeint ist geriebene Semmel, also feine Weißbrotbrösel, nicht Getreidemehl. Im Rezept dienen die Brösel zum Bestäuben der Bällchen beim Rösten, damit sie gleichmäßig braun werden - nicht als Bindemittel.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

von Reiss mach den also Item Nym Reisz vnd waesch den schon aus vier wassernn vnd seud In das er ein wenig roscher sej So nym denn das weiss von den ayern vnd reib ains vnnder das annder So hastu ein weiss pachens wiltu es aber gelb haben So schaid das gelb von den ayern So hast du ein gelbs pachens So nym denn ain reib scherem vnd reib den reiss klain vnd ayer darunder Als vor geschriben stet wie du wild weiss oder gell machen Mach ain taig der duenne sey vnd scheusz In durch die hannd Als die gepraten kugel So hast du ein pacheins von reisz vnd nym ain spisz der klain sey vnd leg In zue einem feur So sae denn semel mel darauf die weyl er praet So wirt er schon praunn .
pachens / pacheins

Bezeichnet hier ein festes, gebratenes Gebäck, nicht einen löffelbaren Brei. Meister Hans verwendet dasselbe Wortfeld auch für andere Backwaren aus Eierteig.

reib scherem

Ein großer Reib- oder Stoßmörser, mit dem der Reis mit dem Ei zu einer feinen Masse verarbeitet wurde. Kein Hapax im engeren Sinn, sondern ein sonst im Korpus nicht belegtes Wort für dieses Gerät.

roscher

Meint 'resch', also bissfest bis leicht knackig, nicht weich verkocht. Der Reis soll nur kurz vorgekocht werden, da er später im Mörser noch weiterverarbeitet wird.

gepraten kugel

Verweis auf bereits im Kochbuch beschriebene gebratene Teigkugeln (Krapfen), dient hier als Formvergleich für die Reisbällchen, nicht als eigene Zutat.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 089v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgelb

Gewählte Lesart: Die gelbe Farbe entsteht laut Text durch das Eigelb, das von den Eiern getrennt wird ('schaid das gelb von den ayern'). Text_modern folgt dieser expliziten Anweisung.

Andere mögliche Lesart:

  • CoReMA verlinkt die erste Nennung von 'gelb' im Text mit Safran (Wikidata Q25434), da Gelbfärbung in der mittelalterlichen Küche oft über Safran erfolgte. - Der weitere Text erklärt die Gelbfärbung aber ausdrücklich über das Eigelb, Safran wird nirgends genannt. Da keine zusätzliche Zutat erfunden werden soll, bleibt die Eigelb-Lesart maßgeblich.

Lesartreib scherem

Gewählte Lesart: Übersetzt als 'Reibmörser', ein großes Küchengerät zum Zerstoßen von Reis und Ei, gestützt durch die Wikidata-Sachglosse von CoReMA (mortar, Q45778).

Andere mögliche Lesart:

  • Das Wort könnte auch auf eine Art Reibscherbe oder flaches Reibwerkzeug hindeuten. - Es handelt sich um ein korpusweites Hapax ohne weiteren Vergleichsbeleg, die genaue Geräteform bleibt daher unsicher.

Lesartpacheins

Gewählte Lesart: Als 'Gebäck' übersetzt, in Übereinstimmung mit der Wikidata-Sachglosse (pastry, Q477248) und der Parallelform 'pachens' im selben Rezept.

Andere mögliche Lesart:

  • Denkbar wäre auch eine Lesart nahe 'Backwerk' im engeren Sinn eines Kuchens. - Das Wort ist im Korpus nicht eindeutig als eigenständiger Begriff belegt und wird hier als Variante zu 'pachens' verstanden, nicht als neuer Begriff.

Lesartleg In zue einem feur

Gewählte Lesart: Der Spieß wird ans Feuer gehalten, damit die zuvor geformten Bällchen darauf braten können; das Aufspießen selbst wird im Text nicht mit einem eigenen Verb benannt, ist aber durch den Zweck des Spießes nahegelegt.

Andere mögliche Lesart:

  • Denkbar wäre auch, den Spieß nur als Wende- oder Trägerhilfe nahe am Feuer zu nutzen, ohne dass die Bällchen im engeren Sinn aufgespießt werden. - Der Text benennt kein eigenes Verb für das Aufspießen, macht aber ohne ein Trägermedium für die Bällchen am Feuer keinen erkennbaren Sinn; die Aufspieß-Lesart bleibt naheliegend, ist aber nicht wörtlich belegt.

Lesartschon praunn (Fertigkeitszeichen)

Gewählte Lesart: Der Text nennt als einziges Fertigkeitszeichen die äußere Bräunung der Bällchen ('schon praunn'), ohne eine Aussage zum Garzustand des Kerns zu treffen.

Andere mögliche Lesart:

  • Äußere Bräune allein könnte als hinreichendes Gar-Kriterium für die ganze Masse gelesen werden. - Da die Bällchen rohes Ei enthalten, ist reine äußere Bräune küchentechnisch kein verlässlicher Beleg für vollständiges Durchgaren des Kerns. Der historische Text trifft dazu keine Aussage; für die Praxis wird zusätzliche Prüfung empfohlen, ohne dass dies dem Original als Anweisung unterstellt wird.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 089v, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf am Feuer und mit einem kleinen Holz- oder Metallspieß in etwa 60-75 Minuten fertig. Reis muss vorher mehrfach gewaschen und nur kurz bissfest vorgekocht werden (nicht weich, er wird danach im Mörser mit dem Ei weiterverarbeitet), dann werden die Bällchen am Spieß über der Glut geröstet und laufend mit Semmelbröseln bestäubt; das braucht durchgehende Aufmerksamkeit, ist aber unkompliziert.
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