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Heidelbeer-Bündel für roten Wein

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

BochetGetränkLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit20 Min.PortionenErgibt so viele Bündel wie gewünscht - im Original richtet sich die Menge allein danach, wie viele Beeren man hat; eine Weinmenge wird nicht genannt.BuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Willst du ein Bündlein machen, um den Wein rötlich zu färben: Nimm Heidelbeeren.

Wenn das Brot aus dem Ofen kommt, lege die Heidelbeeren in eine Mulde und schiebe sie in den Ofen. Lass sie dort einen Tag und eine Nacht liegen.

Nimm sie danach wieder heraus. Nimm ein kleines Tuch und fülle so viele Beeren hinein, wie ein Ei groß ist. Verbinde das Tuch gut und mach so viele Bündlein, wie du willst, je nachdem wie viele Beeren du hast.

Lege die Bündlein dann in den Wein. So hast du roten Wein.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
haidper Heidelbeeren - - -
wein Wein - - -

Welches Gericht ist das? Kein eigenständiges Gericht, sondern eine Färbetechnik für Wein: getrocknete Heidelbeeren werden in kleine Tuchbündel gebunden und wie ein Aufgussbeutel in den Wein gelegt, bis er sich rötlich tönt. Die nächste lebendige Verwandtschaft ist das Teebeutel-Prinzip - hier zweckentfremdet für Wein statt Tee und für Farbe statt Aroma.

Praxis. Die Heidelbeeren kommen nach dem Brotbacken in eine Mulde und werden in den Ofen geschoben, wo sie einen Tag und eine Nacht liegen bleiben - die auskühlende Restwärme reicht zum schonenden Trocknen, ein eigenes Feuer braucht es dafür nicht. Anschließend werden eigroße Portionen der getrockneten Beeren in kleine Tücher gebunden; das Tuch wirkt wie ein Aufgussbeutel, hält die Fruchtreste zurück und lässt nur den Farbstoff in den Wein ziehen. Wie viele Bündel man bindet, richtet sich allein danach, wie viele Beeren vorhanden sind - das Original nennt weder eine Weinmenge noch eine Ziehzeit, hier hilft nur Ausprobieren und ein Blick auf die Farbtiefe. Für die Marktküche eignet sich vor allem der zweite Teil: das Binden der Tüchlein und das sichtbare Einfärben des Weins lässt sich gut vor Publikum zeigen, während das Trocknen der Beeren zu Hause vorbereitet werden muss.

Warum färbt man Wein mit Heidelbeeren rot?

Heidelbeeren enthalten kräftige Anthocyan-Farbstoffe, die beim Ziehen im Wein austreten und ihn rötlich-braun tönen. Das war eine gängige Methode, blassen oder hellen Wein optisch aufzuwerten, ohne den Geschmack stark zu verändern - die Beeren blieben ja im Tuch eingebunden und wurden nicht mitgetrunken.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Als Schaugericht ja: die Beeren müssen vorher zu Hause im Ofen getrocknet werden, aber das Binden der Tüchlein und das Einlegen in den Wein lässt sich wunderbar live vor Publikum zeigen, inklusive der sichtbaren Farbveränderung des Weins.

Was ist ein 'Tuchelein' und warum braucht man es?

Ein Tuchelein ist ein kleines Stofftuch, hier verwendet wie ein Teebeutel: die getrockneten Heidelbeeren werden darin eingebunden, sodass sie im Wein ihre Farbe abgeben können, ohne dass man am Ende Beerenreste im Glas hat.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

wiltu ain puntlach prawn machen zue wein Item Nym haidper Vnd wann man das prot aus dem ofen scheust So thue die haidper In ain muollter vnd scheuss In den ofen vnd lass sy ain tag vnd ain nacht In dem ofen ligen vnd thue sy dann her wider aus vnd nym denn ein tuchelein vnd der per darein als gross als ein aye . vnd verpind sy schon vnd mach der puntlein wie vil du wild vnd nach dem vnd vil der per hast So leg sy dann In den wein So hastu roten wein .
puntlach

Vermutlich Diminutiv zu 'Bund/Bündel' - ein kleines, in Tuch gebundenes Beerenpäckchen. Das Wort selbst ist ein Hapax und in den Wörterbüchern nicht eindeutig belegt; die Lesart stützt sich auf den Kontext (Tuch, verbinden, Bündlein machen), einen Idiotikon-Beleg zu 'uf-puntlen' (aufbinden) sowie die CoReMA-Objektbeschreibung (GAMS bs1.233), die puentlach/puentlein als 'small bundled balls of berries wrapped in cheesecloth' fasst.

prawn

Vermutlich 'braun' - Farbbezeichnung für die angestrebte Weinfarbe. MHDBDB bestätigt 'prawn' korpusweit (u.a. mha-156, mha-256, mon-044, mon-085, mon-100, mon-105) als Schreibvariante von mhd. brûn/briunen, ein eigenständiges Substantiv ist nicht belegt. Im mittelalterlichen Sprachgebrauch konnte ein rötlicher Wein als 'brauner Wein' bezeichnet werden, was zur Schlussformel 'so hastu roten wein' passt.

muollter

Kleine Mulde oder Trog, ein einfaches Holzgefäß - hier zum Hineinlegen der Beeren vor dem Schieben in den Ofen. Von der CoReMA-Glosse (GAMS bs1.233, Wikidata Q987767) als Behältnis bestätigt.

tuchelein

Kleines Tuch, eine Vorform des Käsetuchs, hier als Beutel zum Einbinden der getrockneten Beeren genutzt. Von der CoReMA-Glosse (GAMS bs1.233, Wikidata Q2621157) als Käsetuch/Mulltuch bestätigt.

haidper

Heidelbeere - von der CoReMA-Glosse (GAMS bs1.233, Wikidata Q5812410) eindeutig als solche bestätigt.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 090r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 090r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: die Heidelbeeren müssen zu Hause oder am Vortag über Nacht im (Rest-)Ofen sanft getrocknet werden, das braucht Backofenzugriff und Zeit. Am Markttag ist die eigentliche Vorführung dann schnell: vor Publikum die Tüchlein binden und die Bündel in den Wein legen, der sich sichtbar verfärbt.
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