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Rosinenessig mit Ingwer ansetzen

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit25 Min.Portionenergibt ca. 1 Liter EssigBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm ein Viertelpfund Rosinen, ein halbes Maß Wein und ein halbes Maß Essig und lass alles zusammen um zwei Querfinger einkochen.

Wenn es gekocht ist, gib die Mischung in ein Glas und lege zwei Ingwerstücke hinein. Stelle das Glas hinter den Ofen. So wird daraus ein guter, gesunder Essig.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain vierdúng weinber Rosinen 125 g - -
ain 1/2 masß wein 0,5 l Wein ½ l - -
ain halbe masß essich 0,5 l Essig ½ l - -
2 jmberzechen 2 Ingwerstücke 2 Stück - -

Welches Gericht ist das? Rosinenessig mit Ingwerstücken, angesetzt in einem Glas hinter dem warmen Ofen - eine Haushaltsmenge von rund einem Liter für die Vorratskammer. Im selben Buch steht mit saw-028 ein größer angelegter Essigansatz (mit Weinstein statt Rosinen, vier statt zwei Ingwerstücken, ausdrücklich vier Wochen Reifezeit) - dieselbe Grundmethode aus fertigem Essig plus Wein als Ansatzflüssigkeit, hier im kleineren Maßstab und mit eingekochten Rosinen statt Weinstein gesüßt.

Eine Besonderheit gegenüber diesem Zwilling: dort wird nur der Wein gekocht und erst nach dem Abkühlen mit dem rohen, ungekochten Essig vermischt, sodass die im Essig lebende Essigmutter aktiv bleibt und weiterarbeiten kann. In saw-175 dagegen kocht der Text Rosinen, Wein und den bereits fertigen Essig gemeinsam auf - 'land 2 zwerch finger einsieden' bezieht sich auf alle drei Zutaten zusammen. Kochendes Aufsieden tötet die Essigbakterien im zugesetzten Essig ab, aus dem Ansatz wird also eher ein aromatisierter, mit Rosinensüße und Essigsäure konzentrierter Sirup als ein aktiv weitergärender neuer Essig. Am Ergebnis ändert das wenig: die Säure des ursprünglichen Essigs bleibt beim Einkochen erhalten, nur ohne dass hier gezielt eine neue Gärung angestoßen wird.

Praxis. Rosinen, Wein und Essig gemeinsam aufkochen und um etwa zwei Fingerbreiten einköcheln lassen. In ein Glas füllen, zwei Stück Ingwer zugeben, verschließen und an einen warmen Ort stellen (praktisch: in Herdnähe oder auf der Heizung statt tatsächlich hinter einem Ofen). Der Text selbst nennt keine Reifedauer - anders als der Zwilling saw-028, der ausdrücklich vier Wochen angibt. Zum Durchziehen der Aromen braucht es erfahrungsgemäß ähnlich lange.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, nicht geeignet. Der Essig braucht mehrere Wochen zum Durchziehen an einem warmen Ort - der Text selbst nennt keine Dauer, ein vergleichbarer Ansatz im selben Buch (saw-028) aber vier Wochen. Das übersteigt jedes Marktwochenende. Man kann den Essig aber zuhause weit im Voraus ansetzen und als fertiges Produkt zum Verkosten mitbringen.

Was ist ein 'Vierdung'?

Ein Vierdung war ein historisches Gewichts- beziehungsweise Mengenmaß, das ungefähr einem Viertelpfund entsprach. Für den oberschwäbisch-augsburgischen Raum ist diese Bedeutung als 'Teil eines Pfundes' eigens belegt (Birlinger, Augsburgisches Wörterbuch), auch wenn die genaue Umrechnung je nach Region und Zeit schwankte.

Was bedeutet 'jmberzechen' im Rezept?

Die genaue Bedeutung ist nicht durch ein Wörterbuch belegt, aber im Buch selbst kommt der Begriff noch ein zweites Mal vor (saw-028, dort 'vier jmberzechen', ebenfalls in einem Essig-Ansatz) - mit derselben Lesart 'Ingwerstücke', denn 'ymber' bedeutet im Buch fast immer Ingwer. Das stützt die Deutung als wiederkehrenden Begriff der Verfasserin, auch wenn eine externe Quelle dafür fehlt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Ain weinberessich zú machen Nempt ain vierdúng weinber vnd ain 1/2 masß wein/ ain halbe masß essich vnnd land 2 zwerch finger einsieden/ vnnd wen er gesotten jst, so thiet jn jn ain glasß vnnd thiet 2 jmberzechen darein vnnd setzt es hinder den offen/ es wirt ain gúter, gesonder essich.
vierdúng

Historisches Gewichtsmaß, hier vermutlich ein Viertelpfund (etwa 125 g).

zwerch finger

Maßangabe zum Einkochen: um zwei Fingerbreiten reduzieren, quer gemessen.

jmberzechen

Ingwerstücke oder -zehen, in Analogie zur Knoblauchzehe als Mengeneinheit für Wurzelstücke; ergänzend passt auch die Bedeutung von 'zeche' als Warenposten/-menge (Mittellatein-Glossar). Kein externer Wörterbuchbeleg, aber im Buch selbst ein zweites Vorkommen (saw-028: 'vier jmberzechen', ebenfalls im Essig-Kontext) mit identischer Lesart - kein echter Hapax mehr.

hinder den offen

Hinter den Ofen stellen war ein gängiger warmer Reifeplatz für langsam ansetzende Speisen und Getränke.

gesonder essich

Alte Form von 'gesunder Essig', also ein bekömmlicher, wohlschmeckender Essig.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 44 verso
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain vierdúng weinberraisin Q13186
ain 1/2 masß weinwine Q282
ain halbe masß essichvinegar Q41354

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartvierdúng

Gewählte Lesart: Historisches Gewichtsmaß, hier als etwa ein Viertelpfund (rund 125 g) Rosinen gelesen.

Andere mögliche Lesart:

  • Vierdung als ursprüngliche Münz-/Gewichtseinheit von einem Viertel Mark, hier auf Rosinen übertragen. - Vierdung bezeichnete ursprünglich eine Münze bzw. ein Viertel einer Mark; die genaue Umrechnung in ein Küchenmaß für Trockenfrüchte ist nicht eindeutig belegt.

Lesartjmberzechen

Gewählte Lesart: Gelesen als 'Ingwerzehen' beziehungsweise Ingwerstücke, in Analogie zu Knoblauchzehen als Mengenangabe für Wurzelstücke.

Andere mögliche Lesart:

  • Unbekanntes, nicht sicher deutbares Wort ohne gesicherte Lesart. - Kein externer Wörterbuchbeleg für das Wort gefunden. Die Lesart als Ingwerstücke stützt sich auf die im Buch übliche Bedeutung von 'ymber' als Ingwer, die sprachliche Analogie zur Zehe bei Knoblauch, sowie ein zweites Vorkommen des Wortes im selben Buch (saw-028: 'vier jmberzechen', ebenfalls in einem Essig-Rezept) - sicher belegt ist die genaue Bildung des Wortes damit trotzdem nicht.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 44 verso, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Der Essig braucht zum Durchziehen mehrere Wochen an einem warmen Platz - das Rezept selbst nennt keine Dauer, der Zwilling saw-028 im selben Buch aber ausdrücklich vier Wochen für einen vergleichbaren Ansatz. Das übersteigt jedes Marktwochenende. Das Ansetzen selbst dauert nur wenige Minuten, aber ohne die Reifezeit ist kein fertiger Essig zu zeigen.
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Stand dieser Fassung: 31.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.