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Maienkuchen mit Frühlingskräutern

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit40 Min.Portionen8-10 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm ein Pfund Rosinen und ein Pfund kleine Rosinen, dazu fünf Stücke Maienschmalz. Füge eine Handvoll Ysop und eine Handvoll Gundelrebe hinzu, dazu ein wenig Salbei, etwa zehn Blätter, und doppelt so viel Minze. Gib noch eine Handvoll Frauenminze dazu und hacke alle diese Kräuter klein.

Rühre das Maienschmalz unter das gehackte Kraut. Dazu kommen etwa fünfzehn Eier und ein halbes Pfund Zucker. Für den Boden nimm zwei Eier und mache daraus einen Teig wie für eine Torte. Backe den Kuchen zwei Stunden lang.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain pfúnd rosin Rosinen 500 g - -
ain pfúnd weinberlen kleine Rosinen 500 g - Korinthen oder Sultaninen
5 strútzellen mayenschmaltz Stücke Maienschmalz 5 - frische, hochwertige Butter
ain handtvoll jspen Ysop - Kräutergarten, Gewürzhandel -
ain handtvoll gúndelreben Gundelrebe - Wildkräuter, Kräuterhandel -
ain wenig salua, vngefar 10 bleter 10 Salbeiblätter 10 Blätter - -
2 mal soúil deýmenten 20 Minzblätter 20 Blätter - -
ain handúol frawenmintz Frauenminze - Kräutergarten, Online-Kräuterhandel Krauseminze, wenn Frauenminze nicht verfügbar ist
bey 15 airen Eier 15 - -
ain 1/2 pfúnd zúcker Zucker 250 g - -
zom boden 2 air Eier für den Boden 2 - -

Welches Gericht ist das? Eine Kräutertorte: ein Tortenboden aus Eierteig, darauf eine dichte, eierreiche Füllung aus Rosinen, Zucker und einer vollen Handvoll frischer Küchenkräuter. Fünfzehn Eier auf rund anderthalb Kilogramm Trockenfrucht binden die Füllung eher wie eine Quiche-Masse - das rückt sie strukturell näher an einen dichten Eierauflauf oder Flan als an eine heutige Rosinentorte. Der nächste Verwandte im Buch selbst ist die grüne Kräutertorte saw-133, die mit denselben Kräutern (Ysop, Minze, Salbei) arbeitet und ihren Boden ebenfalls eigens mit Ei ansetzt. Vergleichbar sind auch die bis heute zur Maien- und Pfingstzeit in Alpenregionen gebackenen Kräuterfladen, nur dass jene meist herzhaft ausfallen, während diese Torte mit 250 Gramm Zucker und einem Kilogramm Rosinen deutlich süß gehalten ist.

Der Boden ist ein gewöhnlicher Tortenteig. „zom boden 2 air, daraús gemacht wie zú ainem torta" heißt nicht, dass der ganze Kuchen wie eine Torte geformt wird, sondern dass die zwei Eier den Teig für den Boden ergeben - gemacht wie bei einer Torte. Das Buch erklärt diesen Teig an einer Stelle vollständig: saw-070 setzt ihn aus zwei Eiern und so viel Mehl an, bis er dick wird, knetet ihn auf dem Tisch durch und schließt ausdrücklich mit „also macht man all tortentaig" - so macht man jeden Tortenteig. Dieselbe Kurzformel steht in saw-133 („mach ain boden mit ainem aý") und in saw-123/saw-125, wo der Boden „aus schenem mell gemacht" ist. Die zwei Eier sind also eine Teigangabe, keine zusätzlichen Eier für die Füllung.

Mehl nur im Boden. Die Füllung selbst nennt kein Mehl - sie bindet allein über die fünfzehn Eier und das Maienschmalz. Mehl kommt in diesem Rezept ausschließlich in den Boden, und zwar in der von saw-070 nicht bezifferten Menge („bis es dick wirt"). Wer beim Nachbacken Mehl in die Kräuter-Rosinen-Masse rührt, verändert das Gericht.

Offen bleibt die Fettmenge. Die fünf Strutzel Maienschmalz bezeichnen vermutlich laibförmige Stücke, ohne dass die Handschrift ihr Gewicht nennt (siehe die Lesarten) - das ist praktisch relevant, weil die Fettmenge mitentscheidet, ob die mehlfreie Füllung zusammenhält. Ebenso wenig sagt der Text, ob die Torte oben gedeckelt wurde: saw-070 legt für seine Pflaumentorte ausdrücklich ein zweites Teigblatt auf, hier ist von einem Deckel keine Rede.

Praxis. Zuerst den Boden ansetzen: zwei Eier verschlagen, so viel Mehl einrühren, bis der Teig dick wird, ihn auf dem Brett gut durcharbeiten und die Form damit auslegen (Verfahren nach saw-070). Dann die fünf Kräuter (Ysop, Gundelrebe, Salbei, Minze, Frauenminze) fein hacken, das verteilt das Aroma gleichmäßig statt in groben Stücken. Das Maienschmalz unter das gehackte Kraut rühren, damit das Fett die Kräuteröle aufnimmt - das ist die einzige im Text ausdrücklich benannte Rührtechnik. Rosinen, die fünfzehn Eier und den Zucker dazugeben, die Masse auf den Boden füllen und zwei Stunden bei gleichmäßiger, milder Hitze backen, im Dutch Oven mit Glut unter und auf dem Deckel ebenso möglich wie im Backofen. Bei der Fettmenge lieber vorsichtig beginnen und bei Bedarf nachlegen, bis die Masse zusammenhält, statt ein festes Gewicht anzunehmen, das die Quelle nicht liefert.

Wo bekomme ich Ysop, Gundelrebe und Frauenminze?

Diese drei Kräuter sind keine Standard-Supermarktware. Ysop und Frauenminze finden sich in gut sortierten Kräutergärten oder im Online-Kräuterhandel, Gundelrebe wächst als Wildkraut oft im eigenen Garten oder am Waldrand und kann auch auf Wochenmärkten mit Wildkräuter-Angebot auftauchen. Wer keines der drei findet, kann ersatzweise mit etwas mehr von dem im Rezept ohnehin verwendeten Salbei und etwas Zitronenmelisse experimentieren, ohne dass der historische Charakter ganz verloren geht.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Eingeschränkt geeignet. Die ungewöhnlichen Frühlingskräuter müssen vorher besorgt oder gesammelt werden, und der Kuchen braucht zwei volle Stunden gleichmäßige Hitze, was am Lagerfeuer im Dutch Oven durchgehende Betreuung erfordert. Als Schaubackwerk für einen ruhigeren Markttag aber gut vorstellbar.

Was ist Maienschmalz und warum wird es eigens genannt?

Maienschmalz ist Butter, die im Mai von Kühen gewonnen wurde, die frisches, kräuterreiches Weidegras fraßen. Man hielt diese Butter für besonders aromatisch und golden, ein verbreiteter Glaube in der Frühen Neuzeit.

Wie mache ich den Tortenboden?

Das Rezept sagt nur „für den Boden zwei Eier, daraus gemacht wie zu einer Torte" - den Teig selbst erklärt Sabina Welserin an anderer Stelle: Zwei Eier verschlagen, so viel Mehl einrühren, bis der Teig dick wird, dann auf dem Brett gut durcharbeiten (saw-070, dort ausdrücklich als Anleitung für jeden Tortenteig). Eine Mehlmenge nennt die Handschrift nicht, du arbeitest nach Gefühl bis zu einem festen, ausrollbaren Teig.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Ain gúten mayenkúchen zú machen Nempt ain pfúnd rosin, ain pfúnd weinberlen, 5 strútzellen mayenschmaltz, ain handtvoll jspen, ain handtvoll gúndelreben, ain wenig salua, vngefar 10 bleter, 2 mal soúil deýmenten, ain handúol frawenmintz/ bey 15 airen, ain 1/2 pfúnd zúcker, das kraút klaingehackt, 2 stúnd gebachen/ das schmaltz mús vnnder das kraút geriert sein, zom boden 2 air, daraús gemacht wie zú ainem torta.
mayenschmaltz

Maienschmalz, Butter von Kühen, die im Mai auf frischer, kräuterreicher Weide grasten. Solcher Butter schrieb man besondere Güte und einen feinen, aromatischen Geschmack zu, ein weit verbreiteter Glaube der Frühen Neuzeit.

jspen

Ysop (Hyssopus officinalis), ein bitteres Küchen- und Heilkraut, das in Frühlingskräutermischungen häufig vorkam.

gúndelreben

Gundelrebe, auch Gundermann genannt, ein weitverbreitetes Wildkraut mit leicht bitterem, würzigem Geschmack.

deýmenten

Frühneuhochdeutsche Dialektform für Minze (vgl. 'Deyment'/'Beyment' bei Fischer, Schwäbisches Wörterbuch, belegt bei Leonhart Fuchs 1543 und Hieronymus Bock 1556). Dieselbe Schreibung ist im Buch mehrfach belegt (u. a. saw-029, saw-133) und dort durchgängig als Minze gelesen.

frawenmintz

Frauenminze, auch Balsamkraut oder Costmary genannt, ein aromatisches Kraut, das damals oft in Süßspeisen verwendet wurde.

torta

Italienisches Lehnwort für Torte oder Kuchen, ein Zeichen für die engen Handelsbeziehungen Augsburgs nach Italien im 16. Jahrhundert.

strútzellen

Unklare Mengenbezeichnung, vermutlich laibförmige Butterstücke oder -portionen, wie sie damals im Handel üblich waren.

zom boden 2 air

Angabe für den Tortenboden, nicht für die Füllung: Aus zwei Eiern wird der Teig gemacht, „wie zu einem torta". Das Buch beschreibt dieses Verfahren in saw-070 vollständig (zwei Eier verschlagen, Mehl einrühren bis der Teig dick wird, durchkneten) und schließt dort mit „also macht man all tortentaig". Dieselbe Kurzform steht in saw-133: „mach ain boden mit ainem aý".

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 44 verso
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain pfúnd rosinraisin Q13186
ain handtvoll jspenhyssop Q137931
ain wenig salua, vngefar 10 bletercommon sage Q1111359
bey 15 airenchicken egg Q15260613
ain 1/2 pfúnd zúckerunrefined cane sugar Q57656231

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartweinberlen

Gewählte Lesart: Kleine Rosinen oder Korinthen, als zweite, feinere Trockenfrucht neben den bereits genannten größeren Rosinen ('rosin') gedacht.

Andere mögliche Lesart:

  • Dieselbe Rosinensorte wie 'rosin', also schlicht eine zweite Nennung großer Rosinen. - Das Korpus-Glossar belegt 'weinberlach' auch ohne Größendifferenzierung schlicht als Rosinen, sodass eine bloße Wiederholung nicht auszuschließen ist.

Lesart5 strútzellen mayenschmaltz

Gewählte Lesart: Fünf laibförmige Stücke oder Portionen Maienschmalz, ähnlich der Form eines kleinen Butterlaibs oder 'Stritzels'.

Andere mögliche Lesart:

  • Fünf unbestimmte Löffel oder Klumpen Butter ohne feste Form. - Das Wort ist im bekannten Korpus nicht belegt, die Lesart als laibförmiges Stück stützt sich nur auf lautliche Nähe zu 'Stritzel'.

Lesart2 mal soúil deýmenten

Gewählte Lesart: Doppelt so viele Minzblätter wie die zuvor genannten zehn Salbeiblätter, also etwa zwanzig Blätter.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine allgemein größere, aber nicht genau bezifferte Menge Minze. - Der Text nennt für die Minze keine absolute Zahl, sondern nur einen Multiplikator zur vorherigen Salbei-Angabe, sodass die exakte Zahl eine Ableitung bleibt.

Lesartfrawenmintz

Gewählte Lesart: Frauenminze, auch Balsamkraut oder Costmary genannt (Tanacetum balsamita), ein eigenständiges Küchenkraut.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine volkstümliche Bezeichnung für eine gewöhnliche Minzsorte. - Der Wortbestandteil 'mintz' könnte auch auf schlichte Minze verweisen, doch 'Frauenminze' ist als eigener historischer Pflanzenname für Balsamkraut gut etabliert.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 44 verso, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand): Ysop, Gundelrebe und Frauenminze sind keine Supermarktkräuter und müssen vorab gesammelt oder besorgt werden, und der Kuchen braucht zwei Stunden gleichmäßige Hitze, was im Dutch Oven Dauerbetrieb am Feuer verlangt.
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Stand dieser Fassung: 02.09.2026 - 3-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.