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Essig-Ansatz mit Weinstein und Gewürzen

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit40 Min.Portionenca. 20 Liter Essig (ein Krug)BuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Für einen guten Essig, der sich lange hält und beständig bleibt: Diese Anleitung stammt von der Stettnerin auf der Stube.

Nimm einen Krug, der 20 Maß fasst, und lass ihn gut auspichen. Stoße 2 Pfund Weinstein klein und gib ihn in den Krug. Gib dazu 4 Stück Ingwer und 30 oder 32 Pfefferkörner. Gieße 14 Maß guten Essig in den Krug.

Bring 6 Maß guten Wein zum Sieden und schäume ihn ab. Lass ihn ein wenig erkalten und schütte ihn ebenfalls in den Krug. Lass alles 4 Wochen lang ruhig stehen, ohne daran zu rühren, so wird der Essig ganz gut und lange haltbar.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
weinstain Weinstein 1000 g Reformhaus, Online-Gewürzhandel Backweinstein (Kaliumbitartrat) aus dem Supermarkt-Backregal
jmberzechen Ingwerstücke 4 - -
pfefferkernlen oder 32 Pfefferkörner 30 - -
essich 14 Liter Essig 14 l - -
wein 6 Liter Wein 6 l - -

Welches Gericht ist das? Kein Gericht, sondern eine Vorratshaltungs-Anleitung: ein Großansatz zur Weinessig-Herstellung im gepichten 20-Maß-Krug. Die moderne Verwandtschaft ist die langsame Fassessig-Methode (auch Orléans-Methode genannt), bei der fertiger Essig als Starterkultur mit frischem Wein aufgefüllt und wochenlang ungestört reifen gelassen wird - genau so arbeiten heutige Craft-Essig-Manufakturen mit einer Mutterkultur im Fass.

Was der Weinstein tatsächlich bewirkt. Der Weinstein liefert Säure und trägt zur Klärung bei, ist aber kein biologischer Gärstarter. Die eigentliche Essigsäuregärung treibt der bereits im Ansatz enthaltene, unpasteurisierte Essig mit seiner lebenden Essigmutter an - der Weinstein ist eine geschmacks- und klarheitsgebende Beigabe, kein Ersatz dafür.

Offen: Abdeckung während der Reifezeit. Der Text nennt nur, dass der Krug vier Wochen lang nicht bewegt oder gerührt werden soll („das jr nit darúon panchen“), sagt aber nichts über eine gesonderte Abdeckung. Ob der gepichte, verschlossene Krug damals als ausreichend dicht galt oder zusätzlich mit einem Tuch verschlossen wurde, lässt der Text offen.

Praxis. Einen 20-Liter-Krug aus Ton oder Steinzeug gut abdichten (auspichen). 1000 g Weinstein grob zerstoßen und in den Krug geben, dazu 4 Stück Ingwer und 30 bis 32 Pfefferkörner. 14 Liter guten Essig eingießen. 6 Liter guten Wein aufkochen, abschäumen und etwas abkühlen lassen, bevor er zum Rest in den Krug kommt - der heiße Wein würde sonst die zugesetzte Essigkultur abtöten. Den Krug mit einem atmungsaktiven Tuch abdecken, das Insekten und Staub fernhält, aber Luft für die Essigmutter durchlässt (moderne Empfehlung, der Text äußert sich dazu nicht). Vier Wochen ungestört stehen lassen, ohne zu rühren oder zu bewegen.

Wo bekomme ich Weinstein für den Essig-Ansatz?

Weinstein gibt es als 'Backweinstein' oder 'Cremor Tartari' im Reformhaus, Online-Gewürzhandel oder gut sortierten Supermärkten im Backregal. Es handelt sich um denselben kristallinen Stoff, der sich in alten Weinfässern absetzt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, nicht geeignet. Die vierwöchige, ungestörte Reifezeit im verschlossenen Krug lässt sich an einem Marktwochenende nicht abbilden - das ist Kellerarbeit, die zu Hause über Wochen läuft, nicht am Feuer.

Was bedeutet die Maßangabe 'Maß' im Rezept?

'Maß' war ein regional unterschiedlich großes historisches Hohlmaß für Flüssigkeiten, hier näherungsweise mit einem Liter gleichgesetzt. Der genannte Krug mit '20 Maß' fasst also etwa 20 Liter, was zu den Mengen von 14 Maß Essig und 6 Maß Wein passt.

Wo bekam man damals 1000 g Weinstein her - das ist eine ganze Menge für einen Haushalt?

Weinstein war kein separat hergestelltes oder teuer beschafftes Gut, sondern ein Abfallprodukt des Weinhandels: Er kristallisiert von selbst als Kruste am Boden und an den Wänden von Weinfässern, wenn Wein über Jahre lagert. In einer Handelsstadt wie Augsburg mit großen Weinkellern und -fässern fiel Weinstein in Mengen an, die für einzelne Haushalte kaum zu erreichen gewesen wären - er wurde aus den Fässern gekratzt, durch Auflösen in Wasser und Abschöpfen gereinigt und dann von Weinhändlern, Küfern und Apothekern (als 'Cremor Tartari') weiterverkauft. 1000 g für einen Großansatz waren damit eine Frage des Einkaufs beim Wein- oder Apothekenhandel, kein Beschaffungsproblem.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Welt jr ain gúten essich ansetzen vnnd der lang gút vnnd bestendig bleib, kompt von der stettnerin aúff der stúben Nempt ain krúg, das 20 masß dareingang/ vnnd last jn woll bicken/ darnach nempt 2 pfúnd weinstain vnnd stost jn klain vnnd thiet jn jn krúg, nempt 4 jmberzechen/ ain 30 oder 32 pfefferkernlen, nempt 14 masß gúten essich vnnd schit jn jn krúg, nempt 6 masß guten wein vnnd machet jn sieden vnd verfaimbt jn/ darnach land jn ain wenig erkalten vnd schitent jn jn krúg vnnd land jn 4 wúchen lang stan, das jr nit darúon panchen, so wirt er gar gút vnnd lanckwirig.
weinstain

Weinstein, ein kristalliner Rückstand aus Weinfässern (Kaliumbitartrat), dient hier als Säuerungs- und Klärungsmittel. Die eigentliche Gärung zum Essig treibt nicht der Weinstein an, sondern der im Ansatz bereits enthaltene, unpasteurisierte Essig mit seiner lebenden Essigmutter.

stettnerin

Namentliche Zuschreibung an eine Frau namens Stettner, vermutlich aus dem Umfeld einer Augsburger Gesellschaftsstube. Sabina Welserin nennt in ihrem Kochbuch häufig die Person, von der ein Rezept stammt.

masß

Historisches Hohlmaß, regional unterschiedlich groß. Hier näherungsweise mit einem Liter gleichgesetzt, damit der Krug mit 20 Maß und die Mengenangaben nachvollziehbar bleiben.

bicken

'Pichen': das Abdichten eines neuen Tonkrugs mit Pech, damit er dicht wird und dem Essig keinen fremden Geschmack oder Feuchtigkeit entzieht. Die Lesart ist gut belegt - dieselbe Technik mit denselben Wortvarianten (bichent/beche/pichen) findet sich auch im Weinbuch Donaueschingen, und Birlinger führt für Augsburg eigens 'auszpichen, auszkleben'.

verfaimbt

Abschäumen. 'Faim' ist im Alemannischen der Schaum, der beim Sieden von Wein aufsteigt und entfernt werden soll.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 9 verso
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

weinstainpotassium bitartrate Q18745
essichvinegar Q41354
weinwine Q282

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartbicken

Gewählte Lesart: gut auspichen (mit Pech abdichten) - Vorbereitung des Tongefäßes vor dem Befüllen

Andere mögliche Lesart:

  • gründlich reinigen/abschrubben - Lautlich nahe an 'schrubben', aber ohne Beleg für diese Bedeutung im Kontext der Gefäßvorbereitung; die Pich-Lesart passt besser zur historischen Praxis bei Ton- und Holzgefäßen.

Lesartjmberzechen

Gewählte Lesart: vier Stück/Knollenstücke Ingwer (Ingwerzehen, analog zu Knoblauchzehen)

Andere mögliche Lesart:

  • vier Ingwer-Stangen als eigene Maßeinheit - 'zechen' könnte auch als dialektale Form eines Mengenbegriffs gelesen werden, ohne dass eine feste, benannte Maßeinheit dahintersteht.

Lesartpanchen

Gewählte Lesart: daran rühren/das Gefäß bewegen - während der vier Wochen Ruhezeit soll der Krug nicht geschüttelt werden

Andere mögliche Lesart:

  • aus dem Krug schöpfen/entnehmen - Denkbar wäre auch ein Hinweis, während der Reifezeit nichts zu entnehmen, was ebenfalls zum Kontext der Ruhephase passen würde.

Lesartstettnerin

Gewählte Lesart: Eigenname einer Frau ('die Stettnerin'), vermutlich Mitglied der Augsburger Gesellschaftsstube - Quellenangabe wie in vielen Rezepten Sabina Welserins

Andere mögliche Lesart:

  • Herkunftsbezeichnung 'die aus Stetten' (Ortsname) - Die Endung '-erin' könnte auch eine Herkunftsbezeichnung statt eines Familiennamens sein, beides war im Frühneuhochdeutschen üblich.

LesartAbdeckung des Kruges während der Reifezeit

Gewählte Lesart: Der Text nennt keine gesonderte Abdeckung - nur, dass der Krug vier Wochen lang nicht bewegt oder gerührt werden darf

Andere mögliche Lesart:

  • Der gepichte, verschlossene Krug galt selbst schon als ausreichend dicht gegen Insekten und Staub, deshalb bleibt eine Abdeckung unerwähnt - Historische Hypothese, nicht durch den Text selbst belegt - 'gut auspichen' dient primär der Wasserdichtigkeit des porösen Tons, nicht zwingend einer Luftabdichtung.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 9 verso, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Vier Wochen ungestörte Reifezeit im verschlossenen, gepichten Krug sprengen jeden Markttag - das ist klassische Kellerarbeit für den Vorratsraum, kein Lagerkochen. Wer den fertigen Essig zeigen will, bringt ihn fertig gereift mit und erzählt die Geschichte dazu.
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Stand dieser Fassung: 16.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.