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Gepökelte und geräucherte Rinderzungen

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

RindHauptspeise · RindLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit90 Min.PortionenErgibt 25 gepökelte Zungen, ein Vorrat für das ganze JahrBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Wer gut gesalzene Zungen machen will, macht sie am besten im Januar, so halten sie sich das ganze Jahr.

Nimm zunächst 25 Zungen oder so viele du willst. Nimm eine nach der anderen und schlage sie hinten und vorne auf einem Hackblock, so werden sie lang. Stoße danach Salz klein und wälze die Zungen darin um.

Nimm dann ein feines Fässchen und lege unten auf den Boden Salz. Lege danach eine Lage Zungen hinein, dicht nebeneinander, und streue wieder Salz darüber, bis alles ganz weiß vom Salz ist. So schichte immer abwechselnd eine Lage Zungen und eine Lage Salz, bis alle hineingelegt sind.

Beschwere das Ganze danach gut, so dass die austretende Lake darüberzieht, und lass es 50 Tage lang so stehen. Hänge die Zungen danach 4 Tage lang in den Rauch, dann sind sie genug fertig. Hänge sie danach an die Luft, so hast du gut durchgezogene, wohlgereifte Zungen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
zúngen Zungen 25 Metzger -
saltz Salz - - -

Welches Gericht ist das? Gepökelte, geräucherte, luftgetrocknete Rinderzunge - der Vorfahr der heute beim Metzger erhältlichen Rauchzunge bzw. Pökelzunge, die kalt aufgeschnitten als Aufschnittplatte serviert wird. Das Grundverfahren (Salzlake, Räuchern, Lufttrocknen) ist technisch mit der Pökeltechnik von Corned Beef oder Pastrami verwandt, allerdings mit anderem Ausgangsstück und anderer Würzung - eine technische Verwandtschaft, keine Gleichsetzung.

Der Hackblock-Schritt. Das Schlagen der Zungen hinten und vorne auf dem Hackblock ist reine mechanische Bearbeitung, keine Garung: es streckt und lockert das Muskelfleisch, ähnlich dem Klopfen von Schnitzeln.

Praxis. Zungen auf einem stabilen Brett von beiden Seiten flachklopfen, dann in Salz wälzen. In einem sauberen Gefäß abwechselnd Lagen Zungen und Salz schichten, bis alles weiß bedeckt ist. Beschweren, damit die austretende Lake alles überzieht und Luftkontakt verhindert - das Salz entzieht dem Fleisch Wasser und bildet so die eigene Lake. 50 Tage stehen lassen, danach 4 Tage räuchern und anschließend an der Luft trocknen. Nach heutigen Maßstäben wirkt die Salzzeit von 50 Tagen lang, übliche moderne Pökelzeiten für Zunge liegen eher bei ein bis zwei Wochen. Der Text nennt aber ausdrücklich eine große Charge (25 Stück oder mehr) und ein ganzes Jahr Haltbarkeit als Ziel, was eine längere, konservativere Salzzeit erklärt. Für die Lagerküche eignet sich der Herstellungsprozess selbst nicht (weit über 50 Tage), fertig gepökelte und geräucherte Zunge lässt sich aber vorbereitet mitbringen und kalt aufschneiden.

Wo bekomme ich Rinderzungen zum Pökeln?

Beim Metzger, oft auf Vorbestellung, da Zunge heute kein Standard-Ladenartikel ist. Manche Wochenmärkte mit eigener Schlachterei führen sie ebenfalls.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, nicht geeignet. Der Prozess braucht 50 Tage Salzlake plus 4 Tage Räuchern plus Lufttrocknung, das lässt sich an einem Marktwochenende nicht zeigen. Fertig gepökelte Zunge kann aber vorbereitet mitgebracht und kalt aufgeschnitten serviert werden.

Warum soll man die Zungen ausgerechnet im Januar einsalzen?

Im Winter war es kalt genug, dass das Fleisch während der langen Salzzeit nicht verdarb, ganz ohne Kühlschrank. Die Schlachtsaison lag ebenfalls im Spätherbst und Winter, sodass frisches Fleisch dann reichlich verfügbar war.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Welt jr gút gesaltzen zúngen machen, send am pesten zú machen jm janúaren, so bleiben sý das gantz jar Erstlich nempt 25 zúngen oder wieúil jr welt vnnd nempt aine nach der andern vnnd schlagst hinden vnnd vornen aúff ainem hackplock/ so werden sý lang, darnach stost ain saltz klain vnnd kert die zúngen jn ainem saltz vmb/ nempt darnach ain fein schefflin vnnd thent vnnden am boden saltz/ legt darnach ain gelett zúngen/ zúnechst anainander, darnach thent wider saltz daraúff, das es gantz weisß vor saltz seý/ also legt allweg ain glet zúngen, darnach saltz, bis jrs gar hineingelegt habt, darnach schwerens woll zu, das die brie daribergang/ vnnd lands 50 tag lang stann, darnach henckens jn rach 4 tag, send sý gnúg gerecht/ hencken darnach an lúfft, so habt jr gút digen zúngen.
hackplock

Hackblock, ein schwerer Holzblock zum Klopfen und Zerteilen von Fleisch. Die Zungen werden darauf geschlagen, damit sie sich strecken und lang werden.

schefflin

Kleines Fässchen oder Bottich, in dem die Zungen Schicht für Schicht mit Salz eingelegt werden.

gelett

Eine Lage oder Schicht, hier eine Lage nebeneinandergelegter Zungen im Fass.

brie

Die Lake oder Salzflüssigkeit, die beim Pökeln aus dem Fleisch austritt und die Zungen im Fass bedecken soll.

rach

Rauch, hier das Räuchern der Zungen nach der Salzzeit.

digen

Gediegen, wohl durchgezogen und ausgereift - die Zungen sind nach dem Salzen, Räuchern und Lufttrocknen fertig gepökelt.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 9 recto
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

saltztable salt Q11254

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartdaribergang

Gewählte Lesart: Darübergehen im Sinn von 'die Lake bedeckt die Zungen vollständig' - eine Anweisung, dass genug Flüssigkeit austritt, um die Ware zu bedecken.

Andere mögliche Lesart:

  • Die Lake soll durch die Schichten hindurchziehen (durchdringen) - Eine verwandte, aber leicht andere Nuance des Verbs 'gehen über' wäre ebenso plausibel, ändert aber den praktischen Sinn kaum.

Lesartdigen

Gewählte Lesart: Gediegen, wohl durchgezogen und fertig ausgereift - eine Qualitätsaussage über die fertigen Zungen nach dem gesamten Prozess.

Andere mögliche Lesart:

  • Möglicherweise verschrieben oder verwandt mit 'dörren' (trocknen) - Da der letzte Schritt das Lufttrocknen ist, wäre auch eine Bedeutung nahe 'getrocknet' denkbar, auch wenn die Wortform eher zu 'gediegen' passt.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 9 recto, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Der Prozess dauert insgesamt 54 Tage (50 Tage Salzlake, 4 Tage Räuchern) plus anschließendes Lufttrocknen - das ist eine Vorrats-Herstellung für zu Hause über Wochen, kein Markttag-Gericht. Fertig gepökelte oder geräucherte Zunge lässt sich aber problemlos fertig eingekauft und aufgeschnitten als kalte Platte ins Lager mitbringen.
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Stand dieser Fassung: 16.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.