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Rot angelaufenes Pökelfleisch

Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543

RindHauptspeise · RindLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit45 Min.PortionenFür den VorratBuchDas Kochbuch der Philippine Welser (~1543)

Wer ein festes Fleisch zubereiten möchte, das schön rot und wohlschmeckend wird, sei es Ochsenzunge oder anderes Fleisch, der nehme das Fleisch oder die Zungen, wie sie aus der Metzgerei kommen, und salze sie sauber und gründlich ein. Lasse sie so drei Tage im Salz liegen.

Danach nimm das Fleisch oder die Zungen und wasche sie blank mit dem Salzwasser, in dem sie zuvor gelegen haben. Lege das Fleisch in ein sauberes Geschirr.

Nimm danach die Brühe und gib sie in einen Kessel oder eine Pfanne. Stelle sie über das Feuer und lasse sie ein wenig sieden. Wenn sie aber anfängt zu sieden, schäume sie sauber ab, solange sie noch Schaum bildet.

Danach nimm sie vom Feuer und lasse sie kalt werden. Nimm dann das Fleisch wieder in ein sauberes Geschirr und schütte die Brühe wieder kalt darüber, nicht warm, sonst verdirbt sie das Fleisch.

Lasse es danach 10 oder 14 Tage darin liegen. Nimm es danach heraus und hänge es in den Rauch auf, wie du weißt. So wird es schön rot und lang haltbar, mit Wacholder.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
es sey oxen zungen oder anders / der nem das flesch oder zungen Fleisch oder Zungen (z.B. Ochsenzunge) - Metzger -
saltz Salz - - -
brye Brühe - - -

Welches Gericht ist das? Gepökeltes und geräuchertes Fleisch oder Zungen - der Vorläufer von Rauchfleisch bzw. Selchfleisch und der gepökelten, geräucherten Rinderzunge, wie sie noch heute beim Metzger verkauft wird. Vom Grundprinzip her (nicht vom Ausgangsprodukt) ist das Verfahren auch mit Corned Beef oder Pastrami verwandt: Salzlake, Reifung, Räuchern.

Die Wiederverwendung der Lake. Die Salzlake, in der das Fleisch drei Tage lag, wird nicht weggeschüttet: sie wird aufgekocht und abgeschäumt, bis kein Schaum mehr aufsteigt, und dann vollständig abgekühlt, bevor sie erneut über das Fleisch kommt. Das ist ein Klär- und Hygieneschritt, keine Garung - er entfernt ausgetretenes Eiweiß aus der Lake, bevor sie weiterverwendet wird. Der Text besteht ausdrücklich darauf, die Lake kalt und nicht warm über das Fleisch zu gießen, sonst verderbe es - eine im Original selbst begründete Vorsichtsmaßnahme.

Praxis. Fleisch oder Zungen drei Tage trocken in Salz einlegen. Die entstandene Lake abgießen, aufkochen, abschäumen und vollständig auskühlen lassen. Fleisch abwaschen, in ein sauberes Gefäß legen und die kalte, geklärte Lake darübergießen. 10 bis 14 Tage kühl (Kühlschrank oder kühler Keller) darin ziehen lassen. Danach herausnehmen und kalträuchern (unter 30°C, über mehrere Tage) - das Original setzt die Räuchermethode selbst als bekannt voraus und nennt weder Dauer noch Holzart. Für die Lagerküche eignet sich der Herstellungsprozess selbst nicht (mehrwöchige Reifung plus Räucherausrüstung), fertig gepökeltes und geräuchertes Fleisch lässt sich aber vorbereitet mitbringen und kalt aufschneiden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, nicht geeignet. Dieses Rezept ist eine Methode zur langfristigen Fleischkonservierung, die Pökeln über Wochen und anschließendes Räuchern erfordert. Es ist nicht für die Zubereitung im Lager geeignet, da es lange Reifezeiten und spezielle Ausrüstung (Räucherkammer) voraussetzt.

Was bedeutet ‚diges flesch‘ im Rezept?

‚Diges flesch‘, also ‚festes Fleisch‘, bezieht sich auf substanzielles Fleisch, das sich gut zum Pökeln und Räuchern eignet, wie zum Beispiel Ochsenzunge oder andere kräftige Fleischstücke.

Woher bekomme ich das Fleisch ‚aus der megxt‘?

‚Aus der megxt‘ ist eine dialektale Bezeichnung für ‚aus der Metzgerei‘ oder ‚von der Schlachtung‘. Du bekommst das frische Fleisch also beim Metzger deines Vertrauens.

Was bedeutet ‚blaud waschen‘?

‚Blaud waschen‘ ist eine frühneuhochdeutsche Formulierung für ‚blank waschen‘. Das Fleisch soll gründlich von anhaftendem Salz und Schleim gereinigt werden, bis es sauber und hell ist.

Was bedeutet die Anweisung ‚nit mer foimt geytt‘?

‚Nit mer foimt geytt‘ bedeutet wörtlich ‚nicht mehr schäumt gibt‘. Es ist eine Anweisung, die Brühe so lange abzuschäumen, bis keine Verunreinigungen mehr als Schaum an die Oberfläche steigen.

Wozu dienen die ‚wech halltter bortzen‘?

‚Wech halltter bortzen‘ meint hier vermutlich Wacholder als Räucherholz, nicht Wacholderbeeren als zugegebenes Gewürz. Der Text nennt an dieser Stelle keine Zutat, sondern beschreibt nur, dass das fertige Fleisch danach riecht bzw. sich so anfühlt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.

wie ma guotz diges flesch so [sol] machen das rott wert Item wer ain diges flesch wil machen das es schen rodt vnd wol geschmack wert es sey oxen zungen oder anders der nem das flesch oder zungen wie es aus der megxt get vnd saltz sauber vnd wol ein vnd las also 3 tag ston jm saltz vnd dar nach so nim das flesch oder zungen vnd wesch das blaud mit dem saltz waser vor dar von dar jn es gelegen ist vnd leg das flesch jn ain sauber geschir dar nach so nim die brye vnd dau es jn ain kesel oder pfanen vnd daus yber das feur vnd las ain wenig syeden wan wan es aber anfach syedenn so foums sauber ab as [als] lanng es nit mer foimt geytt dar nach daus ab dem feur vnd las kalt werden dar nach so nim das flesch wider jn ain sauber geschir vnnd schit die brye wider kalt ⟨werden⟩ dar an vnd nit waram sy verdyrpt sunst das flesch dar nach las 10 oder 14 tag dar jn ligen vnd nimss dar nach her aus vnd hencks jn rauch auff wie du wayst so wirtz schen rott vnd lang wirig rechs mit wech halltter bortzen
diges flesch

‚Diges Fleisch‘ bezeichnet hier festes, substanzielles Fleisch, das sich gut zum Pökeln eignet.

megxt

Eine dialektale Form für ‚Metzgerei‘ oder ‚Schlachtung‘, den Ort, von dem das frische Fleisch bezogen wird.

blaud

Eine frühneuhochdeutsche Form von ‚blank‘, hier im Sinne von ‚sauber‘ oder ‚rein‘. Das Fleisch soll gründlich vom Salz und Schleim gereinigt werden.

foimt geytt

Wörtlich ‚schäumt gibt‘, bedeutet hier ‚bis es nicht mehr schäumt‘. Es beschreibt den Vorgang des Abschäumens der Brühe, bis keine Verunreinigungen mehr aufsteigen.

lang wirig

Bedeutet ‚lang haltbar‘ oder ‚dauerhaft‘, was auf die Konservierung des Fleisches durch Pökeln und Räuchern hinweist.

wech halltter bortzen

Diese Form bezeichnet hier vermutlich Wacholder als Holz oder Wurzel, nicht Wacholderbeeren als Gewürzzutat: der Satz beschreibt das Ergebnis des Räucherns, nicht eine zuvor zugegebene Zutat, und das Buch verwendet für Wacholderbeeren an anderer Stelle eine eigene, davon unterschiedene Form.

Handschrift
Das Kochbuch der Philippine Welser
Folio
Fol. 121r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-augsburgisch, Nachträge mit tirolisch-bairischen Zügen, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg / Tirol, 1543

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

saltztable salt Q11254
bryestock Q3075310

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartmegxt

Gewählte Lesart: ‚Megxt‘ wird als dialektale Form von ‚Metzgerei‘ oder ‚Schlachtung‘ gelesen, dem Ort, von dem das frische Fleisch bezogen wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine alternative Lesart wäre ‚Markt‘, aber für die Beschaffung von frischem, unvorbereitetem Fleisch ist ‚Metzgerei‘ im Kontext plausibler. - Obwohl ‚Markt‘ eine mögliche Bezugsquelle ist, impliziert ‚aus der megxt get‘ eher den direkten Ursprung des Fleisches, also die Schlachtung oder den Metzgerbetrieb.

Lesartblaud

Gewählte Lesart: ‚Blaud‘ wird als frühneuhochdeutsche Form von ‚blank‘ gelesen, im Sinne von ‚sauber‘ oder ‚rein‘. Das Fleisch soll gründlich gewaschen werden.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine alternative Lesart als ‚blau‘ (Farbe) ist unwahrscheinlich, da das Waschen von Fleisch nicht dazu dient, es blau zu färben. - Die Reinigung von Fleisch mit Salzwasser zielt auf Sauberkeit ab, nicht auf eine Farbveränderung zu Blau.

Lesartgeytt

Gewählte Lesart: ‚Geytt‘ wird als ‚gibt‘ gelesen, im Sinne von ‚bis es keinen Schaum mehr gibt‘ oder ‚produziert‘.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine alternative Lesart als ‚geht‘ (im Sinne von ‚verschwindet‘) ist ebenfalls denkbar, aber ‚gibt‘ passt besser zur aktiven Produktion von Schaum. - Die Formulierung ‚nit mer foimt geytt‘ beschreibt das Ende der Schaumbildung, was durch ‚gibt‘ als ‚produziert‘ gut ausgedrückt wird.

Lesartrechs

Gewählte Lesart: ‚Rechs‘ wird hier als Form von ‚riechen‘ gelesen (‚es riecht nach Wacholder‘), passend zur unmittelbar vorausgehenden Ergebnisbeschreibung des Räucherns.

Andere mögliche Lesart:

  • Das Buch verwendet an über fünfzehn anderen Stellen die Form ‚resch/res‘ im Sinne von ‚hart, trocken, durchgezogen‘, was in diesem Satz ebenso passen würde (‚lang haltbar und durchgetrocknet‘) und mit der Grammatik der Stelle (‚rechs mit‘ statt des sonst erwarteten ‚riecht nach‘) eher übereinstimmt. - Nicht abschließend geprüft: die ‚resch‘-Lesart stützt sich bislang nur auf einen externen Wörterbuch-Fund, keine Gegenprüfung am Primärtext. Bleibt als offene Korrektur-Kandidatin für den nächsten Durchlauf markiert, aktuelle Lesart unverändert übernommen.

Lesartwech halltter bortzen

Gewählte Lesart: Diese Form wird hier als Wacholder in Gestalt von Räucherholz oder -wurzel gelesen, nicht als Wacholderbeeren: das Wörterverzeichnis zu dieser Handschrift führt beide Formen getrennt, und der Satz beschreibt das Ergebnis des Räucherns, nicht eine zuvor zugegebene Gewürzzutat.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine Lesart als ‚Wacholderbeeren‘ (Gewürzzutat) ist ebenfalls belegbar, da das Buch an anderen Stellen Wacholderbeeren mit einer eigenen, davon unterschiedenen Form bezeichnet und die Beeren-Lesart der Korpus-Konvention entspräche. - Am gedruckten Wortlaut selbst nicht abschließend zu entscheiden; die Stelle bleibt am Faksimile zu prüfen.

Originalwerk (~1543) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 121r - Digitale Rekonstruktion: Originalschriftbild aus der Faksimile-Ausgabe (Edition Leipzig 1983), übertragen auf einen Hintergrund, der dem Originaleinband entspricht. Handschrift: Schloß Ambras bei Innsbruck, PA 1473 (Kunsthistorisches Museum Wien)
Transkription
Eigene Segmentierung der Faksimile-Ausgabe Edition Leipzig 1983 (Transkription Gerold Hayer) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/phw-231
LagerkücheLagerküche
Dieses Rezept ist eine Methode zur langfristigen Fleischkonservierung, die Pökeln über Wochen und anschließendes Räuchern erfordert. Es ist nicht für die Zubereitung im Lager geeignet, da es lange Reifezeiten und spezielle Ausrüstung (Räucherkammer) voraussetzt.
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Stand dieser Fassung: 26.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.