Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Essig mit Eiern ansetzen

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit4320 Min.Portionen1 Krug EssigBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Ein Essigansatz: Einen Krug nehmen, der gut ausgepicht ist. In einem großen Krug fünf Eier ganz braun rösten. Drei lange Roggenbrotschnitten ebenfalls braun rösten, auf den Boden des Krugs legen und die fünf Eier daraufsetzen. Ein Viertelmaß herben Essig hineingießen und den Krug so gut verschließen, dass kein Dampf entweichen kann.

Pfefferkörner leicht zerstoßen, in ein Tuch binden und in den Krug hängen. Drei Tage stehen lassen, bis der Essig herb genug scheint. Dann ein weiteres Viertel oder zwei desselben, bereits gekochten Essigs zugeben, wie oben beschrieben. Dies alle drei Tage wiederholen, bis der Krug voll ist. Dann ist der Essig fertig; das Verfahren sei erprobt worden.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
funff ayer Eier 5 - -
drey lang rucken ſchnite 3 lange Roggenbrotschnitten 3 Scheiben - Lange Brotschnitten
ain vierteil haͤrbenn eſſig Ein Viertelmaß herber Essig 1 - -
pfeffer Eoͤꝛner Pfefferkörner - - -

Welches Gericht ist das? Kein Kochrezept, sondern eine Kellerhandwerks-Anleitung: ein neuer Essig wird in einem gut ausgepichten Krug angesetzt, mit braun gerösteten Eiern und Roggenbrotschnitten als Einlage sowie leicht zerstoßenen Pfefferkörnern in einem Tuchbeutel. Grundlage ist bereits fertiger, herber Essig - hier wird nichts aus Wein oder Most neu vergoren, sondern aromatisiert und über mehrere Wochen gestreckt. Brot als Trägermaterial für einen Essigansatz kennt man auch aus heutigen Anleitungen für hausgemachten Essig; die zusätzlichen gerösteten Eier sind ein eigenständiger, heute nicht mehr gebräuchlicher Zusatz.

Die Wendung „bis dich dünkt, dass er herb sei" ist im Kochbuch mehrfach als Fertigkeitsprobe belegt, nicht als Klage über einen missratenen Ansatz: sobald der Essig herb genug schmeckt, kommt alle drei Tage ein weiteres Viertel oder zwei desselben, bereits gekochten Essigs dazu - ein planmäßiges, schrittweises Auffüllen, bis der Krug voll ist, keine Korrektur eines zu schwachen Ergebnisses.

Praxis. Krug und Verschluss möglichst luftdicht halten, damit während der langen Standzeit wenig verdunstet. Die Eier vor dem Rösten anstechen, damit der Innendruck beim Erhitzen entweichen kann und die Schale nicht platzt - der Text erwähnt das nicht, im 16. Jahrhundert wurden Eier auch mit unversehrter Schale in der Glut geröstet. Nach drei Tagen probieren: schmeckt der Essig bereits herb, ein weiteres Viertel oder zwei desselben, zuvor eingekochten Essigs nachgießen. Diesen Rhythmus alle drei Tage wiederholen, bis der Krug voll ist.

Warum werden Eier und Brotschnitten in den Essig gegeben?

Der Text verwendet sie als Bestandteile des mehrtägigen Essigansatzes. Eier und Brot werden zuvor braun geröstet und gemeinsam mit Essig und Pfeffer in einem abgedichteten Krug angesetzt.

Was bedeutet ein Viertel herber Essig?

Gemeint ist ein Viertel eines damals vorausgesetzten Maßes für herben Essig. Die Einheit wird an dieser Stelle nicht ausgeschrieben und lässt sich deshalb nicht sicher in Milliliter umrechnen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nein. Der Essig muss in einem abgedichteten Krug mehrere Tage stehen und wiederholt ergänzt werden, das gehört zur Kellerarbeit.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Gar ain guͤts ſtuck wie man eſſig ſoll machen / der nem ain kruͤg / der wol bicht ſey / vnd brat in aim groſſen kruͤg) funff ayer / gantz braun / bà drey lang rucken ſchnite auch braun / legs vnden inn den kruͤg / die fuͤnff ayer darauff, nimb ain vierteil haͤrbenn eſſig darein / vermach den kruͤg gar wol / das gar kain dampff darauß n. oͤg / nimb pfeffer Eoͤꝛner / zerſtoß ain wenig / binds inn ain tuͦͤch / thuͤs in den krug / laß drey tag ſtehen / das dich zimpt das ehr herb ſey ſo thuͦ mer ain viertel oder zwey der gſoten iſt / wie oben ſteet in krug / dz thuͤ ſo offt vber dꝛey tag / ſo lang biß er vol wirt ſo haſt du in gerecht / iſt verſuͤcht woꝛden.
kruͤg

Der Krug ist das Gär- und Aufbewahrungsgefäß für den Essig und soll gut ausgepicht, also innen abgedichtet, sein.

drey lang rucken ſchnite

Die drei langen Brotschnitten kommen zusammen mit den braun gerösteten Eiern auf den Boden des Krugs.

pfeffer Eoͤꝛner

Die Pfefferkörner werden nur leicht zerstoßen, in ein Tuch gebunden und in den Krug gehängt.

verſuͤcht woꝛden

Der Schlusssatz stellt das Verfahren als praktisch erprobt dar.

n. oͤg

Die Vorlage ist an dieser Stelle schwer lesbar; das Verb nach „n." lässt sich nicht mehr sicher bestimmen. Der Sinn - dass kein Dampf aus dem verschlossenen Krug entweichen soll - bleibt eindeutig.

der

Das Wort „der" steht hier als kleine, hochgestellte Abkürzung, die in der Vorlage leicht mit einer Ziffer verwechselt werden kann. Im Nachbarrezept auf demselben Blatt erscheint dieselbe Abkürzung eindeutig in derselben Bedeutung. Gemeint ist der bereits eingekochte Essig, von dem hier ein weiteres Viertel oder zwei zugegeben wird.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Anhang: Wie man Essig macht und Wein gut behält
Folio
Fol. 051v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

funff ayerchicken egg Q15260613

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartfunff ayer / gantz braun

Gewählte Lesart: Die Eier bleiben mit unversehrter Schale in der Glut und werden ganz braun geröstet, wie im Text wörtlich beschrieben.

Andere mögliche Lesart:

  • Für den Nachvollzug die Schale vor dem Rösten anstechen, damit der Innendruck beim Erhitzen entweichen kann. - Der Text nennt kein Anstechen; das ist eine moderne Sicherheitsvorkehrung gegen ein Platzen der Schale, kein Bestandteil der Anweisung selbst.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 051v (gedruckte Blattzählung LI verso), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (german_print.mlmodel, 112 Scans) - das BSB-Bibliotheks-OCR war zu fehlerhaft. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Essigherstellung mit einem abgedichteten Krug und wiederholten Ansätzen über mehrere Tage. Das ist Kellerhandwerk und keine Zubereitung für den laufenden Lagerbetrieb.
Alle Rezepte aus Das Kochbuch des Balthasar Staindl Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.

Stand dieser Fassung: 12.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.