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Hecht in ungarischer Brühe

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit35 Min.Portionen4 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm den Hecht, häute ihn und schneide ihn in Stücke.

Nimm einen guten Wein, schneide Äpfel fein klein und lass sie darin eine halbe Viertelstunde sieden. Lege dann den Hecht hinein, lass ihn darin sieden und würze ihn.

Gib etwa acht Zitronen dazu und ein wenig scharfen Essig, und färbe ihn gelb. Lass alles sieden, bis der Hecht gar ist.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
den hecht Hecht 1 Fischhändler Zander, Forelle oder Wels
ain gúten wein Wein - - -
epffel fein klain Äpfel, fein klein geschnitten - - Boskoop oder Elstar für mehr Säure und Formhalt beim Sieden
ain scharpfen essich scharfer Essig - - -
ain acht lemonin Zitronen 8 - -
gilbt jn Safran - Gewürzhandel, gut sortierter Supermarkt -
gewirtzt jn Gewürze - - -

Welches Gericht ist das? Hecht wird in Wein mit fein geschnittenen Äpfeln vorgegart, dann darin fertiggegart und mit Zitronen, scharfem Essig und Safran zu einer süßsauren, gelb gefärbten Brühe vollendet. Ein direkter Nachfahre lässt sich nicht benennen. Erhalten hat sich die Gattung: süßsauer geschmorter Fisch, in Mitteleuropa bis heute am bekanntesten als böhmischer Karpfen in schwarzer Sauce, der ebenfalls Wein, Essig und eine süße Komponente in einem Schmorsud zusammenbringt. Gemeinsam ist beiden nur dieses Prinzip: dort binden Lebkuchen, Nüsse und Backpflaumen die Sauce dunkel und dick, hier bleibt der Sud dünn und hell und wird mit Safran gelb gefärbt.

Offene Frage: ganze Zitronen oder Saft? Der Text nennt keine Verarbeitungsform der acht Zitronen - ob ganze Früchte, ausgepresster Saft oder Schnitze gemeint sind, bleibt offen. Acht ganze Zitronen wirken mengenmäßig viel, waren im 16. Jahrhundert aber kleiner und deutlich saurer als heutige Sorten.

Praxis. Hecht häuten und in Stücke teilen. Äpfel fein klein schneiden und im Wein etwa sieben bis acht Minuten vorkochen, bevor der Fisch dazukommt - so übergart der empfindlichere Fisch nicht, während die Äpfel noch garen. Hecht darin sieden lassen und würzen, dann Zitronen, Essig und Safran erst gegen Ende zugeben, damit Säure und Farbe nicht durch zu langes Mitkochen verkochen. Bis der Hecht gar ist weitersieden lassen - der Garpunkt ist im Text ausdrücklich benannt. Acht Zitronen zusätzlich zu scharfem Essig ergeben ohne im Text genanntes Süßungsmittel eine kräftig saure Brühe; wer das zu sauer findet, kann mit dem Zitronensaft statt ganzer Früchte beginnen und nachsäuern.

Wo bekomme ich einen Hecht?

Frischer Hecht ist beim Fischhändler oder auf dem Wochenmarkt erhältlich, seltener im Standard-Supermarkt. Zander, Forelle oder Wels sind gut geeignete Ersatzfische mit ähnlich festem, weißem Fleisch.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, gut geeignet. Es braucht nur einen Topf am Feuer und ist in unter einer Stunde fertig, einzig frischer Fisch sollte am Markttag besorgt werden.

Was bedeutet die Angabe 'ain halbe fiertelstúnd'?

Das ist eine halbe Viertelstunde, also etwa sieben bis acht Minuten. Die Äpfel sollen in dieser kurzen Zeit im Wein vorgaren, bevor der Hecht dazukommt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Ain hecht zú machen jn ainer vnngerischen brie Nempt den hecht vnnd schint jn/ vnnd macht jn zú stúcken, nempt ain gúten wein, schneit epffel fein klain, lasts darin sieden ain halbe fiertelstúnd, alsdan legt den hecht darein/ vnnd last jn darinnen sieden vnnd gewirtzt jn/ thiet ain acht lemonin darein vnnd ain wenig ain scharpfen essich vnnd gilbt jn/ vnnd land jn sieden, bis er gnúg gesotten jst.
brie

Brühe oder gebundene Sauce, nicht der französische Käse Brie. In Sabina Welserins Kochbuch ein sehr häufiger Begriff für flüssige, oft gewürzte und gefärbte Kochflüssigkeiten.

gilbt

Mit Safran gelb färben. Diese Wendung steht im Buch mehrfach für den Arbeitsschritt, eine Brühe oder Sauce mit Safran gelb zu tönen.

vnngerischen

Ungarisch. Namens-Herkunftsbezeichnung, mit der zeitgenössische Kochbücher gern exotisch oder repräsentativ klingende Gerichte auszeichneten, unabhängig davon, ob eine tatsächliche ungarische Zubereitungsweise dahinterstand.

lemonin

Zitronen. Ein aus dem Italienischen entlehntes Wort für die damals noch recht neue und kostbare Frucht.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 50 recto
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

den hechtnorthern pike Q83363026
ain gúten weinwine Q282
gilbt jnsaffron Q25434
gewirtzt jnspice Q42527

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartain acht lemonin

Gewählte Lesart: Etwa acht Zitronen, wobei 'ain' hier als ungefähre Mengenangabe ('ein acht' = etwa acht) zu lesen ist, nicht als Zahlwort 'eins'.

Andere mögliche Lesart:

  • Acht Zitronenscheiben, -schnitze oder deren Saft statt ganzer Früchte - Der Text nennt keine Verarbeitungsform der Zitronen, daher bleibt offen, ob ganze Früchte, ausgepresster Saft oder Scheiben gemeint sind. Ganze Zitronen wirken mengenmäßig viel, waren aber im 16. Jh. kleiner und saurer als heutige Sorten.

Lesartgilbt jn

Gewählte Lesart: Färbt ihn, den Hecht, mit Safran gelb, entsprechend der im Buch wiederholt belegten Bedeutung von 'gilben'. 'Jn' ist im selben Satz durchgehend das Pronomen für den Hecht (schint jn, macht jn zú stúcken, last jn sieden, gewirtzt jn, gilbt jn, land jn sieden) - 'brie' ist im Buch grammatisch feminin und kommt als Bezugswort für 'jn' nicht infrage.

Andere mögliche Lesart:

  • Färbt allgemein gelb, ohne dass zwingend Safran gemeint ist - Der Text nennt kein Färbemittel explizit, sodass auch Eigelb oder eine andere gelbe Zutat theoretisch denkbar wäre, auch wenn 'gilben' im Buch sonst regelmäßig mit Safran verbunden ist.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 50 recto, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf am Feuer in etwa 30-40 Minuten fertig, frischer Hecht sollte morgens besorgt werden. Wein, Äpfel, Zitronen und Essig sind unkritische Zutaten ohne Kühlbedarf.
Alle Rezepte aus Das Kochbuch der Sabina Welserin Alle Kochbücher

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Stand dieser Fassung: 02.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.