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Sülzenrad nach Küchenmeister Simon

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

RezeptSonstigesLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit300 Min.Portionen1 dekoratives Sülzenrad als Tafelaufsatz (keine Portionsangabe)BuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Zuerst die Brühe von gekochtem Karpfen und Hecht nehmen, eine Hausenblase daruntergeben und die Brühe weiterköcheln lassen. Zucker, Ingwer, Pfeffer und Zimt hineingeben und mit Safran gelb färben. Abschmecken und nach eigenem Geschmack würzen.

Danach die Brühe durch ein Tuch laufen lassen, bis sie klar ist.

Ein kleines rundes Gefäß anfertigen, so breit wie das Rad und etwa eine Handbreit tief. Das Rad darin platzieren und die geklärte Brühe darübergießen. Sobald sie fest geworden ist, das Gefäß vorsichtig klopfen, um es zu lösen, das Rad herausnehmen und wieder auf sein Gestell setzen.

Die Forellen muss man oben auf die Spitze setzen, wie zuvor beschrieben, wie man sie sieden soll. Darunter das eiserne Untergestell vom Goldschmied fest in eine Schüssel einsetzen lassen.

Unten eine weiße Sülze anfertigen und mit schwarzen Buchstaben verzieren, ganz nach Belieben. Sobald die weiße Sülze fest geworden ist, eine braune Sülze darübergießen. Diese muss aber gut lauwarm sein, damit die weiße Sülze nicht wieder schmilzt.

Darauf achten, dass die Sülze über dem Rad gut fest geworden ist, sonst hält sie nicht zusammen. Dann ist es ein schöner Tafelaufsatz.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
karpfen Karpfen, gesotten - Fischhändler -
hecht Hecht, gesotten - Fischhändler -
(implied) Wasser - Leitung -
haúsennblatter Hausenblase - Online-Gewürzhandel, spezialisierter Feinkosthandel Blattgelatine
zúcker Zucker - - -
jmber Ingwer - - -
pfeffer Pfeffer - - -
zimerrerlen Zimtstangen - - -
gilbts Safran, zum Gelbfärben - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
forchine Forellen (dialektal: forchine) - Fischhändler -

Welches Gericht ist das?

Ein mehrfarbig geschichtetes Fisch-Sülzenrad für die festliche Tafel: geklärte Karpfen-Hecht-Brühe mit Hausenblase geliert, um ein eigens vom Goldschmied gefertigtes eisernes Radgestell gegossen, oben mit Forellen besetzt und mit schwarzen Buchstaben in der weißen Schicht verziert. Strukturell ein Vorläufer der späteren Aspik-Schaustücke der klassischen Küche - geschichtete, eingefärbte Gallerte um eine Trägerkonstruktion, wie sie bis heute im Buffet- und Wettbewerbsbereich als Schauplatten gemacht werden. Kein Alltagsgericht, sondern ein Tafelaufsatz für ein Fest.

Die Form (schefflin).

Mit 'schefflin' ist vermutlich eine kleine, runde Form gemeint, ein Diminutiv von 'Schaff' (Bottich, Wanne) - eine Gussform, breit wie das Rad und etwa handbreit tief, in die das Rad gestellt und die geklärte Brühe gegossen wird. Nach dem Fest-Werden löst sich die Form durch vorsichtiges Klopfen, das Rad kommt heraus und wird auf sein Gestell zurückgesetzt.

Forellen an der Spitze.

Oben auf der Spitze des Rads werden Forellen platziert, zubereitet wie zuvor im Buch beschrieben - vermutlich ein Verweis auf die im vorausgehenden Sülzfisch-Rezept desselben Küchenmeisters geschilderte Technik. Der Text nennt hier ausdrücklich einen Fisch, keine abstrakte Zierform.

Praxis.

Karpfen- und Hechtbrühe mit aufgelöster Hausenblase weiterköcheln, mit Zucker, Ingwer, Pfeffer und Zimt würzen und mit Safran gelb färben, dann durch ein Tuch laufen lassen, bis sie klar ist - das ergibt die durchsichtige Gelee-Basis. Die weiße Schicht zuerst in die Form gießen, mit Buchstaben aus dunklerer Masse verzieren und fest werden lassen. Die braune Sülze erst danach aufgießen, und zwar nur gut lauwarm: Hausenblase-Gele sind thermoreversibel, eine zu heiße zweite Schicht würde die bereits feste weiße Schicht wieder anschmelzen. Das eiserne Untergestell braucht handwerkliche Vorarbeit; ohne stabile Konstruktion hält die Sülze über dem Rad nicht zusammen.

Wo bekomme ich Hausenblase?

Hausenblase aus echter Störschwimmblase ist heute kaum noch im Handel, am ehesten über spezialisierten Online-Feinkosthandel. Als praktikabler Ersatz eignet sich Blattgelatine, die geschmacklich neutral bindet und in jedem Supermarkt erhältlich ist.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, als Schaugericht. Die Brühe, ihre Klärung und die Grundform lassen sich zu Hause vorbereiten, am Markt wird dann sichtbar geschichtet, das Rad auf sein Metallgestell gesetzt und die letzte Sülzeschicht gegossen. Für den kompletten Aufbau braucht es aber ein eigens gefertigtes Eisengestell und sehr genaues Timing beim Schichten, das ist eher etwas für ein geplantes Highlight als für nebenbei.

Was ist mit dem 'Rad' gemeint, für das ein Goldschmied gebraucht wird?

Gemeint ist ein radförmiges Metallgestell, das eigens angefertigt wird und als Kern des Sülzenaufbaus dient. Die Sülze wird darüber und darum geschichtet, sodass am Ende ein aufwendiger, mehrfarbiger Tafelaufsatz mit eingelegten Buchstaben entsteht.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Ain súltz aúf ainem rad zú machen, kompt vom kochmaister simon Erstlich nim die brie vom karpfen vnnd hecht gesotten vnnd nempt ain haúsennblatter darúnder/ vnnd last die brie sieden, nempt zúcker, jmber, pfeffer, zimerrerlen vnnd gilbts/ versúchs/ machs, wie es dir woll gefalt/ darnach lasß dúrch denn sack laúffen/ bis es laúter wirt, darnach lasß ain schefflin machen, wie braid das rad jst/ vnnd vngefarlich ain handtbrot tieff/ vnnd setzt das rad darein/ darnach/ miest jr die brie/ daraúffschitten, vnnd wans gestatt, so last das schefflin erschlagen/ vnnd thiet das rad daraúß vnnd setzt es wider aúff das stefft/ die forchine músß man oben aúff die spitz machen, wie vor statt, wie mans soll sieden, darnach das vnnder eissin ding/ last jn ain schissel den goldtschmid darein bestetten vnnd macht vnnden ain weisse súltz, macht schwartz búchstaben darein/ was jr welt, vnnd giest ain braúne súltz dariber, wan die weiss gestanden jst/ sý músß aber gar laúe sein/ damit die weisß súltz nimer ergang/ vnnd secht, das die súltz ob dem rad gar woll gesterckt seý/ sonst beleibts nit/ so jsts ain schen auffsetzen/.
brie

Hier Brühe/Sud, nicht Brei oder der Käse Brie. Die Fischbrühe von Karpfen und Hecht bildet die Grundlage der Sülze.

haúsennblatter

Hausenblase, das Geliermittel aus der getrockneten Schwimmblase des Hausen (Stör). Historisches Pendant zur modernen Blattgelatine.

gilbts

'Gilben' heißt im Buch der Sabina Welserin durchgängig, mit Safran gelb färben.

schefflin

Kleines rundes Gefäß, vermutlich eine Wanne oder Form, in die das Rad zum Ausgießen der Sülze gestellt wird.

súltz

Sülze, hier eine mehrschichtige Gallerte aus geklärter Fischbrühe, weiß und braun übereinandergegossen.

goldtschmid

Der Goldschmied fertigt hier das eiserne Untergestell für das Sülzenrad, also ein Handwerker, keine Zutat.

stefft

Vermutlich das Gestell oder der Ständer, auf den das ausgeformte Rad nach dem Entformen zurückgesetzt wird.

forchine

Dialektale Pluralform von Forelle, kein Zierelement. Belegt in saw-064 (Fischartenliste 'forchine, karpffen, selbling, brexine') und in saw-181, ebenfalls vom kochmaister simon, wo derselbe Begriff explizit als Dialektform von Forellen annotiert ist. Die Forellen werden oben auf die Spitze des Sülzenrads gesetzt, zubereitet wie im vorausgehenden Sülzfisch-Rezept beschrieben.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 51 verso
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

karpfencarp Q83355448
hechtnorthern pike Q83363026
(implied)water Q283
haúsennblatterisinglass Q1255331
zúckerunrefined cane sugar Q57656231
jmberginger Q15046077
pfefferpepper Q3143131
zimerrerlencinnamon Q28165
gilbtssaffron Q25434

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesarthandtbrot

Gewählte Lesart: Als Maßangabe gelesen im Sinn von 'Handbreit', also eine Tiefe von etwa einer Handbreite.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich als Vergleichsgröße zu einem Brotlaib. - Buchstäblich gelesen könnte 'Handbrot' auf die Größe eines kleinen Brotlaibs anspielen, als Tiefenmaß ergibt das aber weniger Sinn als 'Handbreit'.

Lesartschefflin

Gewählte Lesart: Kleines rundes Gefäß bzw. eine Form, Diminutiv von 'Schaff' (Bottich, Wanne), dient als Gussform für die Sülze.

Andere mögliche Lesart:

  • Kleine Schaufel. - Lautliche Nähe zu 'Schäufelchen', passt aber schlecht zum Kontext einer Gussform, in die das Rad gestellt wird.

Lesartstefft

Gewählte Lesart: Gestell oder Ständer, auf den das ausgeformte Rad nach dem Entformen zurückgesetzt wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein einzelner Stift oder Zapfen als Halterung. - Könnte statt eines ganzen Gestells nur ein einzelnes Halteelement meinen, aus dem Kontext ('wider aúff das stefft setzen') ist ein größeres Gestell aber plausibler.

Lesarterschlagen

Gewählte Lesart: Das Gefäß durch vorsichtiges Klopfen lösen, um die fertige Sülze auszuformen.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich die Form zerschlagen bzw. zerbrechen. - Die Form könnte auch als Einwegform gedacht sein, die beim Entformen zerstört wird, der Kontext (Wiederverwendung des Rads) spricht aber eher für ein bloßes Losklopfen.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 51 verso, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Fischbrühe, Klärung und Grundformen lassen sich Tage vorher zu Hause vorbereiten, am Marktstand wird nur noch geschichtet, das eiserne Radgestell eingesetzt und die letzte Sülzeschicht sichtbar gegossen. Das mehrstufige Schichten mit exakter Lauwarm-Temperatur und die aufwendige Eisen-Konstruktion vom Goldschmied machen es zum echten Ausstellungsstück, nicht zum Alltagsgericht.
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Stand dieser Fassung: 02.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.