Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553
Anno 1548, am 25. Januar, hat mich der Kochmeister Simon, der Koch des Grafen von Leuchtenberg, gelehrt, Sülzfisch zu machen.
Zuerst einen Hecht von 2 Pfund häuten und ihm quer kleine Einschnitte einritzen, dann in Stücke teilen. Daneben eine zweite Schüssel für die Gallerte vorbereiten: 2 Forellen von je einem Pfund am Rücken ein wenig abschinden, die Forellen dann so herrichten, dass Kopf und Schwanz aufrecht stehen. Wasser in eine Pfanne geben, aufkochen lassen und salzen. Etwas Essig über die Forellen gießen, dann die Forellen in die Brühe legen, sodass sie gut bedeckt sind. Nicht zu stark kochen lassen, sonst halten die Forellen ihre Form nicht und werden ganz blau. Die Forellen 3 Stunden in der Brühe stehen lassen, dann auf einen zinnernen Teller legen.
Den Hecht in eine Pfanne geben, ein wenig salzen und mit 2 Maß Neckarwein aufkochen lassen. Etwas mehr als ein Viertelmaß Hausenblasenwasser dazugeben, dazu Safran, Pfeffer und Zucker, jeweils nach Belieben. Bei kleinem Feuer sanft köcheln lassen und den Schaum mit dem Schaumlöffel abnehmen. Die Brühe danach in einen Topf abseihen, den Hecht in eine Schüssel legen und die Brühe dreimal durch einen Wollsack oder ein Passiertuch laufen lassen, bis sie schön klar ist. Die Brühe über den Hecht gießen, die Schüssel aber nicht ganz füllen, und bis zum nächsten Tag stehen lassen.
Am folgenden Tag die 2 Forellen in eine Schüssel legen und etwa zwei Finger hoch Brühe vom Sülzfisch dazugießen, die Schüssel dabei nicht ganz füllen. Einen guten Teil der Brühe für den nächsten Tag aufheben.
Nun die fünf Farben herstellen:
Weiß: Mandeln fein zerstoßen und mit Hausenblasenwasser durch ein Tuch treiben, das ergibt die weiße Farbe.
Gelb: Die weiße Farbe nehmen und mit Safran gelb färben.
Braun: Ein braunes Tüchlein, die Trysolita, in Hausenblasenwasser legen und auswringen, das macht braun.
Schwarz: Roggenbrot auf einem Rost gut rösten, zu Pulver stoßen und mit Hausenblasenwasser durch ein Tuch treiben, das ergibt Schwarz.
Grün: Eine Handvoll Spinat oder Mangold im Mörser zerstoßen und mit Hausenblasenwasser durch ein Tuch treiben, das ergibt Grün.
Die fertige Gallerte einem Maler bringen und mit den fünf Farben dort, wo kein Fisch liegt, nach Wunsch bemalen lassen, sei es ein Wappen, Rankenwerk oder Buchstaben. Man darf das alles bedenkenlos mitessen. Wichtig ist nur, dass die Gallerte vor dem Bemalen schon fest geworden ist. Danach die 2 Forellen schön hineinsetzen und die übrig gebliebene Brühe darübergießen, bis die Schüssel nach Belieben voll ist. Zum Schluss alles fest werden lassen, dann ist der Sülzfisch fertig.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain hecht von 2 pfúnd | 1 Hecht, ca. 1 kg (2 Pfund) | 1000 g | Fischhändler | - |
| 2 ferchelen von ainem pfúnd | Forellen, je 1 Pfund (ca. 500 g) | 2 | Fischhändler | - |
| ain wenig ain essich | Essig | - | - | - |
| ain wasser | Wasser | - | Leitung | - |
| saltz | Salz | - | - | - |
| 2 masß neckerwein | Maß Neckarwein | 2 | - | trockener Weißwein |
| haúsenplaterwasser | Hausenblasenwasser | - | Brauereibedarf, Online-Gewürzhandel | Pulvergelatine, in Wasser aufgelöst |
| saffera | Safran | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| pfeffer | Pfeffer | - | - | - |
| zúcker | Zucker | - | - | - |
| ain mandel klain | Mandeln | - | Supermarkt (Backregal) | Ganze Mandeln im Blender kurz zermahlen, wenn du die Frische bevorzugst |
| ain rúckin brot | Roggenbrot | - | - | - |
| ain handtúol spinet oder mangoldtkraút | Spinat oder Mangold | - | - | - |
| trysolita | Trysolita | - | - | Periodentreu: dunkel eingekochter Sud (so löst es das Nachbarrezept saw-182) oder kürzer geröstetes Roggenbrot - dasselbe Brot, das hier für Schwarz verwendet wird. Rotes Sandelholz zieht ins Rotbraune. |
Welches Gericht ist das? Ein aufwendiges kaltes Fisch-in-Gallerte-Schaugericht: ein ganzer Hecht und zwei "blau" gegarte Forellen werden in eine klare, mit Hausenblase gebundene Sülze gesetzt, deren erstarrte Oberfläche anschließend mit fünf selbst hergestellten Farben bemalt wird - im Kern eine essbare, bemalte Gelee-Leinwand. Der nächste lebende Verwandte ist die heute noch erhältliche Fischsülze bzw. Fisch in Aspik; die bemalte Oberfläche mit Wappen, Rankenwerk oder Schriftzügen gehört dagegen in die Tradition fürstlich-großbürgerlicher Schauessen und hat kein direktes Alltagsäquivalent mehr - am ehesten lebt sie in aufwendig dekorierten Festtags-Terrinen fort.
Zur Trysolita. Das braune Färbetuch, das in Hausenblasenwasser eingelegt und ausgewrungen Farbe abgibt, ist im Text ein Hapax und lässt sich nicht mit letzter Sicherheit identifizieren. Am plausibelsten ist eine Deutung als historisches Färbetuch nach Art des Turnsol-Tuchs, das genauso gehandelt wurde: mit Pflanzensaft getränkte Tüchlein, die man einlegt und auswringt. Sicher ist das aber nicht. Für die braune Farbe selbst kennt die Zeit einfachere Wege - dunkel eingekochte Sude (so das unmittelbar folgende Rezept saw-182) und geröstetes Brot, das je nach Röstgrad von Braun bis Schwarz reicht.
Zur Lagerung während des mehrtägigen Ansatzes. Der Text erwähnt an keiner Stelle, wie Brühen und Gallerte zwischen den Arbeitstagen aufbewahrt wurden - im Winter (das Rezept datiert auf den 25. Januar) reichte historisch vermutlich eine kühle Vorratskammer.
Praxis. Rechne mit mindestens zwei Übernachtungen, eher drei Tagen: Am ersten Tag wird der Hecht-Sud angesetzt und über den Hecht gegossen, damit die Gallerte fest wird. Am zweiten Tag kommen die Forellen mitsamt einem Teil der Brühe dazu, die Restbrühe wird für den dritten Tag zurückgestellt. Erst am dritten Tag werden die fünf Farben angerührt und die inzwischen fest gewordene Gallerte bemalt, bevor die Forellen eingesetzt und mit der restlichen Brühe aufgefüllt wird. Für die Farben aus Mandeln, geröstetem Roggenbrot und Spinat/Mangold jeweils fein zerstoßen und mit Hausenblasenwasser durch ein Tuch treiben statt nur zu verrühren - erst das Durchpressen ergibt eine klumpenfreie, streichfähige Farbe. Die Forellen nur sanft im Essig-Salzwasser sieden, nicht sprudelnd kochen, sonst verlieren sie ihre aufrechte Form und die Blaufärbung wird ungleichmäßig. Fisch, Brühen und Gallerte während der gesamten mehrtägigen Standzeit durchgehend im Kühlschrank lagern statt bei Raumtemperatur - das ist heute die sichere Praxis-Empfehlung, auch wenn der Text selbst keine Kühlungsangabe macht.
Hausenblase ist getrocknete Fischschwimmblase, historisch vom Hausen-Stör, und wurde als Gelier- und Klärmittel verwendet. Heute findet man sie am ehesten im Brauereibedarf (zum Schönen von Bier) oder im Online-Gewürz- und Spezialitätenhandel. Wer nicht lange suchen will, ersetzt sie unkompliziert durch in Wasser aufgelöste Pulvergelatine - der Geschmack bleibt neutral, nur der historische Bezug geht etwas verloren.
Ja, hervorragend als Schaugericht - allerdings mit echtem Mehrtages-Vorlauf: Hecht-Sud und Gallerte werden am ersten Tag angesetzt, am zweiten Tag kommen die Forellen samt einem Teil der Brühe dazu, und erst am dritten Tag werden die fünf Farben angerührt und auf die inzwischen fest gewordene Gallerte gemalt. Am eigentlichen Markttag bleibt dann nur noch das Anrühren der Farben und das Bemalen als kompakte, publikumswirksame Vorführung übrig.
Ganz sicher lässt sich das nicht mehr klären. Der Text beschreibt es als 'ein braunes Tüchlein', das in Wasser eingelegt und ausgewrungen eine braune Farbe abgibt - das erinnert stark an historische Färbetücher, wie sie unter dem Namen 'Turnsol' zum Einfärben von Speisen im Umlauf waren. Wer es nachkochen will, bleibt besser bei den Braun-Quellen, die die Zeit selbst kennt: Das unmittelbar folgende Rezept derselben Handschrift füllt seine Sülze mit Gelb, Schwarz und Braun und nimmt dafür dunkel eingekochte Sude (saw-182). Und dieses Rezept hier liefert die Technik bereits mit - das geröstete Roggenbrot, das hier Schwarz ergibt, gibt kürzer geröstet ein sattes Braun. Rotes Sandelholz zieht ins Rotbraune.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).
Sieht wie 'Ferkelein' aus, meint hier aber Forellen. Das zeigt der weitere Text eindeutig: Rücken abschinden, Kopf und Schwanz aufrecht stellen, in Essigwasser garen, blau werden - das ist die klassische Zubereitung von Forelle blau.
Dialektform von Forellen, bezeichnet dieselben Fische wie 'ferchelen' weiter oben.
Wasser, in dem Hausenblase (getrocknete, geleeartige Schwimmblase des Hausen-Störs) aufgelöst wurde. Diente als Geliermittel für die Gallerte und als Bindeflüssigkeit für die Farben.
Unklarer Begriff für ein braunes Tüchlein, das in Wasser eingelegt und ausgewrungen Farbe abgibt. Am plausibelsten ist eine Deutung als Färbetuch (ähnlich dem historischen 'Turnsol'-Farbtuch), sicher ist das aber nicht.
Neckarwein, ein Wein aus dem Neckartal - eine naheliegende Weinwahl für einen süddeutschen Haushalt.
Ein kleines Viertelmaß Flüssigkeit, vermutlich ein Viertel einer Maß.
Mit Safran gelb färben, ein feststehender Arbeitsschritt in vielen Rezepten dieser Zeit.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ain hecht von 2 pfúnd | northern pike Q83363026 |
| ain wenig ain essich | vinegar Q41354 |
| ain wasser | water Q283 |
| saltz | table salt Q11254 |
| saffera | saffron Q25434 |
| pfeffer | pepper Q3143131 |
| zúcker | unrefined cane sugar Q57656231 |
| ain mandel klain | almond Q184357 |
| ain rúckin brot | rye bread Q3893120 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
trysolita
Gewählte Lesart: Ein braunes Färbetuch, das durch Einlegen in Wasser und Auswringen Farbe abgibt, ähnlich den historisch belegten Turnsol-Färbetüchern für Speisen.
Andere mögliche Lesart:
Kühllagerung der Gallerte während des mehrtägigen Ansatzes
Gewählte Lesart: Der Text erwähnt keine Kühllagerung. Historisch reichte im Winter (das Rezept ist auf den 25. Januar datiert) vermutlich eine kühle Vorratskammer.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 01.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.