Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545
Nimm ein Pfund Weinbeeren, wasche und lies sie gründlich aus, damit nichts Unsauberes dabei ist. Schwenke sie in einer Pfanne, bis sie kalt und trocken sind.
Stoße die Weinbeeren dann klein. Gib Zimtrinde, Nelken, Zucker und Salz dazu. Nimm alles zusammen und forme einen Igel daraus. Wenn er bereit ist, bestecke ihn mit Nelken, das sind seine Borsten, und setze ihm eine goldene Muskatnuss in den Mund. So ist er fertig.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain pfund weinber | Rosinen | 500 g | Supermarkt | - |
| zimetrind | Zimtrinde | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | gemahlener Zimt (weniger) |
| naͤgelin | Nelken | - | Supermarkt | - |
| zucker | Zucker | - | - | - |
| ſaltz | Salz | - | - | - |
| ain gulden Huſcat | 1 goldene Muskatnuss | 1 Stück | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | eine ganze Muskatnuss, leicht vergoldet oder mit Lebensmittelfarbe bemalt |
Welches Gericht ist das? Ein geformtes Konfekt aus gestoßenen Rosinen und Gewürzen, zu einem Igel modelliert: Nelken stecken als Borsten in der Masse, eine vergoldete Muskatnuss bildet das Maul. Es wird nicht gekocht, sondern nur getrocknet, gestoßen und geformt - ein reines Schaustück für die Tafel, wie es heute in geformten Trockenfrucht-Pralinen oder Marzipanfiguren fortlebt.
Wie stark und wie lange in der Pfanne? Der Text sagt nur, dass die Rosinen in der Pfanne geschwenkt werden, bis sie beim Abkühlen trocken sind - weder Hitze noch Dauer werden genannt. Das Wort „schwayb“ (mhd. sweiben) heißt zunächst „schwenken, bewegen“, nicht „rösten“; ebenso denkbar ist also nur eine handwarme Pfanne ohne offene Flamme, in der die Rosinen bewegt und an der Luft getrocknet wurden. Sicher ist nur das Ziel: Oberflächenfeuchtigkeit muss weg, sonst klebt die Masse beim Stoßen und die fertige Figur hält nicht.
Praxis. Rosinen verlesen (Stiele und Fremdkörper entfernen), dann in einer trockenen Pfanne bei niedriger Hitze kurz schwenken, bis sie beim Abkühlen trocken sind - nicht rösten oder bräunen. Danach fein stoßen (Mörser oder Küchenmaschine), mit Zimtrinde, Nelken, Zucker und Salz vermengen. Die eigene Klebrigkeit der Rosinen reicht, um die Masse zu einer Igelform zu formen; kein zusätzliches Bindemittel nötig. Zum Schluss mit Nelken als Borsten bestecken und eine goldene Muskatnuss als Maul aufsetzen.
Der „Igel“ ist hier kein Tier, sondern ein Formgericht. Eine Masse aus Rosinen und Gewürzen wird zu einer Igelform modelliert und mit Nelken als Borsten sowie einer Muskatnuss als Mund verziert. Solche Schaugerichte waren im Mittelalter und der frühen Neuzeit sehr beliebt.
Ja, hervorragend geeignet. Alle Zutaten sind trocken und haltbar, die Zubereitung erfordert nur eine Pfanne und einen Mörser und ist in kurzer Zeit am offenen Feuer umsetzbar. Das Ergebnis ist eine dekorative, haltbare Süßspeise.
„Schwayb sie inn ainer pfannen“ bedeutet, die Rosinen in einer Pfanne zu schwenken, bis sie beim Abkühlen trocken sind. Wie viel Hitze dabei genutzt wurde, sagt der Text nicht - in der Praxis reicht ein kurzes Schwenken bei niedriger Hitze, um die Oberflächenfeuchtigkeit zu entfernen, bevor die Rosinen zerstoßen und geformt werden.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.
Im Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen sind mit „Weinbeeren“ meist getrocknete Weinbeeren, also Rosinen, gemeint, sofern nicht explizit frische Früchte genannt werden.
Von mittelhochdeutsch ‚klauben‘, bedeutet hier ‚auslesen‘ oder ‚sortieren‘, um Verunreinigungen zu entfernen.
Im historischen Kontext bedeutet ‚schön‘ oft ‚sauber‘, ‚gründlich‘ oder ‚sorgfältig‘, nicht primär ‚ästhetisch ansprechend‘.
Zimtrinde, also die ganze Zimtstange, die vor der Verwendung gemahlen oder zerstoßen wird.
Gewürznelken, die hier sowohl in die Masse gemischt als auch als dekorative Borsten für den Igel verwendet werden.
Borsten, hier die Stacheln des Igels, die durch die Nelken dargestellt werden.
Muskatnuss. Die Bezeichnung ‚gulden‘ (golden) deutet auf eine vergoldete oder goldfarbene Muskatnuss als dekoratives Element hin, das dem Igel als ‚Mund‘ dient.
OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts fuer die Zeilenoeffnung „Nim" (Rezeptbeginn nach der Kapitalzahl). Kraken las den Absatzstrich (Pilcrow ¶) vor dem Wort als Ziffer „4" und das Wort selbst als „Uim" statt „Nim"; zusaetzlich wurde vor der Kapitelzahl „xxv." ein Stoerzeichen „W" eingefuegt. Scan (fol. 005r) zeigt eindeutig „xxv. ¶ Nim ain pfund weinber" - der Pilcrow wird wie in den Nachbarrezepten std-024/std-026 nicht mittranskribiert. text_modern uebersetzt bereits korrekt mit „Nimm ein Pfund Weinbeeren".
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ain pfund weinber | raisin Q13186 |
| naͤgelin | clove Q15622897 |
| zucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
| ſaltz | table salt Q11254 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Schwayb sie inn ainer pfannen (Hitze und Dauer)
Gewählte Lesart: Die Rosinen werden bei niedriger Hitze in der trockenen Pfanne geschwenkt und gewendet, bis die Oberflächenfeuchtigkeit verdunstet ist.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 05.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.